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Eine Expedition in Hamelns Skulpturenwelt

Schattendasein an exponierter Stelle – die vergessene Kunst

Von Julia Marre
Kurz geschoren ist der durstige Rasen im Bürgergarten. Vertrocknet hingegen das Wildkraut am Fuße der Skulptur. Ein nackter Frauenkörper steht dort hinter einem der Radio-Aktiv-Pavillons. Was ist das auf dem Kopf des Körpers: Ein Haus? Ein Kraftwerk? Eine byzantinische Kirche ohne Minarette? Kunst ist Auslegungssache, mögen manche argumentieren. Wer sich jedoch konkret für dieses Kunstwerk interessiert, grübelt und sucht vergeblich. Ein Hinweisschild gibt es an diesem Sandstein nicht. Wer ist der Künstler? Seit wann steht die Skulptur hier? Was soll sie aussagen? Dass die Mitarbeiter im benachbarten Infocenter, der Anlaufstelle für Touristen, bescheid wissen, wäre wünschenswert. Doch es bleibt ein Wunsch.

veröffentlicht am 18.07.2011 um 13:35 Uhr
aktualisiert am 22.09.2011 um 11:28 Uhr

Wer sich hier, im Glaskasten, zunächst Schnapsgläschen und Postkarten ansieht, geht locker als Tourist durch. „Wie lange bleiben Sie… ähm, bleibst Du denn?“, fragt die junge, höfliche Dame hinter dem Tresen. Eine Antwort ist schnell ausgedacht und wird von ihr mit hilfreichen Hinweisen auf Stadtführungen und Tipps kommentiert. Nur auf die Frage, ob es über „die vielen schönen Skulpturen“ in Hameln eine Broschüre mit Stadtplan gibt, weiß sie keinen Rat. Ein Kollege hilft. Seine Antwort lautet: „Nein.“ Gegeben habe es so etwas mal, sagt er. „Das war damals noch in Schwarz-Weiß.“ Er verweist auf das Stadtarchiv in der Pfortmühle und gibt nach einem kurzen, freundlichen Gespräch einen kostenlosen Stadtplan mit auf den Weg.

Zurück im Bürgergarten lassen sich noch der „Hütejunge“ mit Hund, das „Sitzende Mädchen“ und das „Vogelnest“ begutachten. Immerhin mit Hinweisschild, das die Künstler namentlich nennt. Der Hütejunge sei ein Geschenk der Kreditbank Hameln gewesen. Aber die gibt’s doch schon lange nicht mehr, oder?

Auf die Skulpturen angesprochen, geben zwei ältere Damen gern Auskunft. „Die sind von ganz bekannten Künstlern, aber fragen Sie jetzt nicht, wie die heißen!“ Seit es den Bürgergarten gibt, „seit 40 Jahren“, sollen die Figuren hier schon stehen, wissen die Damen. 40 Jahre ohne auch nur eine Bestandsaufnahme?

Vielleicht ist im nahegelegenen Kunstkreis mehr herauszufinden. Hier immerhin steht Waldemar Ottos „Der Übergang“. Eine persönliche Interpretation für diese Skulptur liefert die entgegenkommende Kunstkreis-Mitarbeiterin gleich frei Haus. Ebenso gibt es von ihr den Almanach geschenkt (in dem übrigens die besagte Skulptur vor dem Rolf-Flemes-Haus auch nicht mit einem Wort erwähnt ist). Und was ist mit den anderen Werken bildender Kunst in der Stadt? „Ach du lieber Himmel“, lautet ihre Antwort. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es da nichts gibt. Wir haben hier so viele tolle Brunnen und Skulpturen!“ Sie verweist ans Bürgeramt im Rathaus und unterbreitet weitere Vorschläge, wo sehenswerte Skulpturen zu finden sind.

