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Hinrichtungen am Galgen waren wie Volksfeste – Stadthäger trafen sich zum Feiern am Niederntor

Ort des Grauens und der Häme

Stadthagen. Heute gibt es den Krammarkt, früher die öffentliche Hinrichtung: Schenkt man dem Stadthäger Verkehrsverein Glauben, war es ein wahres Volksfest, wenn die Stadthäger sich zum Aufknüpfen von zum Tode Verurteilten am Niederntor versammelten. Eine Tafel mit kurzem Text weist jetzt auf die einstige Richtstätte in der Nähe des Beginns der Krummen Straße hin.

veröffentlicht am 19.08.2014 um 11:24 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 01:22 Uhr

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Für historische Hinweisschilder dieser Art zeichnet beim Verkehrsverein Florian Redeker verantwortlich. Er hat sich bei Stadtarchivar Adolf Tatje zum Thema kundig gemacht. Ein aus heutiger Sicht schauerliches Stück Stadtgeschichte hat sich da aufgetan. Besonders interessant fand Redeker, wie Archivar Tatje zwischen den Zeilen zu lesen vermag.

In den Aufzeichnungen aus längst vergangenen Tagen finden sich die Geschichten von Folter, Mord und Gehenkten, deren Überreste man zur Abschreckung vor den Stadttoren zum Verwesen hängen ließ, nämlich nicht als Gruselmär, sondern als nüchterne Verwaltungsakte.

So verraten etwa die Fässer mit Wein oder Bier, die der Henker zusätzlich zum Sold in Talern erhielt, dass sein Job im Scharfrichter den Wunsch nach Vergessen gären ließ, weiß Redeker. Wie viele Taler der Beauftragte fürs Hängen bekam, war zum Beispiel auch davon abhängig, wie oft er einen Delinquenten bis zum Geständnis ohne Widerruf foltern musste, erklärt Archivar Tatje.

„Wurde widerrufen, musste er Glieder wieder einrenken, um später weiter foltern zu können“, sagt Tatje – alles Arbeitsschritte, die die Stadt vergüten musste. Eine Folter-Flatrate gab es nicht.

Besonders berührt hat Tatje eine Geschichte aus dem 17. Jahrhundert. Damals soll eine Frau aus Wiedensahl ihr Kind in einen Brunnen geworfen haben. Der Brunnen wurde trockengelegt, um an die Leiche des Neugeborenen zu kommen. Die Beschuldigte gestand bereits nach der ersten Stufe der Folter – dem Zeigen und Erklären der Instrumente. Sie wurde vor dem Niederntor aufgehängt.

Vor allem Frauen litten am Standort des Galgens gegen Ende des 16. und zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit erreichte der Hexenwahn in Stadthagen seinen Höhepunkt, worauf die Tafel des Verkehrsvereins ebenfalls hinweist. Im nahe gelegenen Graben fand die Wasserprobe statt. Frauen, die gefesselt ins Wasser geworfen wurden und ertranken, hatten Glück – mutmaßliche Zauberkräfte hatten sie nicht gerettet, ergo konnten sie keine Hexen sein.

Bizarr: Den Quellen im Stadtarchiv zufolge könnte die Wasserprobe eine Suizidmethode für depressive oder anderweitig psychisch belastete Frauen gewesen sein. Einige meldeten sich nämlich freiwillig bei den Autoritäten mit dem Hinweis, sie seien selbst nicht sicher, es wäre aber möglich, dass sie Hexen seien. Gewissheit konnte nur die todbringende Wasserprobe schaffen.

Neugierig geworden? Adolf Tatje ist dienstags von 9 bis 12.30 Uhr und von 13.30 bis 17 Uhr im Stadtarchiv am Landsberg’schen Hof anzutreffen.




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