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Vom Leben mit einer Legende

Nico, das war Einsamkeit von einem anderen Stern

OBERNKIRCHEN. Bei seinem Konzert im „Mikrofon“ hat „Lüül“, alias Lutz Graf-Ulbrich, einen Einblick in sein Leben mit Nico gegeben.

veröffentlicht am 27.09.2017 um 13:53 Uhr

Junkie aus Liebe: Lutz Graf-Ulbrich alias Lüül beim Konzert im Mikrofon. Foto: mig
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Autor

Michael Grundmeier Reporter
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Nico galt in den 1950er Jahren als erstes Supermodel und war Sängerin von „Velvet Underground“, der Kultband der 60-er Jahre, auf deren Debüt-Platte sie drei Lieder sang. Nico alias Christa Päffgen aus Köln, ein Mädchen aus Deutschland mit großen Augen und einer dunklen, sehr rauchigen Stimme, als Musikerin war sie später wegweisend für Musikrichtungen wie Punk oder Gothic.

„Lüül“ und Nico lernen sich in Berlin kennen. „Lüül“ spielt dort Krautrock bei Bands wie „Agitation Free“. Die beiden kommen sich näher, werden ein Paar – bis heute ist Nico Lüüls große Liebe. „Als ich sie auf der Bühne gesehen habe, war es um mich geschehen“ erzählt der Musiker, der 64 Jahre alt ist. Niemals habe er so eine Performance gesehen, nie so eine Aura. „Die Einsamkeit, die sie verkörperte in ihren Liedern – die schien wie von einem anderen Stern zu kommen“, lässt er die Zuhörer wissen. Damals, Anfang der 70er, ist Nico auf einem Selbsterfahrungs-Trip – sie hat Heroin für sich entdeckt und nimmt es wohl auch, um ihre Ruhelosigkeit zu betäuben. Von „Lüül“ ist sie sofort fasziniert: Er erinnert sie an Jim Morrison, den Sänger der „Doors“. Mit Heroin hat „Lüül“ eigentlich nie etwas zu tun haben wollen. „Ich bin dann aber doch Junkie geworden, aber eher aus Liebe zu ihr, als zu den Drogen“, erinnert sich der Krautrocker. Die Liebe macht ihn blind. Damals aber empfindet er das nicht so: Er und Nico führen ein rauschhaftes Leben, immer auf der Suche nach dem großen Glück – und dem nächsten Schuss. Manchmal geht’s nach Frankreich ans Meer, dann wieder Touren sie rastlos zwischen Amsterdam und Paris. „Lüül“ spielt Gitarre, Nico singt. Ein Musikerleben. Wild und exzessiv. 1979 verbringen sie ein halbes Jahr in New York, im berühmten Chelsea Hotel. Nico führt „Lüül“ in die Künstlerszene ein, stellt ihm Andy Warhol vor.

Als „Lüül“ einen Song für Nico schreibt, kommt sie nach Berlin und singt das Lied für ihn ein. 1988 stirbt Nico: Für „Lüül“ ist sie bis heute die Liebe seines Lebens geblieben. Über ihr Werk und wohl auch über sie selbst sagt er: „Da ist eine Kraft und es ist beeindruckend, dass es nach so vielen Jahren immer noch so eine Macht hat.“ Wie stark diese Liebe bis heute wirkt, wird deutlich, als „Lüül“ den Song anstimmt, den er für Nico geschrieben: „Im Reich der Träume“. Ein schwereloses Lied, tieftraurig und zugleich wie eine warme Bettdecke. „Lüüls“ dunkle Stimme lotet die Tiefe aus, die der Text hat. Das ist nicht nur ein Konzert, das ist schon fast eine Andacht. Und für einen Augenblick kann man sich eine zweite, dunkle Stimme vorstellen, die mit „Lüül“ im Duett singt.

„Lüüls“ eigentliche Songs sind fetziger, aufrüttelnder. „West-Berlin“ – eine Hommage an die alte Hauptstadt - geht richtig gut ins Ohr. „Unser Meer war der Wannsee, unsere Insel West-Berlin“ singt „Lüül“. Und weiter: „Alles war möglich, wenn die Sonne schien.“




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