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Wolfgang Gerke erläutert auf Einladung der Firma „Stansch“ die Finessen des Finanzwesens

Rückkehr zur Mark? – „Politischer Harakiri“

Bückeburg (bus). Ein eindeutiges Bekenntnis zum Euro ist eine der Quintessenzen eines Vortrages von Professor Dr. Wolfgang Gerke im Bückeburger Rathaussaal gewesen. „Eine Rückkehr zur D-Mark wäre politischer Harakiri in Europa, mit dem wir zurück in den Merkantilismus fallen würden“, gab der Finanzexperte zu verstehen. Selbst der Gedanke, einen Süd- und einen Nord-Euro zu produzieren käme politischem Wahnsinn gleich.

veröffentlicht am 29.10.2010 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 17:21 Uhr

„Dennoch“, stellte der Professor unverzüglich mit Blickrichtung Griechenland fest, „darf man sich nicht über den Tisch ziehen lassen.“ Wobei mit der Finanzhilfe für das EU-Mitglied eigentlich nicht Griechenland sondern die europäischen Banken gerettet worden seien. Gerke: „Das Land wäre mit einer Abwertung und einem Schuldenerlass besser bedient gewesen.“

Er möchte mit einem Geldtransfer nicht „den 52-jährigen Griechen finanzieren, der vorzeitig in Rente gehen darf“, sondern gerne Innovationen bewirken und den Menschen dort die Möglichkeit eröffnen, „mehr von der Entwicklung unserer Zeit zu profitieren“. Generell gelte, dass Deutschland sich international geschickter aufstellen müsse. Beispiel: „Franzosen, die sich in ihrem Land halbtot streiten und halbtot schlagen, treten in Brüssel, wenn es um die große Nation geht, einig auf.“ Die Deutschen stritten sich auf der europäischen Bühne jedoch kräftig weiter.

Gehrke setzte in der Ex-Residenz eine Reihe von Professorenbeiträgen fort, die auf Initiative des Kapitaldienstleisters „Stansch“ (Rinteln/Steinbergen) bisher die Spezialisten Bert Rürup (2002), Bernd Raffelhüschen (2005) und Max Otte (2009) erlebt hatte. Für die Ausführungen des auch als „Mann mit der Fliege“ bekannten emeritierten Hochschullehrers für Bank- und Börsenwesen und amtierenden Präsidenten des „Bayerischen Finanz Zentrums“ zeigten rund 600 Personen Interesse. Der heute 66-Jährige studierte in Saarbrücken, promovierte 1972 und habilitierte sich 1978 an der Universität Frankfurt. An der Universität Passau (1978 bis 1981), der Universität Mannheim (1981 bis 1992) und der Universität Erlangen-Nürnberg (1992-2006) hatte er Lehrstühle inne. Überdies nahm er die Position eines Forschungsprofessors am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim wahr und war Mitherausgeber der Zeitschrift „Die Betriebswirtschaft“.

Der gebürtige Cuxhavener kam dem weit gefassten Themenspektrum des Abends – Lernen aus der Krise, die Risiken und Chancen für die Zukunft; wie geht es weiter an den Finanzmärkten?; ist der Euro in Gefahr? – mit der Entfaltung zahlreicher Szenarien bei. Frei und ebenso bedenkend wie bedächtig redend näherte er sich seinen Schlussfolgerungen mit verblüffender Detailkenntnis. Dass dabei selbst der Eierpreis zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts im Jahr der Silbernen Hochzeit von Fürst Georg zu Schaumburg-Lippe nicht fehlte, überraschte Kenner des Referenten wenig. Und dass zwischen diese sieben Pfennige und den anno 1923 für ein Hühnerprodukt verlangten 320 000 000 000 Reichsmark eine beträchtliche Menge Wissenswertes passte, noch viel weniger.

Beispiel „Einlagensicherungssystem“: „Das Einlagensicherungssystem des privaten Bankgewerbes wäre in der Finanzkrise nach wenigen Tagen kollabiert. Und die Genossenschaftsbanken und Sparkassen wären wie einige Lebensversicherer auch in Schwierigkeiten geraten und an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gekommen.“ Beispiel „Bankenabgabe“: „Sie wird in den nächsten 15 Jahren eine Finanzkrise nicht verhindern können, aber sie wird sie abfedern.“ Beispiel „Leitwährung“: „Da ist viel Blödsinn im Raum. Die Chinesen sind gute Betriebswirte und werden nicht so dumm sein, sich den Dollar ganz kaputt zu machen, sondern sie werden so klug sein, in Zukunft viel mehr in Unternehmen und Sachwerte zu investieren.“

Und ein bisschen Eitelkeit durfte auch nicht fehlen: Er habe bereits vor zwölf Jahren in Dubai den Verantwortlichen (vergeblich) vorgeschlagen, nicht nur in Dollar sondern auch in Schweizer Franken und D-Mark zu investieren. „Sie haben es nicht gemacht.“ Die Chinesen und andere aber würden diesen Weg gehen.

Das Fazit des „überzeugten Europäers“ geriet ziemlich optimistisch. Obwohl mit Sicherheit weitere Turbulenzen an den Finanzmärkten nicht auszuschließen seien, „werden wir aus den Krisen auch wieder herauskommen“. Er für sich „möchte nicht früher gelebt haben und noch lieber in einhundert Jahren leben“. Professor Gerke: „Weil das nämlich toll sein wird.“

Referent Wolfgang Gerke (Mitte) im Kreis der Gastgeber von der Kapitalmanagement-Gesellschaft „Stansch“.

Foto: bus




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