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So süß die Früchte – so hart die Arbeit

Auf den ersten Blick ist Heide Sander eine von vielen auf dem Erdbeerfeld zwischen Golmbach und Negenborn. Die Sonne brennt gnadenlos und erst beim zweiten Hingucken ist festzustellen, dass die schlanke grauhaarige Frau in Jeans mit den rustikalen Schuhen hier die Fäden zieht – immer mit Geduld, freundlich, nie laut, aber mit klaren Anweisungen. Heide Sander ist die Chefin bei der in den letzten Zügen liegenden Erdbeerernte des Obsthofs Sander in Golmbach. „Noch ein oder zwei Tage, dann sind die Erdbeeren durch.“ Die Himbeeren, so die zurückhaltende Fachfrau, liefen so nebenbei, „als Nächstes werden dann die Kirschen geerntet, erst die süßen, dann die sauren.“

veröffentlicht am 20.07.2010 um 18:24 Uhr

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Um vier Uhr morgens steht sie auf, um fünf beginnt der Ernteeinsatz. Heide Sander ist stets dabei, so hat sie es gelernt. Seit Generationen ist der Obsthof in Golmbach in Familienbesitz, und der Schwerpunkt des Anbaus liegt klar auf den Erdbeeren. Ende Mai beginnt die Ernte der roten Früchte auf dem Feld. Dann reisen die Helfer aus Polen an und wohnen für sechs bis acht Wochen auf dem Hof. Tomas ist einer von ihnen, er versteht als einer der wenigen leidlich Deutsch, Heide Sander gibt ihm deswegen die Anweisungen, die für alle gelten. Tomas bekommt auch Sonderaufgaben außerhalb des Feldes, denn da braucht nicht lange erklärt zu werden. Der junge Pole ist bemüht, alles richtig zu machen, denn es ist ein Privileg, der Feldarbeit für kurze Zeit zu entrinnen, das weiß auch Heide Sander.

„Vor allem für die Frauen ist die Arbeit sehr anstrengend.“ Trotzdem muss geerntet werden, die reifen Früchte müssen runter, Heide Sander selbst ist ebenfalls den ganzen Tag präsent, „aber die Hitze setzt allen eben sehr zu.“ In der prallen Sonne sitzen die Pflücker, zumeist Polen, im Erdbeerfeld, mit Hüten und Unterarmschutz, immer in der Hocke und nach vorn gebückt. Die Arbeit zehrt. Seit Tagen liegen die Temperaturen über 30 Grad im Schatten, aber Schatten gibt es auf dem Feld keinen. Immer wieder liefern die Arbeiter Kisten voller Beeren am Wagen ab und bleiben kurz stehen, um zu trinken. „Wir ernten von 5 Uhr morgens bis 11 Uhr vormittags und dann erst wieder nachmittags von 15 Uhr bis abends“, erklärt die Chefin, das macht die Arbeit für alle ein wenig erträglicher. Dann muss sie weg: „die Erdbeere kommt.“ Gemeint ist der Verkaufswagen in Erdbeer-Form, den die meisten Weserbergländer von den Landstraßen kennen. Der Wagen muss abgeladen und wieder beladen werden. Heide Sander gibt Anweisungen, Tomas wird sich darum kümmern.

Die Obstbäuerin betreut in der Zwischenzeit die Selbstpflücker, sie weist an, wo zu pflücken ist, wo die Waage ist, und zeigt den ersten Kirschpflückern den Weg zu den besten Früchten. Inge und Horst Riedel aus Stadtoldendorf kommen schon seit Jahren, um das frische Obst selbst zu ernten. „Wir haben selbst einen kleinen Garten, aber natürlich haben wir dort nicht solche Mengen an Früchten.“ Und die brauchen die Senioren, denn es soll Marmelade und Gelee gekocht werden. „25 Gläser brauchen wir ungefähr im Jahr“, die übrig gebliebenen Früchte werden sie einfrieren, „für rote Grütze im Winter“. Damit gehört das Ehepaar zu den wenigen, die sich überhaupt noch in dieser Form selbst versorgen. „Die privaten Pflücker werden immer weniger“, erläutert Heide Sander. Die jüngere Generation gehe lieber in den Supermarkt und spare damit Arbeit und Zeit. Vom Obsthof in Golmbach sind die Beeren in den kleinen blauen Schalen in der Obstabteilung dann trotzdem, denn die Supermärkte des Weserberglandes sind die Hauptabnehmer der Sander-Früchte, die Tomas und seine Kollegen ernten.

