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Schon ein halber Liter kann Leben retten

Bei großen Operationen oder bei der ärztlichen Versorgung von schwer verletzten Unfallopfern ist die Übertragung von Spenderblut in der Regel das einzige Mittel, um Leben zu erhalten. Wir alle kennen zumindest aus Filmen und Fernsehen die Bilder, wie Rettungssanitäter oder OP-Teams sich um Menschen bemühen und ihnen die Kanüle setzen, aus welcher der rettende Lebenssaft in die Venen des Empfängers fließt. Und wir alle wissen, dass es am Anfang der Rettungskette einen Spender gegeben hat, der sich bei einem der unzähligen Blutspendetermine im Lande gut einen halben Liter Blut für die Hilfe am Mitmenschen hat abnehmen lassen. Viele Stationen sind es für die Spende auf ihrem Weg zum Empfänger, die wir anhand eines Beispiels aufzeigen wollen.

veröffentlicht am 29.07.2010 um 17:57 Uhr

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Bernd Groß aus Rinteln, der seinen richtigen Namen nur ungern in der Zeitung lesen möchte, ist einer von landesweit fast 600 000 freiwilligen Blutspendern in Niedersachsen. Wir treffen ihn, als er sich in die Warteschlange vor der Berufsbildenden Schule Rinteln einreiht, um sich für den guten Zweck zur Ader zu lassen. Der 58-Jährige hat sich von Irmtraut Exner, Organisatorin der Rintelner Spendetermine für das Deutsche Rote Kreuz (DRK), zur Teilnahme motivieren lassen.

„Dies ist insgesamt meine 20. Blutspende, aber meine erste in Rinteln“, rechnet er zurück und begibt sich in die unvermeidliche Anmelde-Prozedur, die am Anfang des Weges seiner Spende zum Empfänger steht. Zuerst müssen Name und Adresse unter Vorlage von Personalausweis oder Blutspenderpass abgegeben werden. Ein Helfer aus dem DRK-Team entnimmt per Pikser in eine Fingerkuppe oder ins Ohrläppchen eine kleine Blutprobe, um den Gehalt an rotem Blutfarbstoff (Hämoglobin) zu bestimmen, der wichtige Informationen über die Spendefähigkeit des Blutes liefert. Ein Arzt checkt Puls und Körpertemperatur, misst Blutdruck und Puls und bespricht mit dem Spender einen umfangreichen Fragebogen zu dessen gesundheitlicher Vorgeschichte. Sollten sich dabei zum Beispiel chronische infektiöse Krankheiten oder medikamentöse Behandlungen mit nachhaltigen Auswirkungen auf das Blutbild herausstellen, wäre an dieser Stelle der Weg des Spenders beziehungsweise der Weg seiner Gabe zum potenziellen Empfänger bereits beendet.

Bei Bernd Groß ist alles in Ordnung. Gut 20 Minuten hat der Vorlauf bis zur eigentlichen Blutspende gedauert. Zusätzliche Zeit, um sich gedanklich ganz darauf einzustimmen. Ganz bewusst habe er sich für die Spende entschieden in dem Wissen, irgendjemandem damit zu helfen, erklärt er bestimmt.

So wie Bernd Groß denken eigentlich die meisten Blutspender, wissen die DRK-Helfer. Aber sie wissen auch, dass alljährlich während der Urlaubszeit im Sommer und während großer Sportereignisse wie der Fußball-WM die Anzahl der Spender drastisch abnimmt. „Zu solchen Zeiten fahren wir auf Notfallreserve und die Krankenhäuser müssen damit leben, dass augenblicklich nicht alle Wünsche befriedigt werden können“, sagt Thomas Bischoff, Pressesprecher des DRK-Blutspendedienstes in Springe. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn Operationen aufgeschoben werden, Behandlungen viel Blut verlangen oder eine seltene Blutgruppe gefragt ist.

