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Der Vater bleibt im Krieg und kommt nicht wieder – Werner David trägt aus seinem Buch vor

Nichts ist vergessen

Bückeburg. Es sind Erinnerungen, wie sie wohl viele der Generation 70 plus mit sich herumtragen. Der Vater bleibt im Krieg und kommt nicht wieder. Danach? Schweigen. „Es wurde drum herum geredet, alles wurde zugedeckt“, beschreibt Werner David, wie er die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt hat. Auf Einladung des Versöhnungsbundes und begleitet von Clemens Knicker hat der frühere Schulleiter im Martin Luther-Haus aus seinem Buch vorgetragen.

veröffentlicht am 31.10.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 03:21 Uhr

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Zwei Dinge stehen stellvertretend für diese Reise in die Erinnerung, die Werner David unternommen hat. Ein vergrabener Brief und eine Wermutpflanze. Beide sollen vor allem eines symbolisieren: dass der Sohn bei seinem Vater angekommen ist, physisch und gefühlsmäßig. Es ist eine berührende Szene, die sich da irgendwo in der Steppe am Donez abspielt. Da ist der 73-jährige Sohn, der dorthin gereist ist, wo sein Vater im Januar 1943 vermisst wurde. Und da ist Vitali, der hier geboren wurde, „genau hier, wo Vaters Batterie gelegen hat“.

Vitali erzählt, wie er in einem „Tiger“-Panzer gespielt hat „und ich denke, o je und mein Vater war ein deutscher Soldat.“ In einem ergreifenden Aufeinanderzugehen entschuldigt sich David dafür, „dass mein Vater in Russland war“. Vitali antwortet: „Jetzt hab ich einen Freund in Deutschland“ und bietet dem früheren Schulleiter selbstgekelterten Wein an. Dann vergräbt David den letzten Brief, den seine Mutter an den Vater geschickt hat. Der Brief kam ungeöffnet zurück, jetzt liegt er dort, wo Werner David seinen Vater vermutet. Der Brief und wohl auch der Sohn – sie sind angekommen. „Ich bin zutiefst aufgewühlt“ schreibt David. Dann sät er Blumensamen in die Steppe. Die Wermut-Pflanze, die er mit nach Deutschland nimmt, soll ihn an die „Wehmut“ der Mutter und das „Grab des Vaters in der Steppe“ erinnern. „In Hille habe ich sie eingepflanzt“, erzählt er den Zuhörern. Der Wunsch in Verbindung zu bleiben – hier wird er mächtig.

Am Anfang von „Der Vater bleibt im Krieg“ steht der Film „Das Wunder von Bern“, den Werner David im Jahr 2003 gesehen hat. Die Begegnung von Vater und Sohn sowie die vielen Frauen, die den Heimkehrern Plakate mit den Namen ihrer vermissten Männer entgegengehalten haben, hätten ihn zutiefst bewegt, sagt David. Er habe die Trauer zulassen, ihr Raum geben wollen, lässt David das Publikum wissen. „Mir wurde bewusst, dass da bis heute ein tiefes Vatersehnen in mir ist und dass nichts vergessen ist.“

Produkt dieses Sehnens war das Buch „Der Vater bleibt im Krieg“, dass ein facettenreiches Bild dieser Epoche liefert. David berichtet vom Vater, der im Krieg Pferde einer Feldhaubitze betreuen musste. „Vater liebte Pferde“, sagt David. Und: „Ich war erleichtert, dass er in so einer Einheit diente.“ An den letzten Abschied des Vaters (nach einem Genesungsurlaub) kann sich der Sohn noch vage erinnern. Er könne sich erinnern, dass der Vater auf seinem Kuhlo-Horn einen Choral geblasen habe. In einem seiner letzten Briefe schreibt der Vater: „Ihr Lieben, wenn ich das überlebe, werde ich dieses Weihnachten nie vergessen. Der Mensch muss doch allerhand mitmachen. Ich hab nur den Wunsch, dass nächstes Weihnachten alles vorbei wäre.“ Einige Tage später kam der Marschbefehl in Richtung Stalingrad.




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