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„Luftfahrtarchäologe“ sucht Zeugen von Flugzeugabstürzen / Informationen fehlen besonders zu Abstürzen am Kriegsende

Schicksale vieler Piloten bleiben bis heute ungeklärt

Hülsede (nah). Der Morgen des 26. November 1944 ist frostklar. Die Menschen im Sünteltal begehen den Totensonntag. Spätestens zur Mittagszeit wird diese Bezeichnung eine ganz neue Dimension erfahren. Denn über der Region tobt ein heftiger Luftkampf zwischen dem deutschen Jagdgeschwader 301 und amerikanischen Bombern. 32 Maschinen stürzen allein im Gebiet zwischen Deister und Süntel ab. Manche Insassen können sich mit dem Fallschirm retten; andere verlieren ihr Leben im Cockpit. Obwohl die Alliierten gleich nach Kriegsende Informationen sammeln und Bürgermeister systematisch befragen, bleiben viele Schicksale im Ungewissen. Doch dank der Kärrnerarbeit des Hülseders Dirk Hartmann schließt sich inzwischen so manche Wissenslücke.

veröffentlicht am 15.02.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 01:22 Uhr

Hartmann ist einer von landesweit neun ehrenamtlichen „Luftfahrtarchäologen“, die seit Anfang 2010 auch ganz offiziell beim Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege geführt werden. Dem Steyerberger Jens Schaper ist dies zu verdanken, der ebenso wie Hartmann schon seit Jahren ungeklärte Abstürze von Militärmaschinen untersucht.

Der Hülseder ist für rund hundert Unglücksfälle zuständig, die sich im Gebiet zwischen Hildesheim und Minden ereignet haben. Für 60 Abstürze konnte er bereits Fakten zusammentragen; für etliche andere Havarien ließen sich bislang keine Belege und Zeugenaussagen finden.

Doch der 45-Jährige, der auch beruflich mit der Fliegerei zu tun hat, lässt nicht locker. Der kleine PC-Arbeitsplatz in seinem Haus ist längst zur internationalen Drehscheibe geworden. Von hier aus korrespondiert er mit englischen und amerikanischen Archiven, mit Piloten-Veteranenvereinen und mit unterschiedlichsten Informanten. Aber hier beantwortet er auch Mails von Angehörigen und Dienststellen, von Museen, Archiven und Forschern.

Allerdings wird die Klärung von Jahr zu Jahr schwieriger. Hartmann ist zwar zuversichtlich, Licht in das Dunkel der meisten Abstürze bringen zu können. Doch es gibt immer weniger Zeitzeugen, oft einander widersprechende Aussagen und mitunter schon gar keine Belege mehr. „Dabei ist jeder Hinweis für mich wichtig“, beschreibt er seine akribische Suche. Dann macht er sich auf den Weg und sucht und fotografiert die Absturzstelle.

Häufig kann die auf diese Weise begonnene Datenbank ergänzt werden: mit Dokumenten der Streitkräfte oder aus Archiven, mit Fotos der verunglückten Insassen oder auch mit einem Bild vom Grabmal auf dem Soldatenfriedhof. Aus den gewonnenen Erkenntnissen formuliert Hartmann eine entsprechende Beschreibung der Ereignisse.

Das Interesse an der Luftfahrtarchäologie weckte übrigens der kriegsbedingte Absturz eines britischen Bombers nahe seinem Heimatdorf im Jahr 1943. Die Erzählungen der Großeltern und gelegentlich widersprüchliche Informationen über die damaligen Ereignisse veranlassten ihn zu eigenen Recherchen. Inzwischen ist dieser Absturz vollständig geklärt. Vor zwei Jahren kam es sogar zu einer beeindruckenden Begegnung am Unglücksort: Britische und kanadische Nachfahren der getöteten fünf Insassen trafen sich mit Dirk Hartmann und ließen sich Erläuterungen geben.




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