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Vor 135 Jahren wurde Wilhelm Külz, Ex-Bürgermeister der kleinen Residenzstadt, geboren

Nummer zu groß für Bückeburg

Kaiserlicher Verwaltungsbeauftragter in Afrika, Frontkommandeur im Ersten Weltkrieg, Reichsinnenminister während der Weimarer Republik, von den Nazis geschasster Oberbürgermeister von Dresden und Mitbegründer der FDP nach 1945 – der vor 135 Jahren geborene Wilhelm Külz hat wie nur wenige die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts miterlebt und -geprägt. Zu Beginn seiner Karriere war er acht Jahre lang Stadtoberhaupt in Bückeburg. „Der ist für unsere Stadt ein paar Nummern zu groß“ war schon damals hinter vorgehaltener Hand zu hören.

veröffentlicht am 31.07.2010 um 00:00 Uhr

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Das überdurchschnittlich große politische und organisatorische Talent des Pfarrersohns aus Borna bei Leipzig hatte sich schon früh abgezeichnet. Nach Jurastudium und Promotion war er 1903 im sächsischen Meerane stellvertretender Bürgermeister geworden. Seine erste „richtige“ Station war die 5600 Einwohner-Residenz Bückeburg. Mit gerade mal 29 wurde er 1904 zum Bürgermeister gewählt. Die Entscheidung der Stadtväter unter mehr als 60 Bewerbern erwies sich als Glücksfall. Der Neue brachte eine ganze Reihe wirtschaftsfördernder, aber auch sozialer Initiativen in Gang. Külz gründete eine Eigenheim-Baugesellschaft, einen Wohlfahrtsverein und trieb den Straßenausbau und die Müllentsorgung voran. Seine größte Bewährungsprobe war der Bau des neuen, 1906 fertiggestellten Rathauses. Külz habe die Aufgabe souverän erledigt, waren sich hinterher Magistrat und Gönner Fürst Georg im nahe gelegenen Schloss einig. Kurz darauf ging der dynamische Macher auf Wunsch von Kaiser Wilhelm II. ein Jahr lang als Reichskommissar nach Deutsch-Südwestafrika, um dort den Aufbau der kolonialen Selbstverwaltung zu gestalten. Zur Belohnung wurde er nach seiner Rückkehr zum Oberbürgermeister befördert.

Parteipolitisch blieb Külz zeit seines Lebens ein überzeugter Liberaldemokrat. 1906 hob er in Bückeburg einen „Wahlverein“ zur Unterstützung der Nationalliberalen Partei aus der Taufe. Aufgrund seines mittlerweile hohen Ansehens wurde er – sozusagen „aus dem Stand heraus“ – als deren Repräsentant in den Schaumburg-Lippischen Landtag und vier Jahre später zum Präsidenten des Gremiums gewählt.

Dass ein so fähiger Mann auf Dauer nicht in Bückeburg bleiben würde, war jedermann klar. 1912 wechselte Külz als Oberbürgermeister nach Zittau. Den Ersten Weltkrieg machte er als Bataillonskommandeur an der Westfront mit. Ab 1923 wirkte er – zunächst auf dem Stellvertreter-Posten und ab 1931 als Oberbürgermeister – in Dresden.

3 Bilder
Der Gedenkstein für Wilhelm Külz in einem nach ihm benannten Parkgelände am Rande der historischen Altstadt von Bernau bei Berlin (Brandenburg) ist nur eine von zahlreichen Erinnerungsstätten auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Die in den etwa 50 Zentimeter hohen Granitblock gemeißelte Inschrift lautet „Im Dienste des Vaterlandes erschöpfe ich meine Kraft, Dr. Wilhelm Külz, Gründer der L.D.P. Deutschlands“. Fotos/Repros: gp

Schon kurz nach der militärischen Niederlage und dem Zusammenbruch des Kaiserreichs 1918 hatte sich Külz der neu gegründeten, vom liberalen und gebildeten Bürgertum getragenen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) angeschlossen. 1919 wurde er Abgeordneten der Weimarer Nationalversammlung, und von 1922 bis 1932 gehörte er dem Deutschen Reichstag an. Von 1920 bis 1933 war er sächsischer DDP-Landesvorsitzender.

