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Eine Schiffstour mit der MS Translubeca ab Lübeck hat besonderen Charme – und schenkt den Passagieren viel Zeit

Mit der Frachtfähre zu St. Petersburgs barocker Eleganz

Rügen wankt. Sassnitz, um genau zu sein. Auf und ab bewegen sich die beleuchteten Häuser, auf und ab. Und das ist auch kein Wunder, der Wind peitscht das Meer mit Stärke sieben auf, als die MS Translubeca in den Hafen von Sassnitz einläuft. Sonntagfrüh ist es. Tag zwei auf der Fahrt von Lübeck nach St. Petersburg. Am Abend zuvor hatte die Translubeca abgelegt, die für Finnlines Passagiere und Fracht befördert. 25 Laster sind an Bord, 55 Autos und jede Menge Spezialfahrzeuge. Ein paar sind in Sassnitz noch hinzugekommen. Und dann: zwei Tage auf hoher See. Kein Mobilempfang, die Passagiere vertreiben sich die Zeit am Kicker, in der Sauna, auf den beiden Ergometern. Bei Frühstück, Mittag- und Abendessen, Kaffee und Mitternachtsimbiss.

veröffentlicht am 22.05.2009 um 23:00 Uhr

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Rauskommen dank der Seefahrt

Die Mahlzeiten sind es auch, die Alexander Loberski auf die Fähre gebracht haben. Der 40-Jährige bittet darum, Sascha genannt zu werden. „Meine Oma“, erzählt er, „hat mich zum Kochen gebracht. Sie war dreimal in russischen Lagern, hat dort Hunger kennengelernt. Darum hat sie immer gesagt: Junge, werde Koch, dann hast du es immer warm und wirst satt.“

Zwar ist Sascha heute Zahlmeister, aber als Koch hat er auf der Translubeca angeheuert. So hat er Omas Rat beherzigt und sich dabei noch einen Wunsch erfüllt. „Als ich klein war und es die Sowjetunion noch gab“, schildert er, „habe ich immer davon geträumt, rauszukommen aus meinem Land.“ Die Möglichkeit dazu bot ihm die Seefahrt. Bis heute findet er sie romantisch. Die Sonnenuntergänge etwa. Sie tauchen die Fähre in ein sanftes Licht, das dem weißen Anstrich die Kanten nimmt. Das die Wellentäler langsam streckt, die Ostsee nicht mehr bläulich-grau, sondern nachtdunkel aussehen lässt. Das einen einlullt und sich mit der Translubeca durch die Wellen wiegen lässt, hineinträumen in den Sonnenuntergang.

Besuch in der Fünf-Millionen-Metropole

Und auch wenn Sascha an seine Heimatstadt denkt, ist er Romantiker. Er stammt aus Puschkin bei St. Petersburg. Und er legt Wert darauf, dass seine Stadt eben nicht heißt wie der Wodka, sondern „wie das Bernsteinzimmer“. Dahin empfiehlt er auch gleich einen Ausflug für Dienstag oder Mittwoch. An den Tagen liegt die Translubeca in St. Petersburg, Ladung löschen, neue an Bord nehmen. Zeit für die Gäste, sich die Fünf-Millionen-Metropole anzusehen.

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Willkommene Abwechslung an Bord: Schwitzen in der Sauna.

Bernsteinzimmer für daheim

Puschkin liegt etwa 45 Busminuten vom Hafen entfernt. 2003 war das Bernsteinzimmer hier rekonstruiert worden. Gelb und braun, orange und rot schimmert das fossile Harz, sechs Tonnen sind es insgesamt. Verarbeitet sind sie in Form von Girlanden, Bilderrahmen, Wappen, an manchen Stellen sehen die Bernsteine sogar aus wie Intarsien.

Die Restauratoren, erzählt Reiseleiterin Lena Gerlikh, seien immer noch beschäftigt – allerdings nicht mehr im Katharinenpalast. Privatleute bestellten jetzt kleine Bernsteinzimmer für daheim. Reichtum, der auch zu sehen ist auf dem Newski-Prospekt, der Hauptstraße St. Petersburgs. Die Dichte an Stretch-Limousinen, die hier an den Designerboutiquen vorbeigleiten, könnte höchstens in Manhattan noch größer sein.

Keine Spur von Luxus findet sich in den Schlafvierteln rund ums Zentrum. In den grauen Plattenbauten leben die meisten Einheimischen, ein Fünftel von ihnen ist bereits im Rentenalter, die Durchschnittsrente liegt bei etwa 80 Euro im Monat. Viele Senioren sitzen deshalb tagsüber in den Museen, verdienen sich ein paar Rubel für die Miete dazu. Die Mieten sind nicht niedrig in St. Petersburg, die 26-jährige Lena teilt sich mit ihren Eltern eine Wohnung, die 250 Euro kostet.

Und so sind auch die Wärter in der Eremitage vorwiegend älter. Sie schauen ernst, wie sie da sitzen in einer der größten Kunstsammlungen der Welt, umgeben von mehr als 60 000 Exponaten, darunter die Landschaften Monets, Rubens’ üppige Frauenfantasien, der Knabe von Michelangelo und die Farbspiele Cézannes. Momentaufnahmen aus zwei Tagen St. Petersburg. Bilder, die Kopfkino werden auf der Translubeca, wenn sie auf der dreitägigen Rückfahrt wieder im Abendrot durch die Wellentäler der Ostsee rollt.

Willkommene Abwechslung an Bord:

Schwitzen in der Sauna (links). Beliebtes Souvenir: Die bemalte Matroschka-Puppe.




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