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Vereinszweck entfallen: Beim Auflösen herrscht keine traurige Stimmung

Sauerei: Schweinekasse Rusbend segnet nach 101 Jahren das Zeitliche

Rusbend (bus). Nach mehreren artverwandten Selbsthilfegemeinschaften hat jetzt auch die 1908 gegründete Schweinekasse Rusbend das Zeitliche segnen müssen. Da das Ende aber seit längerer Zeit absehbar war, herrschte auf der „Begräbnisfeier“ der zuletzt 27 Mitglieder zählenden Vereinigung keine traurige Stimmung. „Wir vertilgen den Restbestand aus der Sparbüchse und lassen es uns noch einmal richtig gut gehen“, bekräftigte der Vereinsvorsitzende Walter Pörtner während der im Dorfgemeinschaftshaus organisierten Abschlussveranstaltung.

veröffentlicht am 23.10.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 07.11.2016 um 18:41 Uhr

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Die seit den 1870er Jahren in den Vereinsregistern auftauchenden Kassen gelten als Spezifikum des heutigen südlichen Niedersachsens. Damals kam hierzulande der Deckung des Fleisch-, Wurst- und Fettbedarfs auf privater Ebene eine wesentlich größere Bedeutung zu als heutzutage. Viele Familien mästeten einige Borstenviecher aus Gründen der Eigenversorgung. „Ein Bauer treibt in guter Ruh / sein fettes Schwein der Heimat zu“, beobachtete seinerzeit schon Wilhelm Busch (1832 bis 1908). Bei Verendung, Notschlachtung oder seuchengesetzlicher Zwangstötung eines Tieres stand die Kasse für den materiellen Schaden gerade.

Weil nun aber der eigentliche Vereinszweck größtenteils entfallen ist, die Wutz nur noch in sehr überschaubarer Zahl durchs Dorf getrieben wird und das EU-Recht für kleine Versicherungsvereine nahezu unüberwindbare Hürden errichtet hat, geht es den Traditionsgemeinschaften allüberall ans Eingemachte. Die andernorts praktizierte Variante der Umwandlung in einen Brauchtumsverein stand in Rusbend nicht zur Debatte. „Wir haben bereits im März dieses Jahres einen Schlussstrich gezogen und die Auflösung beschlossen“, gab Pörtner zu verstehen. Die freundschaftliche Verbundenheit der Mitglieder bleibe unterdessen erhalten.

Die finale Zusammenkunft bot außer zahlreichen Erinnerungen und Anekdoten ein umfangreiches Rahmenprogramm. Die Schaumburger Oldies sorgten für flotte Musik, Reinhard Bünte steuerte unterhaltsame Kurzgeschichten bei und Schlachter Weiland versorgte die Festgesellschaft mit rustikalen Leckereien. Überdies gab’s einigen „Eberschweiß“ – ein 38-prozentiger Wacholderschnaps, der gewissermaßen als Schweinekassen-Tequila die Runde machte. Im Gegensatz zu den beim Verzehr des mexikanischen Branntweins benötigten Zutaten Salz und Zitrone kommen beim „Schweiß“ Meerrettich und eine Scheibe Mettwurst zum Einsatz.

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  • Walter Pörtner und langjährige Weggenossen nehmen Abschied von der Schweinekasse Rusbend.

Und schließlich verblüffte Walter Pörtner die Anwesenden mit profunder Kenntnis der Borstentier-Psyche. Nach dem vermutlich letzten Wunsch eines zur Schlachtbank geführten Schweins befragt, meinte er wie aus dem Bolzenschussgerät abgefeuert: „Esst mehr Fisch!“




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