weather-image
29°
Vor hundert Jahren wütete der Erste Weltkrieg

Neujahr im Schützengraben

BÜCKEBURG. „Wenn uns jemand am Anfang des Krieges gesagt hätte, der Krieg dauert eine ganze Reihe von Jahren, so würde uns ein Schrecken in die Glieder gefahren sein, dass wir geglaubt hätten, wir halten das nicht aus“, heißt es im Jahresrückblick 1917 der Schaumburger Zeitung.

veröffentlicht am 29.12.2017 um 12:59 Uhr
aktualisiert am 29.12.2017 um 16:40 Uhr

Diese Traueranzeige zum Tod dreier Schüler aus Rinteln erschien am 15. Dezember 1917 in der Schaumburger Zeitung. Foto: pr

Autor

Wilhelm Gerntrup Reporter zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

„Aber selbst wenn das kommende Jahr uns noch mehr drücken, schütteln und pressen sollte, wir halten aus, und wir werden uns hinterher umso stolzer und gehobener vorkommen“.

Ob und wie solche Durchhalteparolen bei den Lesern ankamen, ist nicht überliefert. Den meisten dürften sie auf die Nerven gegangen sein. Spätestens nach dem Kriegseintritt der Amerikaner war klar, dass es nicht gut um den Ausgang des später als „Erster Weltkrieg“ in die Geschichte eingegangenen Gemetzels aussah. Der Waffengang war grausamer und verlustreicher, als dies Reichsregierung und Generalstab 1914 vorausgesagt hatten. Das anfangs zügige Vordringen der Deutschen war bereits vor langer Zeit ins Stocken geraten. Die Truppen entlang der Westfront saßen unter Dauerbeschuss in zerbombten Unterständen und schlammigen Schützengräben fest. Kaum eine Familie, in der nicht der Vater und/oder ein Sohn gefallen, vermisst oder in Gefangenschaft geraten waren. Es gab kein Grab, an dem man hätte trauern und Abschied nehmen können. Die anfängliche Kriegsbegeisterung war in Schmerz, Frust oder auch Wut umgeschlagen. Hinzu kam, dass sich das Ausbleiben der militärischen Erfolge zunehmend auch an der „Heimatfront“ bemerkbar machte. Die 1915 eingeführte Zwangsbewirtschaftung der Lebensmittel war immer mehr ausgeweitet und verschärft worden. „Vielfach haben die Verbraucher vergessen, dass die Brotmenge, die doch lediglich als oberste Verbrauchsgrenze gedacht ist, keineswegs die moralische Erlaubnis bedeutet, nun tatsächlich so viel Brot zu essen, wie er auf die Brotkarte kaufen kann“, rügte das „Kriegsernährungsamt“ in einem in der Landes-Zeitung veröffentlichten Aufruf. Es sei vaterländische Pflicht jedes Einzelnen, „nur so wenig zu verbrauchen, wie es ihm irgend möglich ist“. Mit ähnlichen Appellen an die „Selbstzucht“ der Menschen versuchte man auch dem „allzu eigennützigen“ Konsum von Milch, Fleisch, Kartoffeln, Speisefett, Eier, Zucker, Hülsenfrüchte, Gemüse und Käse beizukommen.

Besonders viel Missbrauch vermutete man auch im Bereich häusliche Tierhaltung. Im Visier hatten die staatlichen Stellen vor allem die in der kalten Jahreszeit vor Weihnachten angesagte Schweineschlachtung. „Wenn jemand ein Schwein, Rind, Kalb oder Schaf schlachten will, so hat er den Antrag nach dem vorgeschriebenen Formular zu stellen und dieses sorgfältig auszufüllen“, heißt es in einer neu gefassten, am 1. Dezember 1917 auf den Weg gebrachten und deutlich verschärften „Schlachteregelung“. Erster Adressat des Antrags war der Bürgermeister, „der die darin gemachten Angaben genau zu prüfen und deren Richtigkeit zu bescheinigen hat“. Die Entscheidung, ob geschlachtet werden durfte oder nicht, traf das Landratsamt. Für die Überwachung des Schlachte- und Verarbeitungsvorgangs vor Ort war der amtlich bestellte Fleisch- und Trichinenbeschauer zuständig. Er hatte das „tatsächliche Gewicht“ festzustellen, das Ergebnis im Schlachtantrag zu vermerken und diesen an das Landratsamt zurückzugeben. „Hier (im Landratsamt) wird nun ausgerechnet, wie viel Speck und wie viel überschüssiges Fleisch eventuell abzugeben ist und wie lange der Vorrat aus der Hausschlachtung reichen muss“.

