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Soulrock - „Wer was drauf hat, hat meist ’nen Knacks“

Rinteln/Berlin. Er ist einer der besten Acht seines Fachs in Deutschland – und das schon seit Jahren. Berliner Vizemeister war er schon, noch bevor er überhaupt in der Hauptstadt lebte. Seine Disziplin ist das Beatboxing: die Kunst, allein mit dem Mund ganze Songs darzubieten. Redakteur Philipp Killmann hat den einstigen Rintelner Daniel Ferreira Sezinando in Berlin besucht.

veröffentlicht am 09.04.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 12:55 Uhr

Daniel Ferreira Sezinando alias Soulrock über den Dächern von seiner Wahlheimat Berlin: hier auf dem Victoriaberg in Kreuzberg.
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

An der U-Bahnstation Mehringdamm in Kreuzberg wartet er schon: Daniel Ferreira Sezinando alias Soulrock, die „human beatbox“, der wandelnde Drumcomputer, der ganze Songs allein mit dem Mund produziert. Der gebürtige Rintelner und Wahl-Berliner, der im Bezirk Friedenau lebt, will an diesem Nachmittag in den unweit gelegenen Victoriapark, „weil es dort so einen schönen Wasserfall gibt“, sagt der 34-jährige Hip-Hopper – bevor er feststellen muss, dass der Wasserfall derzeit offensichtlich außer Betrieb ist. Aber improvisieren ist eine seiner Stärken, also rauf auf den Victoriaberg, „von wo man einen so schönen Blick über Berlin hat“. Was offenbar auch die zahlreich vertretenen Touristen an diesem Frühlingstag so empfinden.

Am Fuße des an die Befreiungskriege erinnernden Nationaldenkmals setzt sich Soulrock auf die Treppe, rekapituliert seine erste Tuchfühlung mit der Hip-Hop-Kultur. „Das war 1993 eine Hip-Hop-Jam (engl.: eine Party, bei der in der Regel alle Elemente der Hip-Hop-Kultur [Rap-Musik, Deejaying, Breakdance und Graffiti] dargestellt werden; Anm. d. Red.) in Heilbronn, wo ich bald nach der Scheidung meiner Eltern mit meinem Vater lebte. Damit habe ich mich sofort identifiziert, und es war ein geiles Gefühl, sich plötzlich selbst verwirklichen und darstellen zu können“, schildert Soulrock, mit der Hand seine scheinbar ständig von der Nase rutschende Brille richtend. „Schon kurz danach malte ich mein erstes Graffiti.“ Und auch wenn es ihm damals nicht bewusst aufgefallen ist: Viele der jungen Künstler – in Heilbronn wie anderswo – waren Kinder von Migranten. „Kann sein, dass ich mich auch dadurch stark mit Hip-Hop identifizierte, schließlich trieb uns alle dieselbe Frage um: Wo gehöre ich hin? In meinem Fall hieß das: In Deutschland werde ich nicht als Deutscher anerkannt und in Portugal nicht als Portugiese“, erläutert er. Im selben Jahr wurde zudem eine wegweisende ZDF-Fernsehdokumentation über Hip-Hop in Deutschland namens „Lost in Music: Hip-Hop-Hooray“ ausgestrahlt, wovon der junge Soulrock schwer beeindruckt war. Auch die zu Klassikern avancierten US-amerikanischen Hip-Hop-Filme Beatstreet (1984) und Wild Style (1983) bekam er zu sehen. Auch Wild Style wurde sogar vom ZDF mitfinanziert. „Das war rückblickend schon sehr kulturfördernd für deutschen Hip-Hop“, befindet der Beatboxer, quasi als lebendes Beweisstück.