Dabei muss man wissen: Die Vollblutspende mit der vollständigen Übertragung gibt es heute eigentlich nicht mehr. Grund: Das Blut als lebenswichtiges Organ des menschlichen Körpers besteht aus vier Hauptbestandteilen, die sich isolieren und spezifischen Verwendungen zuführen lassen. Die roten Blutkörperchen, Erythozyten, sind am zahlreichsten im Blut. Sie sind zuständig für den Sauerstofftransport im Körper, für den der Farbstoff Hämoglobin unerlässlich ist. Die Leukozyten, die weißen Blutkörperchen, verteidigen als „Fresszellen“ den Körper gegen eingedrungene Krankheitserreger. Die Thrombozyten oder Blutplättchen haben unter anderem die wichtige Aufgabe, die Immunabwehr des Körpers zu stärken. Und das flüssige Plasma, das gut 55 Prozent des Blutes ausmacht, ist elementar wichtig für den Transport des Blutes und seiner Inhaltsstoffe durch den Körper. Jeder Bestandteil hat seine spezifischen Eigenschaften, deshalb werden in den Aufbereitungsanlagen des Roten Kreuzes in Springe die Vollblutspenden aufgetrennt.

Zunächst soll aber Bernd Groß sein halber Liter Vollblut abgenommen bekommen. Dafür nimmt er die steril verpackte Entnahmekanüle und drei Röhrchen für Laborproben und einen Kunststoffbeutel entgegen. Inzwischen ist wieder eine der Liegen frei geworden, er legt sich darauf nieder und die für ihn wichtigste Phase beginnt, nachdem der Helfer routiniert die Kanüle in eine Armvene gestochen hat: Umgehend füllt sich der Schlauch zum Beutel mit dunkelrotem Blut. Durch Kontraktionen der Hand kann Groß den Fluss in den Beutel beschleunigen, der gegen Gerinnung speziell präpariert ist.

Nach gut 15 Minuten ist der Beutel voll und wird von einer DRK-Helferin abgenommen, die auch die Kanüle entfernt und die Einstichstelle im Arm mit einem Pflaster verschließt. An dieser Stelle trennen sich im Sinne des Wortes auch die Wege von Bernd Groß und seiner Spende: Der Beutel wandert zu anderen in eine Transportbox und mit dieser in die Kühlung des Einsatzfahrzeuges.

Bernd Groß wechselt auf eine Liege im Ruheraum und nutzt die nächsten 20 Minuten, um über die Blutspende und sich selber zu reflektieren: „Jeder Mensch weiß, wie fern wir wieder geworden sind vom Gemeinschaftsgedanken. Vom Denken an andere Mitmenschen. Unser Blut zu geben, gibt anderen Hoffnung.“

Ein anderer positiver Effekt für ihn persönlich sei: „Der ganze Organismus wird aufgerührt, wird gestärkt, um zur Neubildung von Kraft und Frische bereit zu sein. Die Lebenskräfte werden wieder mobilisiert, können sich ins Zeug legen, um diesen ‚Verlust‘ schnell wieder auszugleichen.“

Nach dem kurzen Exkurs darf sich auch Bernd Groß mit den anderen Spendern wieder ganz irdischen Genüssen zuwenden. Das obligatorische Dankeschön-Büfett zur Stärkung wartet. Und das fällt beim DRK-Ortsverein außergewöhnlich reichhaltig aus, bestätigen alle. Noch ein kurzer Plausch am Tisch und nach gut einer Stunde ist dieser Blutspendetermin für sie Vergangenheit.

Nur das Helferteam vom Blutspendedienst wartet noch, bis am Abend der letzte Nachzügler gespendet und sich gestärkt hat. Dann schließlich wird die Ausrüstung verladen und geht mit der kostbaren Fracht im Kühlabteil zur Zentrale in Springe. Zusammen mit über 180 rot gefüllten Beuteln wird dort auch jener von Bernd Groß von den Labormitarbeitern am nächsten Tag umgehend analysiert und in die Weiterverarbeitung beziehungsweise Trennung der Bestandteile geschickt.

An normalen Tagen laufen täglich rund 2200 Blutspenden in Springe ein. So wie die 1024 gefüllten Beutel aus Rinteln im Jahr 2009.

Beratendes Gespräch vor der Blutspende: Spender Bernd Groß (l.) und Arzt Dr. Michael Steen. Fotos: who/amg




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