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Aus Agnes Miegels Briefen an Lulu von Strauß und Torney zu Beginn des Ersten Weltkriegs

„Möchte England zerschlagen werden!“

Bückeburg. Die Kriegsmaschinerie hatte schon mächtig Fahrt aufgenommen, da schrieb Agnes Miegel Ende September 1914 an ihre Freundin und Kollegin Lulu von Strauß und Torney: „Ach, möchte doch England zerschlagen werden. Von der Gemeinheit, die sich da täglich mehr zeigt, wird einem ganz übel.“ Die beiden Dichterinnen, die von Ruhm und Meriten nach weit entfernt sind, stehen in regem Briefkontakt. Leider sind die Antworten aus Bückeburg nicht erhalten geblieben. Miegel hatte schon 1908 verlauten lassen: „Ich zerreiße und verbrenne alle Briefe.“

veröffentlicht am 18.10.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 04:22 Uhr

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Die Äußerung über England befremdet insofern ein wenig, als Miegel selbst zwei Jahre lang auf der Insel erste Berufserfahrungen gesammelt hatte – und wohl nicht die schlechtesten. Gerne benutzt sie gelegentlich englische Redewendungen, gerne zeigt sie sich belesen, etwa wenn sie aus „Oliver Twist“ im Original zitiert. Hasstiraden und Hetzerei hören sich anders an, heimisch schien sie aber auch nicht geworden zu sein. Immer wieder und lebenslänglich von Schwermut befallen, wird sie es wohl in der Fremde auf der Insel nicht leicht gehabt haben.

Oft geht es in der Korrespondenz um Krankheiten, Befindlichkeiten und Kleinigkeiten, aber einige Briefe aus der Kriegszeit sind doch von ganz besonderen Sorgen geprägt: Börries von Münchhausen, die große (unerwiderte) Liebe der Ostpreußin, ist freiwillig im Felde. Miegel schreibt nach Bückeburg: „Wer hier aus dem Feld kommt, ist eigentlich immer fürs Nervensanatorium reif.“ Mehrfach betont sie, wie sehr Königsberg, ihre Geburtsstadt, ja, das ganze „Ostland“ vom Kriegsgeschehen erfasst worden ist. Einsamkeit, Entfremdung und Lärm gab es indessen schon vorher: „Hier ist kein Bückeburg.“

Als Hoffnungsträger wird Hindenburg in den Himmel gelobt, kam er doch als „Sankt Michael“. Formulierungen aus dem bis heute böse nachklingenden Machwerk „An den Führer“ kündigen sich bereits an, wenn es in einem Gedicht auf Hindenburg heißt: „Und ein zerstörtes, verquältes Land / griff aufatmend nach seiner mächtigen Hand / und lehnte sich wie ein Kind an seine Knie!“ Das Wort „rot“ wird in den Briefen mehrfach zum Reizwort – Richtung Presse, Richtung Parteien, gegen Linksintellektuelle und Künstler der Moderne. Hermann Löns indessen hatte es beiden Damen angetan, schon ein paar Jahre vor dem Krieg. Als der Senior unter den kriegsbegeisterten Freiwilligen in Frankreich „fällt“, schreibt Agnes Miegel, bei aller Trauer: „Ich glaube, für ihn war es gut so.“

Lulu von Strauß und Torney muss stets auf die mal längeren, mal kürzeren Briefe geantwortet haben, das zeigen die direkten Rückbezüge. Die gebürtige Bückeburgerin, die 1933 mit Miegel und zahlreichen anderen völkischen Autoren dem „Führer“ Adolf Hitler offiziell Ergebenheit und Treue schwor und wie die spätere Wahl-Nenndorferin ihre „Hymne“ nicht etwa aus Not ablieferte, war in den Jahren des Ersten Weltkriegs übrigens intensiv auf einem Nebenkriegsschauplatz gefordert.

Ein heftiger Briefwechsel mit Anna Münchhausen, der Gattin des in Schaumburg bis heute ebenfalls gut bekannten Edelmanns, führte zu einem totalen Zerwürfnis. Man wähnt sich fast schon in der Gegenwart mit ihren Zumutungen und Offenbarungen, wenn man lesen muss, was die Damen sich sagen: „Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, dich als Rivalin anzusehen ... Was eine alte Jungfer sich alles einbilden kann, die keine Ahnung von der Innigkeit einer Ehe hat.“ Der Brief geht – empört kommentiert – an Anna zurück, eine Abschrift aber geht an Börries, der inzwischen in Berlin wirkt, fernab aller Fronten. Anna schreibt an einen Vertrauten, ein angebliches Wort von Börries über Lulu zitierend: „Sieh sie dir doch mal an!“ An der Front hatte man im Februar 1917 sicherlich andere Sorgen.

Miegels Briefe aus den Jahren 1901 bis 1922 sind 2009 erschienen unter dem Titel „Als wir uns fanden, Schwester, wie waren wir jung“. Über den Kleinkrieg und die Person des begehrten von Münchhausen erfährt man mehr in dem Band „Deine Augen über jedem Verse, den ich schrieb“ (2001). Im Mittelpunkt steht der Briefwechsel Münchhausens mit dem Anglisten Levin Schücking. Miegel schreibt in Sachen Abstammung und Sympathie im Jahr 1915 noch Richtung Harrl, ohne konkreten Bezug: „Der langköpfige, langbeinige blonde Niedersachse mit den schmalen Schläfen war mir fremder als der Engländer.“




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