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Bückeburg erinnert mit einem Stolperstein an den Jesuitenpater Friedrich Muckermann (1883-1946)

Mutig gegen den Nationalsozialismus

Bückeburg. Der Jesuitenpater Friedrich Muckermann zählt in mehrfacher Hinsicht zu den herausragenden Gestalten des deutschen Katholizismus. Am vergangenen Dienstag ist in Bückeburg ein "Stolperstein" verlegt worden, der vor seinem Geburtshaus an Muckermanns Widerstand gegen den Nationalsozialismus erinnert.

veröffentlicht am 09.12.2006 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:15 Uhr

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Friedrich Muckermann wurde 1883 in Bückeburg geboren und trat als Sechzehnjähriger in den Jesuitenorden ein. Den Ersten Weltkrieg erlebte er als Feldgeistlicher an der Westfront, danach an der Ostfront. Nach Kriegsende wurde er in Wilna von Bolschewisten verhaftet und für etwa zehn Monate inhaftiert. Nach seiner Entlassung öffnete ihm ein führender polnischer Kommunist (Dr. Julian Marchlewski) die Augen für die wahren Ziele des Kommunismus: "Ihnen muss ich die ganze Wahrheit enthüllen", sagte er sehr erregt zu Muckermann: "Wir wollen mehr als eine neue Wirtschaftsordnung. Wir wollen einen ganz neuen Menschen. Unser Weg zum neuen Menschen kann nur über die Leiche eurer Kirche gehen". In dieser Äußerung sah Muckermann den Schlüssel zu einer angemessenen Beurteilung des Verhältnisses von Christentum und Bolschewismus. "Niemals werde ich diese Unterredung im Abteil jenes Lazarettzuges vergessen, der währenddem durch die Nacht dahinfuhr, dem Abendlande entgegen, dem Lande der Freiheit - wenigstens der Idee nach und damals noch". Muckermann erkannte im Bolschewismus eine Weltanschauung, die eine geistige Auseinandersetzung erforderte. Er hielt es für seine Pflicht, darüber zu berichten, "welche Teufel in Menschengestalt nun über Russland herrschen, welche Hölle sie entfesselt haben um die Unglücklichen, die dort leben müssen, welche grausige Hoffnungen sie sich machen von der Zukunft Europas". Die Aufklärung der Öffentlichkeit über die wahren Ziele des Bolschewismus und sehr bald auch über die des Nationalsozialismus nahm in der ungewöhnlich produktiven publizistischen Tätigkeit Muckermanns, die er ab 1923 von Münster aus entfaltete, breiten Raum ein. Dabei war er eigentlich viel stärker an Literatur als an Politik interessiert. Für eines seiner bedeutendsten Bücher mit dem schlichten Titel "Goethe" zum 100. Todestag 1932 erhielt er die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt am Main. Aber die Zeitumstände zogen ihn immer mehr in die weltanschauliche Auseinandersetzung mit den beidentotalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts hinein. Sie wurde zum Hauptthema seines Lebens. Durch sie wurde er europaweit bekannt und ob seines Mutes bewundert, von den Nationalsozialisten entsprechend gehasst und zum "Staatsfeind Nr. 1" erklärt. In einer kaum zuüberblickenden Vielzahl von Broschüren, Zeitungsartikeln und Vorträgen in vielen Ländern Europas warnte Muckermann mit seltener Klarheit, oft mit Ironie oder auch mit Sarkasmus gewürzt, vor den Gefahren der beiden Ismen, die durch ihre antichristliche Grundausrichtung und totalitäre Zielsetzung miteinander verbunden seien. Etliche Artikel erschienen in der von Muckermann in Münster herausgegebenen literarischen Zeitschrift "Der Gral", deren eigentliches Ziel es war, Katholiken für Literatur zu interessieren und sie über neue literarische Werke und Trends zu informieren. Bezeichnend für Muckermanns Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus war, dass er nicht nur den braunen