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Oliver Sauerland hat schon immer gemacht, was er wollte / Heute rockt er mit seinen Idolen

Oliver Sauerland - „Ich schreibe gerne Schlager“

Bodenwerder/Hannover. Einen Namen hat er sich vor allem als Phillie MC gemacht, der 2001 mit einem Rap-Song gegen Neonazis die Charts stürmte. Seine Wurzeln hat er im Punk-Rock – und in Bodenwerder. Heute lebt er in Hannover, schreibt Hits für „Die Atzen“ und spielt Schlagzeug bei den „Abstürzenden Brieftauben“. Oliver Sauerland (38) lebt seinen Traum – und der bestand schon immer darin, Musik zu machen. Redakteur Philipp Killmann hat ihn in seinem Proberaum in Hannover-Linden besucht.

veröffentlicht am 08.07.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 10:29 Uhr

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Philipp Killmann

Autor

Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

„Ich schreibe gerne Schlager, das ist am stressfreisten“, sagt Oliver Sauerland an einem Mittwochnachmittag in seinem Proberaum in einem ehemaligen Industriegebäude in Hannover-Linden. „Das liegt an meiner Mutter, die mich damit immer gequält hat. Sie hörte immer NDR 1, wo ich noch heute fast alles mitsingen kann. Das macht mir manchmal richtig Angst.“

So schlimm ist es dann aber doch nicht. Die Affinität zum Schlager ist ein Pfund, mit dem Sauerland wuchern kann. In Kürze werde der erste deutschsprachige Song von „Deutschland-sucht-den-Superstar“-Sänger Menderes Bagci erscheinen – geschrieben von Olli Sauerland. „Mein Ziel ist Andrea Berg“, sagt er scherzhaft.

Aber wer weiß. Sauerland hat ein Händchen für eingängige Texte. „Es flackert das Licht, dann kommt die Musik / Auf der Tanzfläche herrscht Krieg / Schwitzende Menschen, Basstherapie / Wir machen Strobo Party“ ließ er Nena vor zwei Jahren in dem Dancefloor-Hit „Strobo Pop“ von den „Atzen“ singen. Über 150 000 verkaufte Singles des Songs zahlten sich aus. Neben Nena und den Atzen Frauenarzt und Manny Marc erhielten dafür auch Sauerland und sein Partner Uli „Spek“ Hamann (Spekbeatz) jeweils eine Goldene Schallplatte. Und es ist nicht Sauerlands erste. Auch „Atzenmusik Vol. 2“, ebenfalls von den Atzen, aus dem Jahr 2010, an dessen Produktion er maßgeblich mitgewirkt hat, ging Gold. So verdient Sauerland sein Geld.

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  • In seinem Proberaum in Hannover-Linden präsentiert Olli Sauerland stolz seine beiden Goldenen Schallplatten. pk (2)

Sein Herz schlägt allerdings nach wie vor für Punk-Rock und Rap. Seit Neuestem ist Sauerland Schlagzeuger der bekannten hannoverschen Punk-Band Abstürzende Brieftauben – womit er ein Stück weit mit seinen Wurzeln verwächst. „Mit den Tauben fing für mich alles an. Mit ihnen kam der Ungehorsam und mit dem der Punk-Rock“, erinnert sich der 38-Jährige bei einem Bier. „Deshalb ist meine Mutter auch der einzige Mensch, der mir nicht dazu gratuliert hat, jetzt ein Teil meiner Idole zu sein.“ Die Erinnerung einer um die Zukunft ihres Sohnes besorgten Mutter sei zu stark geprägt von den Abstürzenden Brieftauben und dem damit einhergehenden „Ungehorsam“, als dass sie darüber heute in Jubelstürme ausbrechen könnte.

Der rebellische Ungehorsam wirkte sich freilich auch auf die Schulleistung aus, weshalb der jugendliche Sauerland schließlich das Internat im Schloss Varenholz bei Rinteln besuchte. Dort habe es dann ständig Ärger mit Neonazis gegeben. An seiner Haltung gegen Rechtsradikalismus habe sich bis heute nichts geändert. „Auch wenn es für mich, dadurch, dass ich in dem multikulturellen Hannover-Linden lebe, heute nicht mehr so ein akutes Thema ist“, sagt er.

