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Gäste werden in Bad Rehburg über „Knast-Gelände“ geführt

Offener Park im Maßregelvollzug

Bad Rehburg (ade). Gästeführungen werden in vielen Städten und Gemeinden angeboten. Dass eine Stadt ihre Gäste aber über ein Gelände führt, auf dem alkoholkranke Straftäter einen Teil ihrer Strafe verbüßen, ist eher ungewöhnlich. Die Stadt Rehburg-Loccum tut eben dieses in ihrem kleinsten Ortsteil Bad Rehburg.

veröffentlicht am 07.08.2012 um 17:27 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 06:22 Uhr

Größer können die Gegensätze kaum sein: Auf der einen Seite das einzige in Deutschland erhaltene Kurensemble aus der Zeit der Romantik, direkt gegenüber das Maßregelvollzugszentrum, in dem die Alkoholsucht von Straftätern therapiert wird. Wer das Kulturzentrum „Romantik Bad Rehburg“ in dem kleinen Ort mit seinen 500 Einwohnern besuchen will, hat zunächst das Schild „Maßregelvollzugszentrum“ im Blick.

„Nicht eben berückend für unseren Ort“, drückt Barbierin Marie vornehm das aus, was den Bad Rehburgern manches Mal Kopfschmerzen bereitete, seit das Land Niedersachsen 1959 begann, große Teile des Ortes für die Therapie Alkoholkranker zu nutzen. Solche Erläuterungen sind ihre Aufgabe, wenn sie Gäste durch den Ort und auch auf das Gelände der Klinik führt.

Dass es dem Ort dann schließlich doch nicht mehr so sehr gegen den Strich ging, diese Klinik in seiner Mitte zu haben, berichtet Marie ebenfalls. Denn schließlich brachte das der strukturschwachen Region zu manchen Zeiten bis zu 200 Arbeitsplätze ein. Die Reaktionen, die sie erntet, wenn sie von dem Bau der Gebäude im Jahr 1886 als Lungenheilstätten berichtet, auf die Liegehalle verweist und mit ihren Gästen durch einen großzügigen und sehr gepflegten Park flaniert, sind durchweg positiv. „Dass es hier so schön ist, haben wir gar nicht gewusst“, sagen selbst Einheimische.

Beim Chefarzt der Klinik, Michael von der Haar, rannte die Stadt offene Türen ein, als sie mit ihrem Ansinnen vorsprach, Gäste auch durch diesen Park führen zu wollen. „Unseren Patienten können wir mit solchen Begegnungen im Park ein Stück Normalität geben“, sagt der Arzt. Und da die Öffentlichkeit den Maßregelvollzug stets kritisch beäuge, sei es außerdem gut, diese Öffentlichkeit zu sich zu holen. „Vielleicht regen wir die Menschen so dazu an, sich mehr mit unserer Arbeit zu befassen“, meint von der Haar. Und augenzwinkernd fügt er hinzu: „Sie kommen auch alle wieder heraus – garantiert.“

Öffentlich begehbar ist der Park schon seit Jahren, genutzt wird das aber kaum jemals, auch wenn die Klinik noch so oft publik macht, dass nicht nur Spaziergänge, sondern auch die kostenlose Nutzung der Minigolf- und Boulebahn möglich sind. Wer geht schon ungezwungen dorthin, wo andere nur landen, wenn sie etwas verbrochen haben und obendrein noch alkoholkrank sind?

Mit dem Angebot der Gästeführungen erhofft sich von der Haar nun zumindest eine kleine Wende und freut sich schon auf das nächste Projekt, das die Stadt plant: In wenigen Wochen soll ein kleines Buch erscheinen, dass Spaziergänger zu markanten Punkten in allen Teilen der Stadt führt. Einer von 44 „Stadtpunkten“ wird dann das Maßregelvollzugszentrum sein. Die Pflegedienstleitung des Hauses überlege bereits, erzählt der Arzt, ob nicht im Umkehrschluss Gruppen von Patienten mit diesem Buch die Stadt entdecken könnten.

Bevor es aber so weit ist, steht noch ein größeres Ereignis ins Haus: Am Sonntag, 19. August, 10 bis 18 Uhr, macht das Maßregelvollzugszentrum bei der Aktion „Offene Gärten rund um die Rehburger Berge“ mit. Dann können sich alle – wie an allen Tagen – den Park anschauen, bekommen aber zusätzlich auch noch Kaffee und Kuchen serviert.




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