weather-image
11°
×

Neuapostolische Kirche bietet Service für Hörgeschädigte / Auch Dialekte in Gebärdensprache

"Sprechende" Hände vermitteln Wort Gottes

Bad Nenndorf (tes). Die Menschen in der voll besetzten Neuapostolischen Kirche schweigen und geben Fingerzeichen. Der Priester auf der Kanzel spricht - laut und in kurzen Sätzen. Doch eines unterscheidet ihn: In diesem Gottesdienst für Hörgeschädigte wird zusätzlich mit den Händen geredet. Eine wichtige Hilfe ist die Mimik. Kein Wunder, dass die Gemeinde auf die Lippen des Priesters konzentriert ist.

veröffentlicht am 25.07.2008 um 00:00 Uhr

Wenn gehörlose und hörende Menschen zusammentreffen, dann werden normalerweise die gesprochenen Worte in Gebärden übersetzt, die auch die gehörlosen Menschen verstehen. In Bad Nenndorf wurde der dritte Gottesdienst dieser Art in Lautsprache mit lautsprachbegleitenden Gebärden (LBG) gehalten. Auf Gott"hören" in Gottes Gemeinschaft, das war der Kern der Predigt von Priester Peter Scharf aus Hannover. Auch Priester Klaus Sontowski aus Hameln und Priester Lutz Mayet haben die Gebärdensprache erlernt, um das Wort Gottes lautlos weitergeben zu können. Mayet betonte, als Seelsorger habe er immer ein offenes Ohr für die Sorgen der Gehörlosen. Wichtig sei es, den Mund beim Sprechen deutlich zu bewegen und den Blickkontakt zu suchen, so Mayet. "Zu viele Gebärden verwirren nur." Alle in die Gemeinschaft zu integrieren, nannte der Bad Nenndorfer Diakon Wilfried Möller als das wichtigste Ziel und freute sich über die Resonanz auf die Ankündigung in der Zeitung. "Einige besuchen diesen Gottesdienst zum ersten Mal und sind begeistert." Dabei ist der Ablauf der Feier fast so, wie in jeder anderen Kirche auch: Predigt, Vaterunser und Abendmahl. Nur eine Kleinigkeit ist anders. Die Gemeinde bleibt häufig sitzen. Auch zu den Teilen des Gottesdienstes, die üblicherweise im Stehen gefeiert werden. Der Grund ist naheliegend: Wer steht, verstellt den Blick der anderen. Wie in einem Gottesdienst für Hörende werden die Worte der Priester von einem Mikrophon und Lautsprechern verstärkt. "Gehörlose fühlen die Schwingungen und die Atmosphäre", erklärt Nadine Neubauer aus Lehrte die Wirkung des Gebärdenchores, der neben dem Gemeindechor die Funktion einer "Gebärdenorgel" übernimmt. "Wir machen das Mundbild", erklärt Sascha Neubauer. Die Gebärden wirkten nur unterstützend. Viele Gebärden ähneln sich. Dies könne zu Missverständnissen führen. So könnten viele Gehörlose die Übersetzungen im Fernsehen nicht verstehen, sagt Neubauer. "Die dort angewandte Deutsche Gebärdensprache übersetzt alles und die schnellen Gesten sind dadurch schwer zu unterscheiden." Die Gebärdensprache sei nicht einfach zu erlernen, bestätigt deren Lehrer Friedhelm Skibber. Nicht nur, weil sich viele Begriffe nur in Nuancen in der Handbewegung unterscheiden, sondern auch, weil die Grammatik eine völlig andere ist. Man fängt immer mit dem Größten an. Während Hörende sagen würden: "Da sitzt ein Vogel im Baum", sagt man in der Gebärdensprache: "Baum Vogel sitzt". Allerdings musste Skibber, der auch in Ostdeutschland übersetzt, feststellen, dass es auch in der Gebärdensprache Dialekte gibt. Der Neustädter hatte die Sprache erlernt, um mit Gemeindemitgliedern aus Kasachstan kommunizieren zu können. "Einige davon waren durch die Tschernobyl-Katastrophe gehörlos geworden", so Skibber. "Fliegende Hände", das Synonym für Beifall klatschen, bekamen Priester und Chor im Gottesdienst jedoch nicht zu sehen. Aber die weit gereiste Gemeinde belohnte die Gastgeber mit einem gemeinsam gelernten Lied in Gebärdensprache.




Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige