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Zeitzeugen berichten über den Holocaust und das Leben unterm Hakenkreuz

Rotkehlchen am Ort des Grauens

Porta Westfalica (ly). Erschüttert steht Marianne Domke 1993 beim Besuch im früheren Frauen-KZ Ravensbrück vor einem Verbrennungsofen. Plötzlich flattert ein Rotkehlchen herbei, setzt sich auf den Ofen und beginnt zu singen. „Das hat mich sehr berührt“, erinnert sich die Seniorin aus Hausberge (Porta Westfalica). Die Szene wirkt, als habe ein Drehbuchautor sie geschrieben. Aber wie das Leben so spielt: Marianne Domke (80) hat jenen Moment, als der Vogel Hoffnung für einen Augenblick das Grauen verdrängte, wirklich erlebt.

veröffentlicht am 16.02.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 09.11.2016 um 09:41 Uhr

Beeindruckt sind auch die jungen Leute aus Klasse 9b der Hauptschule in Holzhausen/Porta, wo der städtische Seniorenbeirat jetzt seine prämierte „Zeitzeugen“-Reihe fortgesetzt hat. Vor allem zu einem Thema haben die Schüler Fragen aufgelistet: Judenverfolgung.

Kein Name steht so sehr für den Holocaust, die industrielle Vernichtung von sechs Millionen Menschen, wie Auschwitz – Ort der Todesfabrik, wo nach Schätzungen allein 1,1 Millionen Opfer gewaltsam ums Leben kamen. Vor fünf oder sechs Jahren nimmt Hauptschulleiter Jürgen Meier dort an einer zwölftägigen Fortbildung teil.

An einem Tag berichtet eine ältere Dame über ihre schrecklichen Erlebnisse. Es ist die Polin Stella Müller-Madej, Autorin des Buches „Das Mädchen von der Schindler-Liste“, auf dessen Umschlag sie als Kind mit ihrer Familie abgebildet ist. Vor Meier steht eine KZ-Überlebende. „Bei ihrem Vortrag hätte man auf dem Teppichboden eine Stecknadel fallen hören können.“

Wie konnte es zum Völkermord kommen? Und warum, so will Schüler Sinan wissen, haben die Deutschen sich nicht zur Wehr gesetzt gegen das Nazi-Regime? „Das war damals absolut nicht möglich“, erklärt Hans Rachfall, aufgewachsen in Berlin. „Wir lebten in einer echten Diktatur, einem Überwachungsstaat, der seine Augen und Ohren überall hatte.“ Bei allen größeren Versammlungen seien Gestapo-Leute gewesen, fügt Rachfalls Frau Irmingard hinzu. „Man muss aber auch ehrlich sagen, dass wir anfangs begeistert waren.“

Unheimlich gut hätten es die Nazis verstanden, die Jugend zu begeistern, etwa mit Heimabenden und Sonnenwendfeiern. Ganz langsam sei dann die Angst gekommen, „weil Nachbarn plötzlich nicht mehr da waren“. Sie waren im KZ oder in den Folterkellern der Geheimen Staatspolizei. Schülerin Franziska möchte mehr darüber wissen.

Anfang 1944 sieht Marianne Domke die ersten KZ-Häftlinge. Sie sind aus dem Lager Neuengamme bei Hamburg nach Barkhausen gebracht worden, um an der Porta Zwangsarbeit zu verrichten – wie insgesamt etwa 3000 andere. „Aber wir trauten uns nicht zu fragen. Das war tabu.“ Anfangs meinen die Kinder, die Menschen würden „konzentriert“ im Sinne von gesammelt und müssten „nur“ arbeiten. „Wir haben nicht geglaubt, dass sie umgebracht werden.“

Noch sehr gut kann sich Marianne Domke an die Reichspogromnacht erinnern, den 9. November 1938, Beginn der systematischen Judenverfolgung. Marianne ist damals ein Mädchen von zehn Jahren. Neugierig laufen die Schüler zum Hausberger Marktbrunnen, sie haben Schreie gehört. Jetzt sehen sie, wie Möbel aus den Fenstern des Judenhauses fliegen und eine schwangere Frau von einem SS-Mann in den Bauch getreten wird. „Alle Juden auf einem Haufen, die Kinder dazwischen“, berichtet Marianne Domke. „Das kann ich nicht vergessen.“




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