Ungeist zurückwies, sondern auch die Kritiklosigkeit und "Instinktlosigkeit" der Anhänger schonungslos attackierte, durch die der Ungeist erst zur Gefahr wurde. Sarkastisch hält Muckermann ideologisch verblendeten deutschen Katholiken und darüber hinaus allen durch "Instinktlosigkeit" gefährdeten Deutschen die Folgen ihrer Verblendung vor: "Man denke nur an die Zeit, als noch der gebildete Europäer für den Bolschewismus schwärmte. Man erinnere sich an das bürgerliche Publikum, das rasend Beifall klatschte, wenn ein Stück über die Bühne ging, das eben diesen Bürger, der aus dem Rausch des Entzückens nicht erwachen wollte, so schöne Morgengaben einer besseren Zeit wie die Tscheka, wie Diktatur des Proletariats, wie völlige Ausrottung versprach. Damalskonnte man das unzarte Sprichwort nicht oft genug anwenden: Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber." Mit solchen Artikeln musste Muckermann zwangläufig ins Visier der Gestapo geraten. Da er selbst in ihren Kreisen Freunde hatte, wurde er rechtzeitig gewarnt; aber er ließ sich nicht einschüchtern. Das veranlasste die Gestapo schließlich, der Reichsregierung im Juni 1934 ein Redeverbot für Muckermann vorzuschlagen. Die Ereignissen um den 30. Juni 1934 ("Röhm-Putsch") zeigten Muckermann, welche Gefahr auch ihm drohte. Um seiner zu erwartenden Verhaftung zu entgehen, floh er am 14. Juli 1934 nach Holland, von wo aus er mit der neu ins Leben gerufenen Wochenzeitschrift "Der Deutsche Weg" den geistigen Kampf gegen die nationalsozialistische Weltanschauung mit um so größerer Entschiedenheit und Schonungslosigkeit fortsetzte. Seine Anschuldigungen steigerten sich zu der Aufforderung, dem NS-Staat die Loyalität zu verweigern, da nicht mehr der Staat der Träger der Souveränität sei, sondern die Partei, die den Staat für ihre Ziele missbrauche. Diese rigorose Konfrontation verstärkte den Druck der Nationalsozialisten auf den Jesuitenorden, so dass sich der Ordensgeneral gezwungen sah, Muckermann, der sehr wohl wusste, dass er aufgrund seiner Tätigkeit "ein Kreuz für den General" war, Anfang 1935 nach Rom abzuberufen. Dort wurde ihm eine Professur für russische Literatur am Orientalischen Institut angeboten, um ihn aus der Schusslinie zu nehmen. Gleichwohl ließ Muckermann auch in Rom von seiner Tätigkeit für den "Deutschen Weg", der weiterhin (unter wechselnden Namen) in Holland erschien, nicht ab und nahm ab Herbst 1935 sogar wieder Vortragsreisen durch halb Europa auf, in denen er nicht nur vor der nationalsozialistischen Gefahr warnte, sondern auch Kontakt zu Personen und Gruppierungen aufnahm, die sich dem Kampf gegen den Nationalsozialismus verschrieben hatten. Im Oktober 1937 verlegte er seinen Aufenthalt von Rom nach Wien, um dort seinen Kampf fortzusetzen. Hier nutzte er seine schon aus früheren Zeiten bestehenden Kontakte - etwa zum österreichischen Bundeskanzler Kurt von Schuschnigg, aber auch zum tschechoslowakischen Staatspräsidenten Eduard Benesch - zu dem Versuch, eine Koalition zwischen Österreich, Ungarn und der Tschechoslowakei zur Rettung der Unabhängigkeit Österreichs zustande zu bringen. Als die deutschen Truppen im März 1938 in Österreich einmarschierten, hielt sich Muckermann zufällig auf einer Konferenz in der Schweiz auf, so dass er seiner sicheren Verhaftung diesmal durch Zufall entging. Da ihm die neutrale Schweiz als Standort für seinen Kampf gegen den Nationalsozialismus nicht geeignet erschien, reiste er nach Paris weiter. Auch von dort aus betreute er die noch immer erscheinende Wochenschrift "Der Deutsche Weg" in Holland weiter, bis diese nach dem Einmarsch der Deutschen in Holland im Mai 