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Philipp "Philsen" Hoppen - „Jetzt schreiben wir noch einen Hit!“

Börry/Berlin. Was haben Die Ärzte, Kraftklub, Fehlfarben und Deichkind miteinander gemeinsam? Sie alle wollen den Sound von Philipp „Philsen“ Hoppen aus Börry bei Hameln. Der 33-Jährige zählt zurzeit zu den gefragtesten Musikproduzenten und „Sound Engineers“ der Republik. Seit einigen Jahren lebt er in Berlin. Redakteur Philipp Killmann hat ihn dort in seinem Studio besucht.

veröffentlicht am 17.09.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 10:35 Uhr

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Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

An der Tür seines Produktionszimmers im „Transporterraum“-Studio in Berlin-Kreuzberg klebt noch ein tabellarischer Arbeitsplan für das im Januar erschienene Kraftklub-Album „Mit K“. Anfangs noch gewissenhaft ausgefüllt, klaffen später große Lücken. Egal. Das Album ist trotzdem fertig geworden, und dem Erfolgtat es auch keinen Abbruch. Im Gegenteil. Im Februar ist es auf Platz 1 der deutschen Charts gelandet, inzwischen mit „Gold“ ausgezeichnet. Produziert hat es Philipp Hoppen (33) aus Börry.

In seinem etwa 25 Quadratmeter großen Arbeitsraum stehen vor hohen Fenstern ein Mischpult, daneben ein Computer, weitere Geräte zur Klangbereitung und überall Gitarren, zehn Stück an der Zahl. In einer Ecke tummelt sich seine Französische Bulldogge: Pugsley.

Auf dem von Sofas flankierten Tisch in der Raummitte steht eine Schale Obst, daneben eine große Flasche Wasser. „Obst, Wasser, Kaffee?“, fragt der Börryer mit dem krausen Vollbart freundlich. Diese ausgeprägte Zuvorkommenheit sei noch ein Überbleibsel aus seiner Lehrzeit als „Tea Boy“ in den Home Studios von Franz Plasa („Echt“, „Selig“) in Hamburg.

Aschenbecher leeren, den Kühlschrank auffüllen, Kaffee kochen und nachts die Tankstellen abklappern, um einem Superstar die gewünschten Gummibärchen einer ganz bestimmten Sorte zu besorgen. „Das ist einfach immer noch drin. Die Kunden sollen sich ja wohlfühlen.“

Überhaupt gehe es im Studio viel um Psychologie. „Wann bringe ich mich ein, wann nicht?!“ Über Wochen, manchmal über Monate leben Produzenten und Musiker im Studio auf engstem Raum zusammen. „Bei Musik geht es um Empfindungen und Emotionen. Die Musiker kehren ihr Innerstes nach außen.“ Man freundet sich an. Aber nach den Aufnahmen war es das dann meistens auch. „Damit muss man auch erst mal klarkommen.“

Das technische Handwerk lernte er quasi nebenbei, indem er Tonmeister Peter Schmidt (Udo Lindenberg, Peter Maffay, Peter Fox, Reamonn, Rosenstolz) über die Schulter guckte. Wie werden welche Mikrofone für welches Instrument aufgestellt? Welcher Vorverstärker eignet sich am besten?

Die ersten drei Monate als Tea Boy arbeitete Hoppen unbezahlt, dann für 500 Mark monatlich. Das war im Jahr 2000, zu Beginn des wirtschaftlichen Absturzes der Musikindustrie, die gerade noch aus dem Vollen schöpfen konnte.

Schmidt hatte noch den Luxus, sich einen persönlichen Assistenten leisten zu können, zum Beispiel in Hoppen. Gemeinsam arbeiteten sie unter anderem für Peter Maffay. Die Arbeit, die im Studio ein- und ausgehenden Stars – „das war am Anfang natürlich alles ultraaufregend“.

Dass Hoppen in der Musikindustrie einsteigen würde, war so klar nicht. Zwar nahm er als Kind Gitarrenunterricht und spielte als Jugendlicher immer in irgendwelchen Bands, allerdings ohne professionelle Ambitionen.

Nach einer erfolglosen Odyssee durch mehrere Hamelner Gymnasien, einem kurzweiligen Internatsbesuch und einer abgebrochenen Tischlerlehre besann sich Hoppen mit Anfang 20 dann doch auf die Musik.

Er zog einem Freund aus Tündern nach Hamburg hinterher und kam – wie das so ist – über den Cousin der Freundin seiner Freundin an ein Praktikum als Studioassistent in den Home Studios. „Ich hatte zuerst überhaupt keine Ahnung, aber ich merkte schnell, dass ich in dieser Rolle besser aufgehoben bin als als Musiker.“

Nach ein paar Jahren begleitete er Schmidt nach Berlin, half ihm dort, die Ballhaus Studios aufzubauen, dann wurde er, wie er sagt, „flügge“ und kam in Kontakt mit dem Transporterraum. Es folgten Arbeiten für Die Ärzte („Jazz ist anders“), Elke („Häuser stürzen ein“), Klee („Berge versetzen“) und andere.

2008 forderten die langen Studiotage und -nächte, forciert durch den Druck der Majorlabels, ihren Tribut: Burnout. „Ich hatte Schulden, Angst vor dem Telefon und vor E-Mails.“ Hoppen nahm sich eine achtmonatige Auszeit, verbrachte mit seinem ersten Kind viel Zeit bei seinem Vater in der Nähe von Bodenwerder. Zum ersten Mal zweifelte er an seinem musikalischen Werdegang, überlegte, das Abitur nachzuholen und die Musik an den Nagel zu hängen.