FürstAdolf II. zu Schaumburg-Lippe war einer der wenigen adligen Repräsentanten des wilhelminischen Kaiserreichs, die zusammen mit ihren Untertanen in den Krieg gezogen waren. Er blieb mehr als drei Jahre, von 1914 bis 1917, als Offizier an der Front
  • FürstAdolf II. zu Schaumburg-Lippe war einer der wenigen adligen Repräsentanten des wilhelminischen Kaiserreichs, die zusammen mit ihren Untertanen in den Krieg gezogen waren. Er blieb mehr als drei Jahre, von 1914 bis 1917, als Offizier an der Front – so lange, wie kein anderer fürstlicher Landesherr. Foto: pr
Solche Bilder – wie hier die Aufnahme von einem zertrümmerten deutschen Unterstand bei Verdun – bekam die heimische Bevölkerung nicht zu sehen. Foto: pr
  • Solche Bilder – wie hier die Aufnahme von einem zertrümmerten deutschen Unterstand bei Verdun – bekam die heimische Bevölkerung nicht zu sehen. Foto: pr
270_0900_75239_bJahreswechsel1917_1_Weltkrieg_Todesanzei.jpg

Wenige Tage nach der „Schlachteregelung“ folgte ein Erlass, durch den „sämtliche, in Privatbesitz befindliche Arten von neuem und gebrauchtem Segeltuch“ einschließlich „Planen, Wagendecken, Panoramaleinen, Theaterkulissen sowie Zirkus- und Schaubudenzelten“ beschlagnahmt wurden. Und in der zweiten Dezemberwoche 1917 wurde ein Verbot des Haltens von „Luxuspferden“ verfügt. Damit waren Rosse gemeint, die „nicht in Gewerbe, Handel, Industrie und Landwirtschaft in kriegswirtschaftlich wichtiger Weise als Gebrauchspferde“ benötigt wurden und den Besitzern „ganz oder teilweise zur Bequemlichkeit oder zu Vergnügungszwecken“ dienten. Kurz vor Heiligabend erging ein Appell an alle deutschen Frauen und Jungfrauen, beim „baldigen Siege mitzuhelfen“. Bringt der Freiwilligen Kriegshilfe Euer ausgekämmtes Haar“, war in groß aufgemachten Zeitungsanzeigen zu lesen. Auch Haarfrisuren, Zöpfe und Perücken seien willkommen. „Alles wird unseren U-Booten nutzbar gemacht.“

Der – nicht zuletzt durch derartige Hilferufe – immer offenkundiger zutage tretende Niedergang hielt die Heeresleitung nicht davon ab, weiterhin ungehemmt Siegesparolen in die Welt zu setzen. Zeitgenossen, die Kritik oder Zweifel äußerten, wurden öffentlich angeprangert. „Es ist kaum zu verstehen, wie es noch Leute geben kann, die, nachdem wir nunmehr weit über drei Jahre Krieg führen, noch immer nicht gelernt haben, sich bei Verbreitung alarmierender Gerüchte die nötige Zurückhaltung aufzuerlegen, schimpfte am 4. Dezember 1917 die Landes-Zeitung. Umso größeres Lob wurde dem Bückeburger Oberlehrer Hans Rausch, am Gymnasium Adolfinum für Deutsch, Religion und Hebräisch zuständig, zuteil. Rausch hatte im örtlichen Casino-Saal einen Vortrag mit dem Titel „Können wir siegen?“ gehalten. Der Redner habe die von ihm selbst gestellte Frage ohne Wenn und Aber bejaht, so das Blatt. Besonders verbittert und enttäuscht habe sich der Pädagoge darüber gezeigt, „dass es viele Menschen gibt, die jeden feindlichen Heeresbericht für Vertrauen erweckender halten als die Tagesberichte unserer Heeresleitung“. Es sei höchste Zeit, „solche armseligen Schwätzer, die mit ihrem Mist jeden einzelnen unserer tapferen Kämpfer beleidigten, zum Schweigen“ zu bringen.

Bei so viel Hin und Her um den Krieg blieb für das Alltagsgeschehen immer weniger Platz und Zeit. Allerdings hielt sich die Zahl der (vor-)weihnachtlichen Veranstaltungsangebote, Geschenk-Anzeigen und Silvesterball-Einladungen in engen Grenzen. Auch Wetter und Weserhochwasser erregten angesichts des Leidens und Sterbens an der Front wenig Aufmerksamkeit.

Für größte Aufregung an der Heimatfront in jenen Tagen sorgte der Tod der 17-jährigen Wilhelmine Hilger aus dem heutigen Rintelner Stadtteil Krankenhagen. Das Mädchen war am 16. Dezember 1917 leblos am Waldrand oberhalb des Dorfes aufgefunden worden. Neben der Leiche lagen ein Giftfläschchen und ein Zettel mit der Erklärung, dass sie ihres Lebens müde sei und die Eltern um Verzeihung bitte. Gemeldet hatte den Fund ein gleichaltriger junger Bursche, der angab, das tote Mädchen zufällig entdeckt zu haben. Bei näherer Untersuchung ergaben sich Widersprüche und Ungereimtheiten. Die Tote wies Verletzungen auf. Eine Obduktion ergab, dass sie schwanger war. Es kam heraus, dass sich die beiden jungen Leute seit Längerem kannten und das Mädchen von ihrem Freund umgebracht worden war.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare