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Sie sind Begleiter, keine Scharfrichter

Drei Dinge liebt Friedhelm Pulskamp über alles. „Meine Familie, meine Heimat und meinen Job“. Aus vollster Überzeugung habe er sich damals für den Beruf Groß- und Einzelhandelskaufmann entschieden, erinnert er sich. Als ihn vor vier Jahren der Hagebaumarkt Honig einen Job als Marktleiter anbot, griff er ohne zu zögern zu. Endlich war seine berufsbedingte Odyssee beendet, endlich konnte er alles in seiner Lebensplanung unter einen Hut bringen.

veröffentlicht am 08.07.2010 um 09:31 Uhr
aktualisiert am 08.07.2010 um 12:23 Uhr

Von Matthias Rohde

Drei Dinge liebt Friedhelm Pulskamp über alles. „Meine Familie, meine Heimat und meinen Job“. Aus vollster Überzeugung habe er sich damals für den Beruf Groß- und Einzelhandelskaufmann entschieden, erinnert er sich. Als ihn vor vier Jahren der Hagebaumarkt Honig einen Job als Marktleiter anbot, griff er ohne zu zögern zu. Endlich war seine berufsbedingte Odyssee beendet, endlich konnte er alles in seiner Lebensplanung unter einen Hut bringen. Und die Liebe zu seinem Beruf gibt er nun als Ausbilder an die nächste Generation weiter.

„Am meisten Spaß macht mir das Verkaufen“, sagt der 45-Jährige, aber dazu habe er als Marktleiter nur noch selten Gelegenheit. Und weil er den Umgang mit Menschen, Auszubildenden und dem Job generell so verinnerlicht hat, zögerte er keine Sekunde, als er von der Industrie- und Handelskammer Hannover (IHK) angesprochen wurde, ob er sich als Prüfer betätigen könne.

Pulskamp ist einer von insgesamt 481 ehrenamtlichen Prüfern, die in über 60 Ausschüssen mit ihren Erfahrungen und praktischem Wissen aus dem Berufsalltag dafür sorgen, dass die Auszubildenden der IHK während der Prüfung praxisgerecht getestet werden. „Das ist eine spannende Aufgabe“, findet Pulskamp, und IHK-Geschäftsstellenleiterin Dr. Dorothea Schulz sieht in der Erfahrung der Prüfer ebenfalls einen großen Vorteil: „Viele unserer Prüfer sind schon seit vielen Jahren dabei, einige sogar schon über 40 Jahre und verfügen über wertvolles Wissen.“ Ohne die Kooperation mit den Betrieben, die die Prüfer für die Zeit freistellen, wäre ein solches Prüfsystem, wie es die IHK anwendet, aber nicht aufrecht zu erhalten. Dabei, so Schulz, sei die Zeit, die ein Prüfer für dieses Engagement aufwenden müsse, mit zwei bis sieben Tagen pro Jahr relativ gering. Pulskamp: „Die heiße Phase beginnt natürlich jedes Jahr, wenn die Prüflinge ihre schriftlichen Arbeiten schreiben.“ Für jeden Berufszweig gibt es einen oder mehrere Ausschüsse. „Allein für Bankkaufleute stehen sechs Prüfausschüsse zur Verfügung.“ Schulz erklärt weiter, dass die Zahl der Ausschüsse davon abhängig sei, wie viele Prüfungen pro Berufszweig abgenommen werden müssten. Ein Prüfausschuss besteht aus drei bis sieben Personen, wobei bei der Besetzung eines jeden Ausschusses darauf geachtet wird, dass er paritätisch besetzt ist. Schulz: „Einem Ausschuss gehört mindestens ein Lehrer, ein Arbeitnehmervertreter und ein Arbeitgebervertreter an, die alle je eine Stimme haben.“

Pulskamp ist als Arbeitnehmervertreter in einen Prüfausschuss für Einzelhandelskaufleute berufen. Fünf Jahre währt eine Berufungsperiode, und in den letzten Jahren hat der 45-Jährige nicht nur eine ganze Reihe junger Leute selbst ausgebildet, sondern noch viel mehr Prüfungen abgenommen. „Natürlich prüfe ich die Lehrlinge, die ich ausgebildet habe, nicht selbst, aber bisher haben alle meine Azubis bestanden“, erklärt Pulskamp mit leuchtenden Augen und sichtbarem Stolz. Aber auch fast alle jungen Leute, die ihm bei den Prüfungen gegenüber gesessen haben, hätten bestanden. Nur einmal, da habe es partout nicht gereicht, und wenn sich Pulskamp an diese Prüfung zurückerinnert, dann wird er nachdenklich. „Eine Prüfung ist für jeden Auszubildenden die wohl schwierigste Situation seiner Lehrzeit. Das wissen wir Prüfer natürlich, und deswegen geben wir den Prüflingen auch von Anfang das Gefühl, ihr Begleiter und nicht ihr Scharfrichter zu sein.“ Jeder Prüfungsausschuss hat auch einen Vorsitzenden. In Pulskamps Ausschuss ist das Heidrun Rohde und sie meint: „Auch wenn ich nun schon viele, viele Prüfungen abgenommen habe: Zur Routine wird dieser Job nicht.“

Als Helfer empfindet sich Pulskamp, wenn ein junger Mensch vor ihm sitzt. „Immerhin hat der einige Jahre gelernt, ist kurz davor, im Berufsleben auf eigenen Füßen zu stehen. Da kann man es als junger Mensch schon mal mit der Angst bekommen“, beschreibt Pulskamp seine Eindrücke der letzten Jahre.