Der Punk-Rock jedenfalls vermittelte Sauerland ein Lebensgefühl, das er fortan nicht mehr missen wollte. „Damals fasste ich mein Lebensziel: frei, ungebunden und glücklich zu sein“, erzählt er, nicht ohne hinzuzufügen, dass er in seinem Tun auch mal keinen Sinn mehr gesehen habe und infolgedessen in der Keksfabrik Bahlsen am Fließband stand. „Aber eines Morgens stand ich da mit der Kekspackung in der Hand und fragte mich, ob es das ist, was ich machen will: ,Nein. Also macht es gut!‘“ Und der Keks war gegessen.

Im Grunde hat er sein Ziel erreicht. Er macht, was er will: Musik, von morgens bis abends. Abgesehen von der damit einhergehenden Büroarbeit, versteht sich. „Ich stehe morgens um sechs Uhr mit meiner Verlobten auf und checke erst mal die E-Mails, die wir als Abstürzende Brieftauben bekommen. Schon jetzt sind wir für 35 Shows in 2014 gebucht“, sagt er stolz. „Dann gehe ich in den Proberaum und lege los.“

In der Regel ist Sauerland der Erste und Letzte in dem mit Gitarren und mit Plakaten von Metallica bis zu den Atzen behängten Proberaum. Verständlich in Anbetracht der vielen Hochzeiten, auf denen Sauerland tanzt. Gemeinsam mit Schrada bildet Sauerland, auch Jonny Bockmist beziehungsweise Bocke genannt, Schrocke. Ein Rap-Projekt, das ausschließlich auf Instrumentalmusik basiert, die sie selbst einspielen. In der Band von Soul-Sänger Moe Mitchell aus dem Umfeld von Rapper Kool Savas ist er Gitarrist, regelmäßig proben sie in Sauerlands Proberaum. Und für „Die Atzen“ ist er als Songwriter tätig.

Der Kontakt zu den Atzen („Das geht ab! [Wir feiern die ganze Nacht]“) aus Berlin kam über Sauerlands Partner Uli Hamann sowie DJ Reckless aus Hannover zustande. „Reckless ist der Erfinder des Atzen-Sounds“, befindet Sauerland. Atzensound – das sind elektronische tanzbare Beats à la Miami Bass mit in der Regel einfach gerappten Partyparolen.

Irgendwann schlug Reckless Manny Marc von den Atzen vor, „Bocke“ ein paar Refrains rappen zu lassen. Die Chemie stimmte. In der Folge arbeitete Sauerland gemeinsam mit Johannes Herbold an Atzenmusik Vol. 2 mit, woraus etwa der Hit „Die Atzin“ hervorging. Außerdem zeichnet er für die Rock-Mixe der Limited Edition des Albums verantwortlich.

Zur Entspannung rockt Sauerland mit seiner Feierabend-Band Okli Pokli, mit der er gerade einen traurig-schönen Abgesang auf seine Heimatstadt Bodenwerder geschrieben hat, die ihm nichtsdestotrotz nach wie vor am Herzen zu liegen scheint: „Hier war ich zu Haus, hier kenn ich jeden Baum / jede Straße, jeden Weg und jeden Strauch / Alles wirkt hier wie ausgestorben, der Bürgermeister macht sich Sorgen / Denn die Jugendlichen wollen nur noch raus“, singt er in „Xanadu“, benannt nach einer Disco, die es in Bodenwerder mal gab. „Juttas Kiosk – ist nicht mehr da / das kleine Kino – ist nicht mehr da / das Freibad an der Weser und Schüttes Imbiss – nicht mehr da.“

Durch die ungewisse Zukunft des Jugendzentrums Klex hat der Song noch an Aktualität gewonnen, sagt Sauerland. Ohne Klex hätte es „Strobo Pop“ in dieser Form wohl nie gegeben. Der Proberaum im Klex war sein zweites Zuhause. Dort brachte er sich autodidaktisch Gitarre und Schlagzeugspielen bei, gründete seine ersten Bands, probierte sich aus und legte sich damit den Grundstein für seine Zukunft selbst. Das wurde erst weniger, als der gelernte Gerber zu seiner damaligen Freundin nach Hameln zog.