1940 nicht mehr erscheinen konnte. Von November 1939 an sprach Muckermann sonntags regelmäßig im Pariser Radio. Zu dieser Sendung hieß es in einem Artikel in "Pax-Paris" vom 25. März 1940, dieser "abendländischen Stimme im französischen Rundfunk" gehe es "nicht um Predigten, sondern um eine dauernde Wertung der Zeitgeschehnisse unter dem Gesichtspunkt von Religion und Moral". Jede Sendung sei "ein Aufruf an das christliche Gewissen". Die letzte hielt Muckermann vor dem Einmarsch der deutschen Truppen in Paris im Juni 1940. Mit knapper Not entging Muckermann der mit den deutschen Truppen ebenfalls einrückenden Gestapo und fand Unterschlupf in einem kleinen Flecken namens St. Pardoux-Lavaud im Gebiet der Creuse, das nach dem Waffenstillstand vom 22. Juni 1940 zur unbesetzten Zone Frankreichs gehörte. In dieser Zeit seiner unfreiwilligen Zurückgezogenheit verfasste er seine umfangreichen Lebenserinnerungen. "Diese Memoiren dürften in gewisser Weise einzig in ihrer Art sein", urteilt ihr Herausgeber Nikolaus Jung: "Es wird sich wohl kaum jemand finden, der einen ähnlichen umfassenden Zeitbericht aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen aufweisen und aus eigenem Erleben über alle Gebiete des geistigen, kulturellen, religiösen und auch politischen Lebens dieser Periode gleich authentisch zu berichten vermöchte wie Friedrich Muckermann. Damit werden seine ,Lebenserinnerungen' zu einem hervorragenden Zeugnis der Geschichte und können als solches lehrreich sein auch für die jetzige Generation". Höchst erstaunlich ist es, dass Muckermann nach seiner Flucht aus Deutschland und selbst noch von Rom aus Kontakt zu "seiner" Redaktion des "Gral" in Münster halten konnte. Die Hauptverbindungsperson war seine getreue Mitarbeiterin Nanda Herbermann, die dafür mit Haft im KZ Ravensbrück büßen musste. Im Jahre 1938 erschien die Gestapo im Redaktionsgebäude des "Gral" in der Königsstraße in Münster und beschlagnahmte alle Redaktionsräume. Muckermann konnte sich Anfang März 1943 durch eine abenteuerliche Flucht in die Schweiz dem drohenden Zugriff der Gestapo in Südfrankreich entziehen. Hier lebte er weiterhin zurückgezogen, wozu ihn auch die Neutralität der Schweiz verpflichtete, verfasste aber noch drei wichtige Werke: "Der Mensch im technischen Zeitalter", "Wladimir Solowiew. Zur Begegnung zwischen Russland und dem Abendland" und "Der Deutsche Weg". Am 2. April 1946 ist Friedrich Muckermann im Krankenhaus zu Montreux verstorben. Er wurde auf dem Friedhof des Exerzitienhauses Schönbrunn bei Zug beigesetzt. Die Grabrede hielt der langjährige Freund und frühere Reichskanzler Dr. Joseph Wirth. In Münster, wo Muckermann von 1923 bis zu seiner Flucht 1934 lebte und wirkte, wurde er posthum im Juni 1946 in einer eindrucksvollen Feier gewürdigt. Der Westfälische Oberpräsident Dr. Rudolf Amelunxen erklärte in seiner Rede, der Streiter, Dichter, Künstler, Journalist und Gottesgelehrte Friedrich Muckermann habe "mit vorbildlicher Geradheit und geistiger Klarheit den Kampf gegen den Nationalsozialismus geführt wie nur wenige Westfalen, wie nur wenige Deutsche. Wir Westfalen sind über alle Maßen stolz auf diesen Mann, dessen Name heute in Europa einen Ruf hat (...). Wir danken ihm, dass er den deutschen Namen überall in der Welt würdig vertreten hat. Er war ein Exponent jenes anständigen Deutschland, das in den verflossenen Jahren der Schmach unendlich gelitten, sich täglich immer wieder in Grund und Boden geschämt hat und heute bereit ist, dabei mitzuwirken, dass unseren Kindern und Kindeskindern eine bessere Zukunft bereitet wird".




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