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Anekdoten gehören dazu: Bezirksschornsteinfeger Johannes Malsch geht nach 32 Berufsjahren in den Ruhestand

Schlafende Oma von Kopf bis Fuß pechschwarz

Bückeburg. Das waren noch Zeiten: Als das Geschick des jugendlichen Schornsteinfegers Johannes Malsch einmal in Scheie gefordert war, nahm dessen Einsatz für die im Haus lebende Großmutter einen wenig erfreulichen Verlauf. „Am Ende war die in einem Sessel im Wohnzimmer schlafende Oma von oben bis unten pechschwarz“, erinnert sich Malsch. Beim nächsten Besuch im besagten Haus habe es dann einen kräftigen Einlauf gesetzt. „Die Oma war vor allem deswegen stocksauer, weil sie an einem Dienstag in die Badewanne musste, wo doch eigentlich nur samstags gebadet wurde.“

veröffentlicht am 22.02.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 05:21 Uhr

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„Mit solchen Episoden könnte ich ein ganzes Buch füllen“, erklärt der 60-Jährige. Seit wenigen Wochen hätte er sogar die Zeit dazu. „Aber als Pensionär hat man bekanntlich jede Menge anderer Sachen um die Ohren.“

Malsch ist mit Wirkung zum 31. Januar dieses Jahres in den Ruhestand gewechselt. Zuvor war er als Bezirksschornsteinfeger mehr als zwei Jahrzehnte lang für den Bezirk 501 zuständig. Der Landkreis Schaumburg ist in insgesamt 19 Bezirke unterteilt. „501“ umfasst Teilbereiche des westlichen Bückeburger Stadtgebietes sowie grob umrissen die Ortschaften Evesen, Cammer, Meinsen-Warber und Scheie.

Malsch, der von 1968 bis 1971 bei Erich Seifert in die Lehre ging, 1976 seinen Meistertitel erlangte und im Oktober 1985 seinen ersten Bezirk in Hameln übernahm, trat im September 1990 die Bezirksnachfolge von Karl Vogelsang an. Der langjährige Stadtbrandmeister Bückeburgs (1995 bis 2007) steht gewissermaßen für die alte Schule des Schornsteinfegerhandwerks.

„Kurze und saubere Fingernägel, kurzer Haarschnitt, Zigaretten rauchen und Kaugummi kauen bei der Arbeit verboten“, sei ihm vor Beginn der Lehre vorgeschrieben worden. „Du kannst auch stehlen – aber nur mit den Augen bei den Gesellen und Meistern“, habe ihm der Chef verdeutlicht. Zudem sei es ein ungeschriebenes Gesetz gewesen, als Schornsteinfeger Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr zu sein.

Im Vergleich zu früher stößt dem Ruheständler insbesondere der enorme Zuwachs bürokratischer Aufgaben bitter auf. „Heute muss man für jeden Furz und Feuerstein nachfragen“, schildert Malsch seine Eindrücke. „Früher haben wir alles mit der Hand ausgefüllt, heute braucht man eine Bescheinigung dafür, dass man eine Bescheinigung bekommen hat.“ Die Papiermenge, mit der sein Chef ein ganzes Jahr lang ausgekommen sei, reiche heute nicht mal eine Woche. „Wir sind Druckermeister geworden“, gibt er mit einem Blick auf seine Büroausstattung zu verstehen. „Hier habe ich wahrscheinlich einen halben Wald durchgejagt.“

Um die „andere Hälfte des Waldes“ kümmert sich seit dem 1. Februar Matthias Fresa. Der 40-jährige Meister und Gebäudeenergieberater zählt mit den Kollegen Christian Drape (Stadthagen) und Björn Rinne (Rinteln) zur ersten Generation, die ihre Tätigkeiten unter erheblich veränderten Rahmenbedingungen ausübt. Sie bekommen ihr Amt nicht mehr wie bisher auf Lebenszeit verliehen und müssen sich mit einem deutlich eingeschränkten Gebietsmonopol arrangieren. Seit dem 1. Januar 2013 kann sich jeder Haus- und Wohnungseigentümer für Mess-, Kehr- und Überprüfungstätigkeiten einen Schornsteinfegerbetrieb seiner Wahl aussuchen. Die Preise sind frei verhandelbar.

Allerdings: Um eine Änderung der bisherigen Praxis herbeizuführen, muss der Eigentümer zuvor in dieser Richtung tätig werden. Wird nichts unternommen, kommt der bevollmächtigte Bezirksschornsteinfeger termingerecht ins Haus. Dieser bleibt im Übrigen für eine Reihe hoheitlicher Aufgaben im Auftrag des Staates weiterhin allein zuständig, für die weiterhin eine feste Gebührenordnung gilt.

Zu diesen Aufgaben zählen etwa die Abnahme neu errichteter Feuerstätten und Schornsteine, die regelmäßig stattfindende Feuerstättenschau sowie das Führen und Verwalten des Kehrbuches.

„Falls sich ein Haus- oder Wohnungseigentümer für eine Neuorientierung entscheidet, ist er selbst für die Durchführung der vorgeschriebenen Maßnahmen verantwortlich“, unterstreicht Malsch, der die Neuordnung insgesamt recht gelassen betrachtet. Die diesbezüglichen Meldungen lägen im unteren Promillebereich. Dessen ungeachtet möchte der frühere Bezirksschornsteinfeger in Zukunft mehr Zeit für seine Hobbys Fahrrad fahren und Saunieren erübrigen. „Und irgendwann werde ich mir wohl auch meine mehr als 50 Jahre Modelleisenbahn vorknöpfen.“




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