Dennoch: Sowohl bei der schriftlichen als auch der mündlichen Prüfung sei es schon zwingend notwendig, dass die Azubis ihr erlerntes Wissen abrufen können. Traurig sei nur, so Pulskamp, wenn es trotz gigantischer Hilfestellungen nicht möglich sei, dem Prüfling richtige Antworten zu entlocken. „Am schlimmsten ist es, wenn ein Prüfling gar nichts sagt.“ Denn dann müssen die Prüfer herausfinden, ob der Prüfling nur nervös oder ängstlich ist, oder aber wirklich keine Antwort weiß. „Bei dem einen durchgefallenen Prüfling war es in der Tat so, dass er weder schriftlich noch mündlich ausreichende Ergebnisse erbringen konnte. Das hat mich traurig gemacht“, bekennt Pulskamp.

Dabei hält sich sein Verständnis für die miserable Leistung dieses einen Auszubildenden in Grenzen. „Die Prüflinge geben vorher an, was ihre Spezialgebiete sind, worin sie besonders gut sind. Und nur in diesen von den Prüflingen selbst gewählten Spezialgebieten werden sie von uns während der mündlichen Prüfung getestet.“ Aus zwei Fragen zum Spezialgebiet könne der Prüfling eine auswählen. Dann habe er zehn Minuten Zeit, sich auf diese eine Frage seines Spezialgebietes vorzubereiten. Und dann dürfte eigentlich nichts mehr schief gehen. „Ging es aber leider einmal doch“, sagt Pulskamp.

Nicht so bei Christopher Wehrhahn, der seine Prüfung zum Einzelhandelskaufmann abgelegt hat. Für Christopher Wehrhahn war nicht das Warten auf das Ergebnis seiner Prüfung das Schlimmste, sondern die Prüfung selbst. „Ich war sehr aufgeregt, als die Prüfer mich befragt haben, mein Herz hat gehämmert, aber Gott sei Dank wusste ich ja alles.“ Christopher Wehrhahn besteht mit der Note 1.

Die mündlichen Prüfungen finden in der Regel in den Räumen der Hamelner IHK-Geschäftsstelle im Hefehof statt. Schulz: „Die Ausschüsse arbeiten ganz selbstständig. Sie bekommen von uns lediglich ein Zeitfenster, indem sie die Prüfungen abnehmen müssen.“ Zur Korrektur der schriftlichen Prüfung trifft sich der Ausschuss nach Absprache an einem Ort seiner Wahl. Nach einer Erstkorrektur, die meistens von dem Lehrer des Ausschusses vorgenommen wird, erfolgt eine Zweitkorrektur. Der Durchschnitt beider Noten ergibt dann die Gesamtnote einer schriftlichen Prüfung.

Pulskamp als überzeugter Einzelhandelskaufmann freut sich vor allem darüber, dass in diesem Jahr beinahe alle Auszubildenden von ihrem Ausbildungsbetrieb übernommen wurden. Sorge bereitet dem Marktleiter allerdings, dass die schulische Vorbildung einiger Azubis immer schlechter wird. „Für einige Prüflinge ist das Errechnen von 10 Prozent von 19,90 Euro eine nicht zu überwindende Hürde. Das konnte und wollte ich lange nicht glauben, bis ich es selbst erlebt habe.“ Er schüttelt den Kopf. Als Prüfer könne er dann natürlich gar nichts mehr machen, außer Hilfestellung geben, aber die Zunahme dieser Defizite sei erschreckend. Über die Ursachen kann er nur spekulieren: „Vielleicht ist es nur die Einstellung, die den jungen Leuten fehlt.“ Pulskamp klatscht in die Hände: „Ich liebe meinen Beruf und ich freue mich schon auf die nächsten Prüflinge, auf die nächsten Spezialgebiete und den Austausch mit meinen Ausschusskollegen.“ Vor allem aber freut er sich auf den nächsten Kunden, den er aber nur dann bedienen kann, wenn er nicht in seinem Büro anderen Verpflichtungen nachkommen muss.

Jedes Jahr beenden Hunderte von jungen Menschen ihre Ausbildung mit einer Prüfung. Bei der IHK werden diese Prüfungen von fast 500 Ehrenamtlichen abgenommen. Sachverstand, Urteilsvermögen, pädagogisches Gespür und nicht zuletzt ein gehöriges Maß an Verantwortungsbewusstsein zeichnen einen Prüfer aus.




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