Aber warum ausgerechnet Beatboxing? Das kannte er zwar schon flüchtig von Michael Winslow aus der Kinokomödie Police Academy oder den buchstäblichen Fat Boys, drei Rappern aus den USA. Augenzeuge dieser bemerkenswerten Kunst wurde er jedoch erst auf einem Basketballplatz in Heilbronn, wo ein älterer Jugendlicher beatboxte. „Das habe ich dann versucht, nachzumachen“, erzählt Soulrock, der sich zuvor vergebens etwa als Jo-Jo-Spieler und BMX-Fahrer versucht hatte: „Mein BMX-Rad brach bei einem Trick in zwei Teile und aus Sicherheitsgründen gab es kein neues.“ Beim Beatboxen war das alles anders, zudem kann man das ohne jedes Hilfsmittel jederzeit machen. „Auch unter der Dusche! Außerdem ist es für mich immer sehr emotional und stimmungslastig, Musik eben, eine künstlerische Ausdrucksform“, führt Soulrock aus, der gleichwohl nach wie vor auch rappt, malt, deejayt (engl.: Platten auflegt) und produziert: Wenigstens eine Maxi-Veröffentlichung ist und bleibt erklärtes Ziel. Aber gerade beim Beatboxen fand und findet er immer wieder Inspiration. Doch zunächst ging es mit 18 zurück in die Heimat, nach Rinteln zu seiner Mutter.

Und action! Soulrock am Mikrofon. Foto: Walter Owens
  • Und action! Soulrock am Mikrofon. Foto: Walter Owens

Hier absolvierte er zunächst eine schulische Grundausbildung zum Tischler. Da er allerdings keine Aussicht auf eine Ausbildungsstelle hatte, sei er zunächst recht perspektivlos gewesen. Bis er bei der Rintelner Bäckerei Tünnermann eine Bäcker- und Konditorlehre machen konnte. „Das ist ein ehrenvoller Beruf, ein Kunsthandwerk, aber mit dem Kopf war ich immer bei der Musik und beim Malen“, räumt er ein. Glücklicherweise fand er auch in Rinteln Gleichgesinnte, mit denen er fortan rappen oder malen konnte. Doch alles, was Hip-Hop-mäßig in Rinteln stattfand, mussten sie selbst auf die Beine stellen, etwa in der Kulisse, an der „Wall of Fame“ (eine mit Lampen Peters arrangierte Wand für Graffiti) oder später bei der Organisation des Weser-Massiv-Festivals in Steinbergen. Zeugnisse von Soulrocks Wirken geben noch heute seine Graffiti bei Schlachter Ossenkopp, bei der Sparkasse in Steinbergen und im Gymnasium Ernestinum. „Wir versuchten damals, schon immer irgendwie rauszukommen aus Rinteln, nahmen teilweise neun Stunden Fahrt mit der Bummelbahn in Kauf, um auf eine Jam zu kommen“, schildert Soulrock. „Gleichzeitig wurden wir von Hip-Hop in Minden oder Hameln, aber auch Hannover, Bielefeld oder Hildesheim beeinflusst.“ Er knüpfte Kontakte, kam zunehmend rum, machte sich in der Szene einen Namen.

Auf dem Victoriaberg wird es langsam frisch und zugig, außerdem ist Soulrock hungrig. Er will einen neuen arabischen Imbiss ausprobieren, wird nach kurzer Zeit fündig und schildert bei Schawarma und frischem Obst-Gemüse-Saft, warum seiner Meinung nach zum Beatboxen weit weniger Talent gehört als man annehmen möchte. „Kennst du das ,Böse-Katze‘-Beispiel?“, fragt er. „Wenn du bei der Aussprache von ,böse Katze‘ die Betonung auf die Konsonanten legst und ihnen entsprechend Nachdruck verleihst…“ Er unterbricht sich selbst, macht es vor, erst langsam, dann schneller – und tatsächlich: Prompt erklingt ein solider Rhythmus, direkt aus seinem Mund heraus. „Das ist meine Definition von Talent: Engagement, Fleiß und Geduld. Wer am Ball bleibt, wird irgendwann seine Erfolge feiern – wobei ich persönlichen Erfolg für wichtiger halte, aber den definiert natürlich jeder anders.“