Heide Sander (r.) am Erntewagen: Die Pflücker bringen die Erdbeeren und lassen sie wiegen. Fotos: phi

Die Bäuerin hat Übung in Sachen Ernte-Logistik. Trotzdem ist es dieses Jahr besonders anstrengend, denn die Ernte setzte aufgrund der kühlen Temperaturen im Frühjahr verspätet ein, „aber dann kam die große Hitze und plötzlich musste alles schnell abgeerntet werden“. Es zeichnet sich bereits ab, dass der Ertrag wetterbedingt dieses Jahr nur mäßig sein wird. Bis Mitte August wird die Chefin mit Kollegen und Helfern die Tage fast ausschließlich auf dem Feld und zwischen Erdbeerpflanzen, Himbeerhecken und Kirschbäumen verbringen, dann wird alles abgeerntet sein. Und fährt sie dann selbst in den Urlaub? Erstaunt dreht sich die stille Frau vom Erntewagen um: „Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.“

Ihre Prioritäten liegen im Augenblick woanders. Die Erdbeerkisten müssen schleunigst in die Märkte gefahren werden, schließlich wollen alle frisches Obst. Die Pflückerinnen brauchen neue Instruktionen, sie sollen die im Mai neu gepflanzten Erdbeeren zurückschneiden, denn sie werden erst nächstes Jahr tragen. Überhaupt braucht die gesamte Plantage viel Pflege.

„In dem kalkhaltigen Boden zwischen Golmbach und Negenborn wachsen die Kirschbäume besonders gut“, erläutert die Fachfrau, aber natürlich müssen sie geschnitten und genau beobachtet werden, „denn heute lässt man die Obstbäume nicht mehr so hoch wachsen, das erleichtert das Abernten“. Die ehemalige Kirschplantage in der Rühler Schweiz ist inzwischen Wildkirschanlage, viel zu hoch waren die Bäume geworden und damit für den Obsthof unwirtschaftlich. Die Nutzpflanzen mit dem roten Steinobst stehen heute direkt neben dem Erdbeerfeld.

Zwischen diese tragenden Erdbeerkulturen muss im Mai Stroh gebracht werden. Kraut wird gezogen und Dünger muss aufgebracht werden. Im Herbst werden die Himbeeren geschnitten und an Ruten angebunden. Langeweile kennt Heide Sander eigentlich nicht, denn die Arbeit reißt nicht ab. Der Wetterbericht ist zudem ihr täglicher Begleiter, anders als bei Arbeitnehmern, die jeden Tag ins Büro gehen, steht und fällt ihr Job mit Sonne, Regen, Kälte und Hitze.

Zwanzig Pflücker arbeiten in der Hochsaison auf dem Erdbeerfeld. Zur Kirschernte sind fünf Arbeiter stundenweise im Einsatz und die Himbeeren sind ausschließlich für die private Ernte gedacht. Alle Pflücker wollen untergebracht, ihre Arbeit koordiniert und abgerechnet werden. Hinzu kommen bei ausländischen Arbeitern die Formalitäten in Sachen Aufenthalt in Deutschland. „Wie sieht es denn aus bei den Himbeeren“, fragt Heide Sander am Kassenhäuschen nach. „Alles so gut wie runter“, bekommt sie als Antwort. „Na bitte“, die Chefin ist erleichtert, gleich halb elf, das wird ein ruhiges Mittagessen auf dem Hof werden. Die Erdbeeren sind so gut wie abgeerntet, die Himbeeren auch. Die Kirschen sind noch nicht ganz reif – Zeit zum kurzen Verschnaufen und Durchatmen. Und mal ehrlich: Hat sie privat nicht langsam genug vom Obst? Verwertet sie ihre eigenen Früchte etwa auch selbst? „Sicher“, was für eine Frage, „ich koche natürlich Marmelade“. Es ist die Macht der Gewohnheit, manche Dinge waren eben schon immer so.

Gegen 21 Uhr endet die Arbeit für die stille Obstbäuerin. Dann sind alle Lieferscheine durchgehakt, die Arbeitsstunden akkurat festgehalten und der Wagen für die Arbeiter ist einsatzbereit für den nächsten Morgen, denn Sander hält sich morgens nicht mit Geplänkel auf – ab fünf Uhr wird geerntet und großes Geschwätz ist ohnehin nicht ihre Sache.

Es ist endlich Feierabend auf dem Obsthof. Mit ein bisschen Glück liegen nun ganze sechs Stunden Schlaf vor Heide Sander. Sie wird ihn brauchen, denn morgen sind wahrscheinlich die ersten Kirschen reif, es soll wieder sonnig und heiß werden im Weserbergland.

Erdbeeren, Himbeeren und Kirschen – auf einem Obsthof in Golmbach ist die Ernte in vollem Gang. Morgens um 5 Uhr beginnen die Pflücker. Die Arbeit und der Tagesablauf müssen gut organisiert sein, damit alles reibungslos läuft.




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