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Nammer Schnatgang erinnert: Bei Kriegsende 13 Bückeburger Musikschüler in den Tod geschickt

Späte Rückkehr an einen Ort des Grauens

Bückeburg/Nammen (ly). Als der Krieg zu Ende ging, war Kurt Römming sechs Jahre alt. Kürzlich führte der Nammer Heimatforscher 35 Schnatgänger zur Lehmkuhle, wo damals seine Familie lebte. Für Bückeburger Heeresmusikschüler war dies ein Ort des Grauens.

veröffentlicht am 05.07.2010 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 11:21 Uhr

Drei Häuser standen im April 1945 auf der Lehmkuhle, in einem wohnten die Römmings zur Miete. Musikschüler, von den Nazis zur „Heimatverteidigung“ eingeteilt, hielten die oberen Geschosse des Gebäudes besetzt. Als US-Panzer anrollten, eröffnete ein fanatischer SS-Mann, Anführer der Jugendlichen, mit seiner Panzerfaust das Feuer.

Die Bewohner der Häuser flüchteten in die Stollen der Barbara, wo sie eine Nacht im Berg verbrachten. Am nächsten Tag kehrten sie zurück, 13 Musikschüler waren gefallen, fast die Hälfte der Unglücklichen. „Da habe ich zum ersten Mal Tote gesehen“, erinnert sich Kurt Römming und holt das Hochzeitsfoto seiner Eltern hervor.

Granatsplitter haben ein Loch in das Bild gerissen. Es gehört zu Römmings Andenken an einen mörderischen Krieg, den er als kleiner Junge miterleben musste. Zu den bekanntesten Bückeburger Heeresmusikschülern zählte übrigens der heutige Bandleader James Last. Nach dem Schließen der Schule im April 1945 wurde Last (Jahrgang 1929) nicht mehr eingezogen, weil er etwas zu jung war.

Lange war die Lehmkuhle jedoch auch ein Ort fairer sportlicher Auseinandersetzungen, denn bis zum Zweiten Weltkrieg lag dort der Nammer Bergsportplatz, das Gelände des Turnvereins „Jahn“ Nammen von 1892. Aus diesem Verein ging zunächst der MTV Nammen hervor und nach dem Krieg der heutige TuS Porta Westfalica. Michael Ritterbusch, Vorsitzender des Heimatvereins, kann mit einem Foto dienen, das die MTV-Handballmannschaft von 1928 zeigt, damals ein hochklassiges Team.

Viel länger zurück reicht die Geschichte der alten Nammer Grenzsteine aus dem Jahr 1785. Diese erinnern an die Verteilung der Schnetten im Nammer Wald, die man heute als Parzellen bezeichnen würde. Nach einem Rechtsstreit vorm Finanzgericht Berlin, der sich über Jahrzehnte hingezogen hatte, waren den Nammern die Schnetten zugesprochen worden. Im Gegenzug gaben sie ihr Holzmonopol auf.

„Der ,Alte Fritz‘ brauchte damals viel Geld für sein Militär“, erklärt Michael Ritterbusch den Hintergrund. „Es war der Übergang vom staatlichen Markenwald zum Privatwald“, fügt Kurt Römming hinzu.

Vorher durfte sich das Vieh kostenlos im Wald durchfressen. Endgültig war es damit in Nammen nach 1850 vorbei. Zuvor rollte aber erst noch eine zweite Prozesswelle über das Dorf hinweg.

Erinnerungen: Michael Ritterbusch (l.) zeigt ein Foto der Handballmannschaft des MTV Nammen von 1928, Kurt Römming das Hochzeitsbild seiner Eltern, in das Granatsplitter ein Loch gerissen haben.

Foto: ly




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