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Die „Tentstation“ mitten in Berlin: Wenn aus der Diplomarbeit ein Campingplatz wird…

Mit ihrem Zelt trifft sich hier die halbe Welt

Das Navigationsgerät hat uns sicher durch den dichten Verkehr in Berlins Zentrum zum Parkplatz unserer Unterkunft geführt. Etwas abgespannt von der Fahrt, machen wir uns auf den Weg zur Rezeption und müssen uns dort noch etwas in Geduld üben, denn vor uns checkt gerade ein Paar aus der Schweiz aus und ein knapp 20-Jähriger bittet die Servicekraft zunächst auf Englisch um sein Handy. Und die befreit es locker aus einem chaotisch anmutenden Kabelgewirr. Es ist eng hier in der Anmeldung, und das nicht ohne Grund. Denn wir sind nicht in einer großen Hotellobby, sondern stehen im kleinen Kassenhäuschen eines ehemaligen Berliner Schwimmbades, auf dessen Terrain seit 2006 der wohl zentral gelegenste Campingplatz einer europäischen Großstadt liegt – „Tentstation“ in Berlin Mitte-Tiergarten. Zum Hauptbahnhof sind es gerade mal fünf Minuten Fußweg, der Reichstag ist in 15 Minuten zu erreichen. Und doch bietet der Platz Ruhe und ist zudem eingebettet von den Grünanlagen des Fritz-Schloss-Parks und des Post-Sport-Stadions.

veröffentlicht am 14.08.2009 um 12:15 Uhr
aktualisiert am 13.01.2017 um 08:54 Uhr

Unter der überdachten Tribüne befindet sich eine Bar, im alten S
Frank Neitz

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Frank Neitz Reporter / Fotograf zur Autorenseite

Wiesen sind mit Zelten übersät

Für Rucksacktouristen ist diese Lage ideal, sie sind die Mehrzahl unter den Campinggästen, und das sehen wir, als wir uns auf die Suche nach einem freien Platz für unsere Zelte machen. Die ehemaligen Liegewiesen sind übersät von Miniaturzelten, ob Iglus, tunnelförmige oder klassische, ob rot, grün oder blau. Vor ihnen hängt Wäsche zum Trocknen, liegen Rucksäcke scheinbar herrenlos herum und leergetrunkene Sixpacks zeugen noch von den Aktivitäten des gestrigen Abends.

Vorbei geht es an den ausgedienten Schwimmbereichen. Das Nichtschwimmerbecken wurde mit 160 Tonnen Sand befüllt und lädt zum Beachvolleyball ein. Unter dem verrosteten Sprungturm im mit Graffiti besprühten ehemals hellblauen Schwimmbecken hängt ein Basketballkorb und darunter dreht ein Skater im abfallenden Bodenbereich geschickt seine Runden. Platznot macht erfinderisch: Auf den alten Stufen eines Duschbeckens hat sich ein junges polnisches Pärchen niedergelassen und frühstückt ausgiebig. Das scheint für die Mitglieder einer amerikanischen Reisegruppe zu primitiv zu sein. Sie stehen vor dem unter einem Pavillon aufgebauten Frühstücksbuffet geduldig Schlange, um an ihr stilechtes American Breakfast zu kommen.

Ein Berliner Kleinod mit Charme

In der „Tentstation“ scheint sich wirklich die Welt zu treffen, und wir sind jetzt mittendrin. Giovanni, ein 23-Jähriger aus Florenz, macht gerade mit seinen drei Freunden eine „sportliche Deutschlandtour“, sie bereisen alle deutschen WM-Stadien. Stolz zeigt er mir ihre Einkäufe aus den Fan-Shops des HSV und BVB. Ich kontere mit der Plastikjahreskarte meiner Roten und erfahre, dass die vier dort als nächstes hinfahren werden. Mit seinen 23 Jahren liegt Giovanni knapp über dem gefühlten Durchschnittsalter der „Tentstation“-Gäste von 20 Jahren. Aber auch reifere Camper um die 60 wie ein holländisches Ehepaar nutzen Tentstation, um von hier aus Berlin mit dem Fahrrad zu erkunden. All das erst möglich machte die 30-jährige Sarah Oßwald, die mit drei Mitstreitern seit 2006 „Tentstation“ betreibt. Die damalige Geografiestudentin hatte für ihre Diplomarbeit mit Zwischenlösungen von Immobilien zu tun. Über den Liegenschaftsverein sind die vier an das vier Jahre lang verwaiste Schwimmbad gekommen und haben es mit eigenen Mitteln für den Campingbetrieb hergerichtet. So beherbergt nun die überdachte Tribüne eine Bar im Stil der alten Sumpfblume, und die Umkleideräume wurden zu Sanitärbereichen.

Es ist viel Betrieb: Auf den ehemaligen Liegewiesen wird gezelte
  • Es ist viel Betrieb: Auf den ehemaligen Liegewiesen wird gezeltet.

Langfristige Pachtverträge gab es allerdings nicht. Investoren waren stets an dem Objekt interessiert, im Oktober soll es verkauft werden. Aber bis dahin können camping- erprobte Berlinbesucher den Charme dieses Kleinods kennen und lieben lernen. Wer ein festes Dach über seinem Kopf bevorzugt, kann nach vorheriger Buchung im Schwimmmeisterhäuschen oder auch in zwei Wohnwagen – einer davon ist ein noch aus DDR-Zeiten stammender nostalgischer „QEK Junior“ – nächtigen.

Service:

Die Anreise per Bahn: Den Hauptbahnhof über den Ausgang Invalidenstraße verlassen und auf die Invalidenstraße links abbiegen. Nach 100 Metern rechts in die Lehrter Straße und links in die Seydlitzstraße abbiegen. Nach 100 Metern kommt auf der rechten Seite der Tentstation-Parkplatz, links dahinter ist der Eingang zum Campingplatz neben dem Eingang zum Hallenbad.

Informationen: Auf dem 29 000 Quadratmeter großen Areal ist Platz für 125 Zelte, die nach Vorbestellung auch gemietet werden können. Wohnmobile und Unterkünfte im Bademeisterhäuschen nur nach telefonischer Voranmeldung. Fürs Zelten zahlen Erwachsene 11 Euro pro Nacht, Jugendliche 8 Euro.

Kontakt: Tentstation GbR, Seydlitzstr. 6, 10557 Berlin, E-Mail: mail@tentstation.de, Telefon 030 / 39 40 46 50, Fax: 030 / 39 40 46 51, im Internet www.tentstation.de.




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