Höhepunkt der politischen Karriere auf Reichsebene war die Vereidigung als Innenminister am 26. Januar 1926. Den Außenminister-Posten in der Regierung des parteilosen Kanzlers Hans Luther bekleidete Gustav Stresemann (DVP). Doch die Zeit am Kabinettstisch in der krisengeschüttelten Weimarer Republik war schon bald wieder vorbei. Nur knapp ein Jahr später brachte ein neuerlicher Misstrauensantrag die „Koalition der Mitte“ zu Fall.

Einen noch viel herberen Rückschlag erlebte der Liberale im Zuge der NS-„Machtergreifung“. Schon in den Jahren zuvor hatte er aus seiner Abneigung gegen Hitler und die NSDAP keinen Hehl gemacht. Als Külz sich im März 1933 weigerte, die Hakenkreuzflagge am Dresdener Rathaus zu hissen, wurde er ais dem Amt gejagt und in „Schutzhaft“ genommen. Külz zog nach Berlin und überbrückte die Zeit der „inneren Emigration“ als Rechtsanwalt und Berater von Wirtschaftsverbänden. Der Kontakt zu den früheren Parteifreunden riss jedoch nie ganz ab. Darüber hinaus soll er Kontakte zu Widerstandskreisen gepflegt haben.

Im Glauben an einen neuen, demokratischen Wiederbeginn hob er gleich nach dem Zusammenbruch im Sommer 1945 in der sowjetisch besetzten Zone eine neue „Liberal-Demokratische Partei Deutschlands“ (LDP) aus der Taufe. Sie galt schon bald hinter der kommunistischen SED als zweitstärkste politische Kraft. Zur Kursbestimmung gab Külz die Partei-Zeitung „Der Morgen“ heraus. Gemeinsam mit Otto Nuschke (CDU) und Wilhelm Pieck (SED) war er Vorsitzender des „Deutschen Volksrats“, eine Art „Vorläufer“ der späteren DDR-Volkskammer.

Von Anfang an suchte Külz zwecks Zusammenschluss die Verbindung zu den freidemokratischen Initiativen in den Westzonen. Zunächst entwickelte sich das Ganze vielversprechend. Bei einer gemeinsamen Konferenz am 17. März 1947 in Rothenburg ob der Tauber wurden er und Theodor Heuss zu gemeinsamen Vorsitzenden der „Demokratischen Partei Deutschlands“ (DPD) gewählt.

Doch dann geriet die Ostzonen-LDP immer mehr in den Sog der kommunistischen Einheitsbestrebungen. Heftige Richtungskämpfe führten zum Niedergang der Partei. Einen formalen Auflösungsbeschluss gab es nicht. Der zu dieser Zeit bereits schwer kranke Külz musste der Entwicklung ohnmächtig zusehen. Er starb verbittert und enttäuscht am 10.4. 1948 im Alter von 73 Jahren. Nach seinem Tode gab es keine Nachwahl eines LDP-Vorsitzenden mehr.

In den neuen ostdeutschen Bundesländern und insbesondere in seiner sächsischen Heimat genießt Wilhelm Külz heute als standhafter und unbeirrbarer Demokrat und Widerstandskämpfer hohes Ansehen. Ihm zu Ehren wurden zahlreiche Gedenksteine aufgestellt sowie Straßen und Plätze benannt. Im Freistaat Sachsen gibt es seit 1991 eine FDP-nahe „Wilhelm-Külz-Stiftung“ zur Förderung der politischen Erwachsenenbildung. Noch zu DDR-Zeiten wurde Külz auf einer Briefmarke verewigt.

In Bückeburg ist das Andenken an den bisher wohl tüchtigsten und bemerkenswertesten (Ober-) Bürgermeister der Stadt weitgehend verblasst. Zur Erinnerung gibt es ein Straßenschild. Auch ein Tagungsraum im Ratskeller trägt seinen Namen. Külz selber würde sich darüber nicht wundern. Er beschrieb die Denkungsart der Residenzbewohner so: „Ihre Zurückhaltung verdichtet sich bei vielen Bückeburgern dazu, alles, was nicht aus der Gegend zwischen Schaumburger Wald und Weserbergen stammt, mit einer gewissen Scheu, ja selbst zuweilen mit einem gewissen Misstrauen anzublicken“.

Noch zu DDR-Zeiten wurde Wilhelm Külz auf einer Briefmarke verewigt.




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