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Bariton Matthias Nenner beeindruckt im Staatsarchiv mit Franz Schuberts „Winterreise“

Morbide Stimmung vortrefflich umgesetzt

Bückeburg. Von einem „Kranz schauerlicher Lieder“ sprach Franz Schubert dereinst bei der Vorstellung seines letzten Zyklus „Winterreise“ nach Gedichten Wilhelm Müllers vor Freunden. Um den schauerlichen Charakter – „schauerlich“ im sprachlichen Verständnis des frühen 19. Jahrhunderts – gerecht zu werden, gehen Interpreten heute verschiedene Wege. Als der Bariton Matthias Nenner, am Flügel kongenial begleitet von Matthias Alteheld, den 1828 entstandenen Opus am Sonntagabend auf Einladung des Kulturvereins im Staatsarchiv kredenzte, hatten die zahlreichen Zuhörer den Eindruck einer natürlichen, unverstellten Annäherung an diese 24 Lieder.

veröffentlicht am 23.11.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 07.11.2016 um 13:41 Uhr

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Matthias Nenner verfügt über einen ansprechenden, sonoren Bassbariton, der den Raum mühelos füllte und selbst an dynamisch exponierten Stellen seinen runden Klang nicht verlor. Der Vortrag war weniger gekennzeichnet von sängerischer Filigranarbeit oder rein artifiziellem Umgang mit dem Text, offenbar ging es dem optisch wie stimmlich wirkungsvollen Künstler mehr um das Erfassen und Vermitteln des Ganzen: der morbiden Stimmung in den Strophen, die den ununterbrochenen Leidensweg einer Person mit menschlicher Gebrechlichkeit beinhalten. Der Vokalist bestand die „größte Herausforderung, vor die sich ein Liedsänger gestellt sehen kann“ – um ein Wort des berühmten Stimmkollegen Dietrich Fischer Dieskaus aufzugreifen – auf diese Weise durchweg meisterlich.

Matthias Nenners Wiedergaben wurden von Distanz und Wahrhaftigkeit des Ausdrucks gleichermaßen geprägt. Selbst ganz zurückgenommen, blieb jeder Ton doch gestaltet. Das Auditorium merkte schnell, dass hier jemand einen ureigenen Zugang zu diesem von unerfüllter Liebe, Verzicht, Entsagung und Tod geprägten Schubert gefunden hatte. Nicht nur im elften Lied „Frühlingstraum“ konnte man der Balance von Identifikation und Zurückhaltung deutlich nachspüren, auch der tausendmal gehörte „Lindenbaum“ wurde „wie neu“ erlebt.

Kurzum: Es glückte dem Sänger, alles klingend zu machen, was der 31-jährige Schubert in seinem Todesjahr an Zeichnung und Farbe, an Empfindung und Tonmalerei in den Zyklus hineinkomponiert hat. Die Eindringlichkeit der Darbietungen steigerte sich wesentlich durch die jederzeit wachsame, farb- und kontrastreich ausgedeutete Klavierbegleitung des Matthias Alteheld.

Kein Wunder, dass die Ergriffenheit im Saal mit zunehmender Dauer des Vortrags immer spürbarer wurde, allerdings durfte sie sich erst im anhaltenden Schlussbeifall förmlich entladen.




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