Hoppens Zimmertür öffnet sich. Ein Mittvierziger mit langen Haaren verabschiedet sich. „Das war mein Kollege Moses Schneider“, erklärt Hoppen. Schneider ist Mitbegründer des Transporterraums und Produzent einiger der bedeutsamsten Bands der jüngeren Vergangenheit: Tocotronic, Beatsteaks und Seeed. Außerdem ist er ein alter Bekannter von Peter Schmidt.

Es war Schneider, der Hoppen damals wieder Mut machte, sagte „Misch doch mal Ja, Panik!“, eine Indie-Band. „,The Angst and the Money‘ hieß das Album – irgendwie passend“, sagt Hoppen lachend.

Wieder kommt er auf die mit Musik einhergehende hohe Emotionalität zu sprechen. „Mit Musik werden Gefühle transportiert. Davon lebe ich zwar. Aber es gibt eben auch Tage, an denen man nicht funktioniert – und das ist in einem teuren Studio natürlich nicht förderlich. Aber im Transporterraum habe ich jede Zeit der Welt.“

Zeit braucht es auch, um mit den Musikern warm zu werden. „Ich gehe mit den Bands erst mal gerne in ihren Proberaum, um mit ihnen zusammenzuspielen. Denn da sind sie die Chefs.“ Bis auf Klavier kann Hoppen alle wichtigen Instrumente spielen – das muss er auch können, wie sonst solle er einem Musiker erklären, wie er etwas zu spielen habe?

Am wichtigsten seien die Vocals, also der Gesang. „Das macht mir auch am meisten Spaß. Und man braucht sich nichts vorzumachen: Am Ende kaufen die Leute eine Platte nicht wegen der Snare, sondern wegen der Darbietung und Inhalte der Vocals“, stellt Hoppen klar.

Auch mit Kraftklub war er zunächst in ihrem Proberaum in Chemnitz. Er spielt eine Demoaufnahme der Band an und verzieht lachend das Gesicht. „Das Riff aus ,Wieder Winter‘ klingt hier noch wie im Mittelalter.“ Ein paar Songs des „Mit-K“-Albums sind erst im Transporterraum geschrieben worden.

Als Kraftklub dann 2011 mit „Ich will nicht nach Berlin“ beim Bundesvision Song Contest auftrat, „brannte es“, so Hoppen. Und als das Album eigentlich schon fertig war, hätten sie sich aus Quatsch gesagt: „Jetzt schreiben wir noch einen richtigen Hit!“ Und so kam es dann auch: „Songs für Liam“ wurde zum bis dato erfolgreichsten Song des Albums.

Dass Kraftklub durchaus Gehör finden würde, davon gingen Hoppen & Co. aus. Dass sie dann aber derart erfolgreich wurden, war für Hoppen eine Überraschung. „Zwar verfolge ich die Entwicklung in den Charts mit, stelle fest, dass mein Telefon häufiger klingelt als sonst. Aber wie groß sie wirklich geworden sind, wurde mir erst klar, als ich sie neulich in der Columbiahalle vor 3500 Leuten im Alter von zehn bis 50 live spielen sah.“

Der Umgang miteinander habe sich dadurch nicht verändert. „Es ist noch genauso wie vor einem Jahr: Man hängt rum, macht Witze und kuckt sich zusammen Youtube-Videos an.“

Überhaupt geht im Transporterraum scheinbar alles seinen normalen Gang. An unscheinbarer Stelle im Flur sind auf einem Regal vier Goldene Schallplatten aufgereiht, die Hoppen verliehen wurden: für „Jazz ist anders“ und die gleichnamige Economy Edition des Albums und „auch“ von den Ärzten, für „Laut & Leise“ von Peter Maffay.

Hoppen bleibt auf dem Teppich: „Im Moment gibt es einen gewissen Hype um meine Person. Aber in zehn Jahren bin ich vielleicht nicht mehr hip, und dann habe ich diese Jobs nicht mehr. Mal kucken, wie es weitergeht.“

Zurzeit mischt er den Sound für eine Live-DVD einer bekannten Rockband. Noch in diesem Jahr steht die Albumproduktion des jungen Hamburger Rappers Ahzumjot an, einem der neuen Hoffnungsträger des deutschen Rap. „Wir werden uns hinsetzen und uns gemeinsam etwas überlegen. Was wir wollen, das ist ein Aha-Effekt.“ Ahzumjot ist nicht der erste Rapper, für den Hoppen arbeitet. Vor ihm gab es Dendemann, Marteria, K.I.Z. und Casper.

Ausdruck einer besonderen Vorliebe für Rap sei das allerdings nicht, sagt er. „Ich komme eigentlich vom Metal. Aber seit Pantera oder den Strokes kam nichts wirklich Neues mehr. Auch beim Rock passiert nur wenig, oft ändert sich nur die Verpackung. Neue Musik, die mich kickt, ist Urban, weil es sich ständig neu erfindet. ASAP Rocky, Santegold oder Ghost Face Killah – da gibt’s viel Frisches!“

Tatsächlich hört der inzwischen zweifache Familienvater privat kaum noch Musik. „Ich höre sie ja bei der Arbeit den ganzen Tag. Da bin ich abends echt satt. Ich hatte gerade vier Wochen frei, in denen ich vielleicht eine halbe Stunde Musik gehört habe.“ Um abzuschalten, schraubt Hoppen am liebsten an alten Autos, baut Möbel zusammen oder lässt Modellflugzeuge fliegen – nach wie vor auch noch gerne bei Börry.

Hat Hoppen noch einen Traum? „Wenn ich Amerika nicht so doof fände und ich nicht so faul und zufrieden wäre, würde ich gerne mal dort arbeiten … Ein Traum wäre es natürlich, wenn es so weiterlaufen würde wie jetzt.“




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