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Göttinger Symphonie-Orchester begeistert erneut Publikum mit Neujahrskonzert

Rausch ganz ohne Kater

Bückeburg. Rasant, spritzig und berauschend – so lässt sich das lange ausverkaufte Neujahrskonzert wohl am besten zusammenfassen. Die Musiker reihten Polka an Polka und Walzer an Walzer und sorgten so für eine absolut alkoholfreie Champagner-Seligkeit.

veröffentlicht am 12.01.2015 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 21:41 Uhr

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Ein Rausch ganz ohne Kater? Den verschafft wohl nur der Besuch eines Neujahrskonzerts. Unbestrittener Meister dieser Gattung ist Christoph-Mathias Mueller, der Dirigent des Göttinger Symphonie-Orchesters. Seine charmante Moderation ist legendär, sein schwungvolles Dirigat ebenso. Das Bückeburger Publikum hat ihn ohnehin längst ins Herz geschlossen – das war auch beim jüngsten Konzert des örtlichen Kulturvereins zu beobachten.

Immer wieder gab es Szenenapplaus, Mueller selbst freute sich „außerordentlich“, wieder in der Ex-Residenz zu sein. Ein Kompliment, das nur der würdigen kann, der weiß, dass das GSO erst vor Kurzem aus China zurück ist. Dort hatten die Musiker an mehreren Orten gastiert und viele Konzerte gegeben. Die Chinesen seien begeistert, gab Mueller zu versehen, vor allem das erste Werk, die opulente Ouvertüre zur Oper „Euryanthe“ (Carl Maria von Weber) habe ihnen gefallen. Aus China hatten die Musiker den chinesischen Neujahrsgruß „Xin nian kuai le“ und ein farbenprächtiges Zugabestück, die „Spring Festival Ouverture“ von Huan Zhi mitgebracht.

Sichtlich große Freude hatte das GSO indes auch am Konzert im Rathaussaal – Motto: „Lieb und Wein“. Die Musiker waren bestens aufgelegt, spielten auf ganz hohem Niveau. Das war nicht Sekt, das war Champagner. Schon nach dem ersten Schluck hob sich die Laune, es prickelte im Bauch, die Füße wippten mit.

Natürlich waren es vor allem bekannte Hits, die schönen Melodien, die im Rathaussaal zu hören waren. Etwa die Polka Mazur „Lieb und Wein“ von Johann Strauss, die Mueller mit folgenden Worten ankündigte: „Dazu kann man auch noch tanzen, wenn man was getrunken hat.“ Oder der Walzer „Wein, Weib und Gesang“ von Johann Strauss (Sohn), dessen Alliteration eigentlich von Martin Luther stammt. Luther, sagte Mueller, habe die Zeilen während seines Aufenthalts auf der Wartburg verfasst: „Wer nicht liebt, Wein, Weib und Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang.“ In diesem Ton ging es weiter, weshalb auch die Schnell-Polka „Stürmisch in Lieb‘ und Tanz“ Johann Strauss (Sohn) nicht fehlen durfte. Ein wilder Rhythmus, der das Leben feiert .

Neben den bekannten „Neujahrs-Hits“ enthielt das Programm aber auch Überraschungen: den „Champagner-Galopp“ von Hans Christian Lumbye, der – geschrieben vom „Johannes Strauss des Nordens“ – reichlich angeschickert daherkommt. Hier knallen die Korken – das Geräusch wird vom Schlagwerker täuschend echt imitiert. Ebenfalls ein „Knaller“ ist das „Bacchanale“ aus der Oper „Samson et Dalila“ – ein reicher Melodien-Teppich, der eine magisch-exotische Stimmung heraufbeschwört. Mindestens genauso champagnerselig: der Auftritt von Antje Bitterlich (Sopran), die zwei Arien aus der Operette „Die Fledermaus“ vorträgt. Bitterlich gibt die Adele – kokett, temperamentvoll, frech. Das Publikum ist begeistert, Bitterlich muss noch einmal raus. Ihre Zugabe, das Sehnsuchtslied „Draußen im Sievering blüht schon der Flieder“, bejubelt die Wiederkehr des Frühlings. Was für ein grandioser Vortrag!

Den Schlusspunkt setzen die Walzer „Freut euch des Lebens“ von Johann Strauss (Sohn) und „Mein Lebenslauf ist Lieb und Lust“ (von Josef Strauss) . Noch einmal strömt die Musik dahin, immer wieder leicht verzögert, wie in einer endlosen Schleife. Den Zuhörer erinnert das an eine Schiffsschaukel, die bis an ihren höchsten Punkt schwingt und dann – ganz oben – für einen Augenblick stehen bleibt: völlig schwerelos. Mueller reizt diesen Augenblick bis zur letzten Sekunde aus, dann kippt die Bewegung und es geht mit Karacho abwärts. Man saust mit, hat ein Kribbeln im Bauch und ein Lächeln im Gesicht.

Dann, nach einem schier endlosen Begeisterungssturm, schreitet Mueller zum Pult und dreht sich in Richtung Publikum. Die ersten Takte des traditionellen Radetzky-Marsches erklingen und Mueller dirigiert das mitklatschende Publikum.

Ein dem Publikum zugewandter, charmanter Orchester-Chef – das unterscheidet das GSO von anderen Spitzenensembles. Einmal mehr war das Neujahrskonzert des Kulturvereins Start- und erster Höhepunkt des Musikjahres 2015.




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