Auch Soulrock blieb am Ball. Und feierte Erfolge. Bei einem Freestyle-Wanderwettbewerb namens „1-on-1“ (bei dem sich Rapper spontan verbal improvisierte Schlagabtausche leisten) in Bielefeld bereicherte Soulrock die Show mit seiner Beatbox. Die Veranstalter waren begeistert, fragten, ob er sie auf der restlichen Deutschland-Tour nicht begleiten wolle: Klar! Bald darauf heizte Soulrock dem Publikum als Vorgruppe für amerikanische Rap-Größen wie Busta Rhymes, Redman, Jeru the Damaja oder Ghostface Killah ein. Aber auch mit deutschen Künstlern wie Azad, Torch oder Toni L. teilte er sich schon die Bühne. 2006 engagierten ihn die Macher von „1-on-1“ für den inzwischen legendären und auf DVD gebannten Freestyle-Wettbewerb „Feuer über Deutschland“, an dem auch der nicht bloß selbst erklärte King of Rap Kool Savas mitwirkte. Bereits 2004 wurde er – noch als Rintelner! – Berliner Vizemeister, 2007 Norddeutscher Meister. Auch bei der für Soulrock obligatorischen Teilnahme an den Deutschen Beatbox-Meisterschaften kam er stets unter die ersten acht, wie auch in diesem Jahr, in dem er erst gegen den späteren Deutschen Meister ausschied.

Doch zurück nach Rinteln. Wenn Soulrock nicht auf den Brettern, die die Welt bedeuten, stand, arbeitete er nach der Schließung seines Lehrbetriebs in einer Rintelner Industriebäckerei, „eine relativ stupide und vor allem perspektivlose Angelegenheit“, wie er sagt. Fünf Jahre ging das so, eine Zeit, in der er so manche kleine Bäckerei pleitegehen sah. Schließlich fasste er den Entschluss, es zwei Rintelner Freunden gleichzutun und nach Berlin zu ziehen, wo sich ihm zudem eine besondere berufliche Herausforderung bot: in der Küche des Berliner Hotels Ritz-Carlton. „Da wurde mir vor allem der Wert meines Berufs bewusst, etwas Besonderes zu schaffen im Gegensatz zur Massenproduktion – diese fünf Jahre waren eine gute Erfahrung“, betont er bedächtig.

Inzwischen ist es dunkel geworden. Für den Nachtisch, der dem Schawarma folgen soll, wählt Soulrock ein nahegelegenes Café aus, bestellt bei der befreundeten Kellnerin eine heiße Schokolade und hausgemachten Kuchen, den er langsam und genussvoll zu sich nimmt. „Nun stelle ich mir die Frage: Was jetzt? Ich muss und will mich neu orientieren“, sagt er geraderaus. Ein Pädagogik-Studium? Oder das Hobby zum Beruf machen? Letzteres birgt die Gefahr, dass aus leidenschaftlicher Kunst Zwang wird, befürchtet Soulrock. Daher probiert er sich vorerst aus, begleitet als Beatboxer einen Klavierspieler, startet in Kürze ein Projekt mit dem Berliner Rapper Chefket. „Wer weiß, vielleicht gründe ich auch eine Band?!“

Derweil gibt er Beatbox-Workshops für Jugendliche, in der Hoffnung, dass sie denselben Gewinn aus Hip-Hop ziehen können, wie er es konnte: durch neue Erfahrung neu reflektieren und das auch auf andere Lebensbereiche anwenden können. „Das klingt zwar ganz schön ,erwachsen‘, aber aus dieser Überzeugung heraus habe ich nie den Glauben daran verloren, dass die Hip-Hop-Kultur etwas Gutes ist.“

Viele, auch er, seien immerhin durch Hip-Hop davor bewahrt worden, auf die schiefe Bahn zu geraten. Trotzdem oder gerade deswegen: „Jeder, der im Hip-Hop was drauf hat, hat ’nen seelischen Knacks. Aber der wird eben auf produktive Weise kompensiert“, ist Soulrock überzeugt.

Ein großer Traum wäre für ihn eine professionelle Beatbox-Schule. Oder ein eigener Plattenladen in Kombination mit einem Café. „Dafür habe ich sogar schon einen Namen“, sagt er lachend: „Kuchenplatte!“




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