Ein Freund aus Hameln führte ihn schließlich im „Musikzentrum“ in Hannover ein, wo er nicht nur Musik machen konnte, sondern auch den Musikproduzenten Marc Steinmeier kennenlernte. Mit ihm nahm Sauerland unter dem Namen „Olsen“ die Single „Es ist wieder Sommer“ auf, die über Raputation/Edel Records erschien. „Ich war jung und brauchte das Geld“, sagt er mit einem Augenzwinkern über diesen ersten Ausflug in die Welt des Pop. „Das war schon sehr extremer Pop-Rap, dabei bin ich eigentlich nicht der Typ, der das glaubhaft verkörpern kann.“

Steinmeier und Sauerland verschickten weiter Demos, bis man bei der Universal Music Group hellhörig wurde. Die Plattenfirma stampfte gerade einen deutschen Ableger des amerikanischen Kult-Labels Def Jam aus dem Boden, das bis dato für Hip-Hop-Helden wie Public Enemy, LL Cool J und die Beastie Boys stand. Für Def Jam Germany fiel die Wahl nicht nur auf die in der Rap-Szene akzeptierten Specializtz aus Berlin, sondern ausgerechnet auch auf den eher szenefremden Phillie MC, wie sich Sauerland jetzt nannte.

2001 erschien sein Album „Schöne neue Welt“, das es auf Platz 33 in den deutschen Charts schaffte. Die Single „Unkraut“, auf der Sauerland seine einschlägigen Erfahrungen mit prügelnden Neonazis verarbeitete und sich damit als einer der damals wenigen Rapper öffentlich gegen Rechtsradikalismus positionierte, habe sich über 90 000 Mal verkauft. Noch heute stehe er deshalb auf „schwarzen Listen“ von Neonazis.

Der Erfolg – und vor allem die damals noch fürstliche Entlohnung für das Mimen der Marke „Phillie MC“ – tröstete ihn zumindest streckenweise darüber hinweg, dass er vom Gros der Hip-Hop-Szene nichts als Spott und Hohn erntete. „Man versucht zwar, das nicht an sich rankommen zu lassen, aber das klappt natürlich nicht“, sagt er sichtlich unangenehm berührt und schiebt hinterher: „Das war ein Kack-Album, das ich selbst nicht mehr hören kann.“ Er sei als Musiker damals noch nicht so weit gewesen, habe „viel kopiert“.

Das sei heute anders. „Die neuen Sachen sind sehr Punk-Rock-lastig“, sagt er über sein neues Rap-Album, an dem er als Jonny Bockmist gerade arbeitet und das über Atzenmusik/Sony erscheinen soll. „Es ist eine Mischung aus Rap und Punk-Rock – weil ich ja auch so eine Mischung bin.“

Sauerland spielt ein Musikvideo an. „Das ist von meinem neuen Album“, verkündet er kopfnickend. Es zeigt einen scheinbar verkaterten Jonny Bockmist, der die Folgen einer versoffenen Partynacht schildert – bis zur nächsten feucht-fröhlichen Fete am Abend drauf: „Der Kater ist ein Murmeltier“, rappt er über Live-Instrumente. „Von den Computersachen bin ich weg.“

Derweil füllt sich Sauerlands Proberaum. Ein Fan von den Abstürzenden Brieftauben, Matze, hat als Mitbringsel eine Kiste Härke mitgebracht. Ein redseliger Tauben-Mitbegründer Mirco „Micro“ Bogumil erzählt von seinen Plänen für den bevorstehenden Familienurlaub. Und ein junger Tim Werner stimmt seine Bassgitarre.

„Hua!“, ruft Sauerland schließlich – und mit dem Song „Das Grauen kehrt zurück“ geht die Session der Abstürzenden Brieftauben los. Sauerland bearbeitet das Schlagzeug mit einem Elan, als wäre ein Einsatz von 100 Prozent noch nicht genug. Auf den Lippen von Gitarrist und Sänger Micro zeichnet sich ein seliges Lächeln ab, während Werner den Schlagzeuger fixiert und sich auf sein Bassspiel konzentriert. Nahtlos gehen sie zum nächsten Song über: „Heute doof und morgen doof“, singen auch Sauerland und Fan Matze laut mit.

Pause. Sauerland wischt sich mit einem Handtuch den Schweiß aus dem Gesicht. Zufrieden sind die Tauben heute zwar nicht mit sich. Aber dazu ist der Proberaum ja da, und bis zum 3. August ist noch etwas Zeit. Dann spielen die Tauben im Musiktheater Bad. Und Olli Sauerland verwächst noch ein bisschen mehr mit seinen eigenen Wurzeln.




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