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Seen Sie’s doch ein …

Ost- oder Nordsee – eine Grundsatzdebatte

Sommerferien – endlich. Also: Ab ans Meer. Aber an welches?

veröffentlicht am 06.07.2019 um 07:00 Uhr

Frank Henke

Autor

Reporter zur Autorenseite

Gut, früher mal, als wir alle noch jünger waren, da gab es Strand- und Bergurlauber – ungefähr gleich viele, glaube ich. Die Strandurlauber, junge Familien mit Kindern, die Jörg, Sven und Sonja hießen, machten sich auf den Weg ans Meer. Die vielleicht nur etwas Älteren, die mit den groß gewordenen Kindern (Klaus und Sabine durften nun schon alleine in die Ferien), fuhren in die Alpen oder zumindest den Schwarzwald. Zum Wandern. Heute ist die Meeresfraktion klar die dominierende: 70 Prozent der Deutschen wollen im Urlaub an den Strand, stand kürzlich in dieser Zeitung.

Der Autor des Textes – „Meer oder weniger“ stand drüber – machte sich an einen Erklärungsversuch für unsere Meeressehnsucht. Ein Ansatz: Das Meer will nichts von uns, es erlaubt „passives Genießen“. So ein Berg hingegen will immer gleich erklommen, ein Wesertal – so ließe sich ergänzen – durchradelt werden. Da mag was dran sein, vorausgesetzt natürlich, wir lassen standhaft jeden Kajakverleih am Strand links liegen und ignorieren die rote Boje da hinten als hübsches Schwimmziel.

Fest steh allerdings auch: Bis wir uns so wunderbar passiv im Sand räkeln dürfen, wird mindestens eine aktive Entscheidung von uns verlangt: Welcher Sand darf’s denn sein? Konkret läuft es hierzulande schnell auf die eine Frage hinaus. Ach was: nicht auf eine Frage – auf ein Urlaubsbekenntnis: Nord- oder Ostsee?

Oft ist es eine Wahl fürs Leben oder zumindest für eine lange Lebensphase. Klar, wir können auch mal aus reiner Experimentierlust zum anderen Meer abbiegen, aber letztlich hängen wir unser Herz doch nur an eins von beiden, oder? Wer die Nordsee liebt, dem kommt die Ostsee vor wie ein zu groß geratener Stausee. Wer auf die Ostsee schwört, für den ist die Nordsee – zumindest für einen guten Teil des Tages – nicht mehr als ein fischig riechender Landstrich Matsch. Kompromisse mögen denkbar sein – diese und jene Insel im einen oder anderen Meer, das Skagerrak – aber tragfähig für Millionen Touristen sind sie nicht. Ich war schon am Skagerrak. Für mehr als eine Kleinfamilie mit Hund ist an der Spitze kaum Platz, alle anderen müssen sich entscheiden.

Riskieren wir eine vergleichende Gegenüberstellung. Zuerst: die Ostsee. Was für ein freundliches, zuverlässiges Meer. Immer zur Stelle, selten so richtig aufbrausend. Dabei macht sie so wenig Aufhebens um sich, dass man mancherorts der Landschaft kaum anmerkt, dass sie, die See, überhaupt da ist. Da vorne zwei Straßen weiter, da wohnt übrigens das Meer. Nein, wirklich!? Darum schwärmen Fans der Ostsee von der hübschen, abwechslungsreichen Landschaft. Sogar Steilküsten hat sie im Repertoire.

Kommen wir zur Nordsee: Sie will, dass die Welt von ihr spricht. Eigentlich darf es schon Kilometer, bevor ihr eigentliches Reich, der Strand, beginnt, um niemand anderen mehr gehen. Dünen ohne Ende. Wenn wir alle überquert haben, hat sich die Gastgeberin längst zurückgezogen. Wer will schon ewig warten? Oder sie bläst uns wutschäumend wie ein Algenknäuel über den Strand. Ich mag die Nordsee lieber, dieses launische Ding. Puh, nun ist es raus.

Neulich habe ich trotzdem mal meine Facebook-Freunde gefragt: Welches Meer ist besser? Erstaunlicherweise zeichnete sich schnell eine Ostsee-Mehrheit ab: Die Landschaft, jaja. Bessere Hundestrände, jaja. Keine blöde Ebbe, jaja. „Wo ist die Nordsee, wenn man sie braucht?“, klagte einer und vor Augen hatte ich bei dieser Frage sogleich einen bitter enttäuschten Sechsjährigen mit quietschbuntem Bodyboard unter dem Arm. Ich finde es furchtbar unfair, einem Meer seine Gezeiten vorzuwerfen. Ich bin ja auch nicht empört darüber, dass die Sonne scheint, dass Bäume wachsen oder dass Katzen machen, was ihnen gerade in den Kopf kommt – und das ausschließlich. Rheinländisch gesagt: Et es, wie et es.

Ins Denken gebracht hat mich die Umfrage trotzdem: Halte ich zum falschen Meer – seit Jahrzehnten? Unwahrscheinlich. Viele Kommentare zum Thema gönnten dann ja auch so ganz kompromissig beiden Meeren ihre Stärken. „An geraden Tagen Nord, an ungeraden Ost – beste Grüße aus Hamburg“, schrieb jemand. Frechheit sowas. Aber ein paar Ostsee-Ausflüge, sogar ganze Urlaube habe ich ja auch schon hinter mir. Das war dann alles ganz schön. Fast so schön wie an der Nordsee. Oder wie eine Facebook-Freundin schrieb: „Die Ostseeinseln sind ,nett‘, die Nordseeinseln sind ,yeah‘!“ Yeah, da ist was dran.




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