Vorbei geht’s am Rattenfängerbrunnen, der übrigens von Karl-Ulrich Nuß ist. Der Rat am Rathaus-Empfang: „Gehen Sie mal in die Kunstgalerie.“ Die Dame meint den Kunstkreis und reicht denselben kostenlosen Stadtplan, den es auch schon im Infocenter gab. Sie erzählt von bemalten Rattenfiguren. „Wenn Sie die Bronzen meinen, da muss es doch was geben“, sagt sie und greift zum Hörer. Die Auskunft, die sie dort bekommt – dass im Bürgergarten eine Tafel steht – ist jedoch falsch. Auch im Ordnungsamt, das ja für den Bürgergarten zuständig ist, weiß an diesem Nachmittag niemand Bescheid. „Das ist aber ein ganz schlechtes Zeichen für den Tourismus“, kommentiert die sympathische und hilfsbereite Empfangsdame und notiert schließlich die Telefonnummer des Kulturbüros.

Auf dem Weg zum Stadtarchiv in der Pfortmühle begegnen dem Spaziergänger mit Blick für Bildhauerkunst gleich mehrere Skulpturen. Neben den Figuren in der Fußgängerzone ist an der Galerie arche ein Werk zur Altstadtsanierung zu besichtigen – akkurat von Grün freigeschnitten. An der Weser glänzen Hans-Jürgen Zimmermanns „Wellenfahnen“ in der lachenden Sonne. Auf die Frage nach besagter SchwarzWeiß-Broschüre über die Skulpturen, erinnert man sich im Stadtarchiv: „Da gab es mal was. Neulich hat schon jemand danach gefragt.“ Nach 15 Minuten Wartezeit folgt jedoch die Ernüchterung. Das Heft sei nicht aufzufinden. Ein Anruf beim Kulturbüro schließlich hilft: Ein Kollege holt die Broschüre, die zur Ansicht vorgelegt wird. Sie stammt aus den 90er Jahren, ist tatsächlich in Schwarz-Weiß gedruckt und beinhaltet sogar einen Stadtplan, auf dem die Fundstellen sowie eine mögliche Route zum Erkunden der Kunstwerke eingezeichnet sind. Nur stehen all die 46 genannten Skulpturen hier schon lange nicht mehr. Wo sind sie geblieben?

„Im Bürgergarten gab es zum Beispiel mal den Widder von Professor Kurt Schwertfeger“, weiß Elisabeth Guske, Leiterin des Kulturbüros. Plötzlich sei er verschwunden gewesen, einfach vom Sockel entfernt. „Wiedergefunden hat man ihn, als die Bauarbeiten auf dem Scharnhorstgelände begannen“, sagt Guske. Heute steht der „Widder“ in ihrem Büro.

Was mit anderen Skulpturen geschehen ist, die nicht mehr am angegebenen Platz zu finden sind? „Einige haben ihren Standort gewechselt, etwa Andrea Ostermeyers Schale, die einst an der Kaimauer angebracht war. Seit der Brückenbereich neu gestaltet ist, sind wir unsicher, wo wir sie aufhängen sollen.“

Eine Broschüre wie die aus dem Jahr 1995 wird es in nächster Zukunft wohl nicht geben. „Das Interesse daran war damals recht verhalten“, so die Leiterin des Kulturbüros. Für Produktionskosten von 4500 Mark wurden die meisten der Hefte nicht verkauft. „Es wollte sie leider niemand haben.“ Stattdessen wurde das nur in geringer Auflage gedruckte Heft ausgelegt, zur kostenlosen Mitnahme angeboten. „Heute fehlt für so etwas das Geld“, sagt Elisabeth Guske. Eine Auflistung aller Skulpturen samt Fotos wurde übrigens zuletzt vor zwei Jahren angefertigt.

Was steht wo, warum und wie lange schon? Lesen Sie in kommenden Ausgaben, was es mit den Hamelner Skulpturen auf sich hat. Wir beantworten all die Fragen, deren Antworten vergessen scheinen.




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