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Kirchen fordern Aufmerksamkeit für den Nächsten ein / In Gotteshäusern müssen Stühle dazu gestellt werden

So wurden die Festtage nicht zur leeren Idylle

Bückeburg (jp). „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird: Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“ Die frohe Botschaft der Weihnachtsnacht aus dem Lukas-Evangelium, durch einen Engel an die Hirten gerichtet, ist am Heiligen Abend in zahlreichen Bückeburger Gotteshäusern verkündet worden. In vielen Predigten wurde – ähnlich der Weihnachtsansprache von Bundespräsident Gauck – der Appell zu mehr sozialem Engagement und mehr Aufmerksamkeit gegenüber seinen Mitmenschen formuliert.

veröffentlicht am 27.12.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 10:21 Uhr

Bei mehr frühlingshafter als weihnachtlicher Witterung wurden in den meisten Kirchen schon lange vor Beginn des Gottesdienstes Sitzplätze knapp. Kein Vergleich somit mit dem Heiligen Abend vor zwei Jahren, als in Bückeburg so viel Schnee lag, dass es selbst zu Fuß schwer wurde, ein Gotteshaus zu erreichen. Nicht nur auf den Kirchenbänken, sondern bis zum Podest des Adrian-de-Vries-Taufbeckens saßen die Menschen im großen Krippenspielgottesdienst am Nachmittag in der Stadtkirche. Und in der Jetenburger Kirche mussten bereits eine halbe Stunde vor Beginn der Vesper Stühle dazugestellt werden.

„Mit Frieden gewinnen alle“

In viele Gottesdienste brachten an diesem Abend die Pfadfinder das Friedenslicht aus Bethlehem und stellten das diesjährige Motto „Mit Frieden gewinnen alle“ vor.

Landesbischof Karl-Hinrich Manzke rückte während der Vesper in der Stadtkirche die Figur des Josef in den Mittelpunkt seiner Weihnachtspredigt. Der Verlobte der Gottesmutter Maria sei auf jeder Krippenszene dabei, halte sich aber meistens pflichtbewusst und verantwortungsvoll im Hintergrund. Und während die übrigen einem Engel oder einem Stern zur Krippe folgten, habe er als Einziger keine Erscheinung. „Er ist der erste Protestant, wenn man so will, der nur das Wort der anderen hat, um zum Glauben zu kommen.“ Josef sei so mit den meisten heutigen Gottesdienstbesuchern vergleichbar, so Manzke: „Die wenigsten von uns hat heute Abend eine Erscheinung hergetrieben. Ein Stern hat uns nicht gelockt. Wir kommen auf Gutglauben.“ Gott habe Josef den Glauben schwer gemacht, wie er heute für die meisten Menschen schwer sei. Und doch wachse aus der Weihnachtsbotschaft der Wunsch nach einer Welt, in der nicht alles käuflich ist und in der niemand mehr Beute des anderen werde. „Gott sieht nicht nur auf das Herz – er will auch unsere tätige Hilfe für die, die im Schatten leben.“

Weihnachten werde oft als das Fest der Familie empfunden, auch wenn das Bild von der Idylle unterm Tannenbaum der heutigen Realität in vielen Familien nicht mehr entspreche, meinte Pfarrer Bogdan Dabrowski in seiner Weihnachtspredigt während der Christmette in der katholischen Pfarrkirche St. Marien Bückeburg. Auch in der Weihnachtsgeschichte nach Lukas sei von Weihnachtsidylle nicht die Rede: Vielmehr müssten Maria und Josef durch staatlichen Zwang eine beschwerliche Reise auf sich nehmen und die Geburt Jesu in einem Stall erleben. „Deshalb sollten wir uns an Weihnachten eigentlich nicht nach Innen orientieren, bei der Familie bleiben, sondern unseren Blick weiten nach außen“, so Dabrowski. Man solle den Blick auf Menschen richten, die ähnliche Herausforderungen meistern müssten wie in der Weihnachtsgeschichte, wie Migranten und Flüchtlinge. „Wenn wir Weihnachten feiern mit dem Blick nach außen, mit den Menschen, die in der Schattenseite der Welt leben, dann feiern wir Weihnachten nicht nur als leere Idylle, sondern als Fest der Menschwerdung Gottes, als Fest der Ankunft Gottes als Mensch unter Menschen.“

Pastor Wieland Kastning eröffnete die Vesper in der Jetenburger Kirche mit einem Gebet von Hanns Dieter Hüsch. Denn was viele gar nicht wissen: Der 2005 verstorbene Kabarettpoet verfasste nicht nur viele Kabarettprogramme und Bücher, sondern auch viele christliche Gebete und Psalmen. „Trauen wir der Friedensbotschaft?“ fragte Pastor Kastning in seiner Weihnachtspredigt. Auch heute herrschten noch trotz der Geburt Christi vor über 2000 Jahren in vielen Teilen der Welt Krieg, Verbrechen, Hunger und Vertreibung. „Weil wir Menschen so sind, wie wir sind“, so Wieland Kastning. „Der Geist der Liebe und des Friedens wird uns Menschen nicht zur zweiten Natur.“ Es bleibe ein Widerstreit zwischen den Mächten des Guten und des Bösen. Mit dem dieser Tage häufig zu hörenden Gruß „frohe Weihnachten“ werde der Wunsch nach Gottes Liebe und Nähe geteilt. Jeder solle sich daher überlegen, welcher Mensch über die engere Familie hinaus ein Mehr an herzlicher Zuwendung brauchen könne als nur einen kurzen Gruß.




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