weather-image
32°
×

Bürgermeister- und Ratswahlen früher

Stadtoberhaupt wird meist der „elteste Camerarius“

Bückeburg. Am kommenden Sonntag, 22. September, ist es so weit: Die Bückeburger entscheiden über ihr neues Stadtoberhaupt. Gewählt wird der schätzungsweise 60. oder 70. Amtsinhaber der Stadtgeschichte. Die genaue Zahl ist unbekannt. Namen und verlässliche Daten sind erst aus den vergangenen 400 Jahren überliefert. Die Periode davor liegt noch weitgehend im Dunkeln. Sicher ist nur, dass es bereits 1445 einen Ratsvorsitzenden namens Engelke Sobbe gab.

veröffentlicht am 20.09.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 11:41 Uhr

Autor:

Die stattliche Zahl der einst amtierenden Stadtoberhäupter hat damit zu tun, dass der Posten in Bückeburg – wie in vielen anderen Städten auch – über lange Zeit hinweg doppelt besetzt wurde. Beide Amtsinhaber waren gleichberechtigt. Sie lösten sich jährlich ab und wurden deshalb „regierender“ und/oder „stillsitzender“ (Bürgermeister) genannt.

Bis in die Neuzeit hinein wurden Stadtoberhäupter und Ratsherren nicht vom Volk gewählt, sondern nach dem Willen des fürstlichen Landesherrn aus dem Kreis der „fürnehmsten und verständigsten Unterthanen“ berufen. Als Vertreter der Einwohnerschaft durfte ein aus vier bis sechs Senatoren beziehungsweise „Ratsverwandten“ zusammengesetztes Gremium mitwirken. Zum Bürgermeister wurde meist der „elteste Camerarius gewürdigt“.

Die Nominierung beziehungsweise Amtseinführung fand nach einem genau festgelegten Zeremoniell kurz vor Weihnachten statt. Es sei „ein loblicher alter gebrauch, daß am 24. Dezember aufm heiligen Christabend allemal ein neuer Bürgermeister in hiesiger Rathstube per vota (durch Abstimmung) erwehlet, dem gnädigen Grafen und Herrn auf gräflicher Kantzlei offeriret und der neu erwehlte Bürgermeister darbey nominiert wirdt“, heißt es in einem Protokoll des Jahres 1623. Nach Auszählung der Wahlzettel wurde dem Neuen „vom gantzen Rathe Glück undt Heil gewünschet“.

3 Bilder
Als bisher profiliertester und tüchtigster Bückeburger Amtsinhaber gilt der Jurist Dr. Wilhelm Külz (1904 bis 1912).

Ein paar Tage später, nämlich am 10. Januar, wurde die gesamte Bürgerschaft zum „Churtage aufs Rathaus“ geladen. In einigen der im Niedersächsischen Staatsarchiv lagernden Unterlagen wird dieser Termin auch „Körtag“ genannt. Als Erstes wurde der Neue in ernster und feierlicher Form auf sein Amt verpflichtet. Der bisherige „consul regens“ übergab das Stadtsiegel und die Schlüssel zum Rathaus und zu den Stadttoren. Danach mussten alle Anwesenden den Bürgereid bekräftigen, „damit auch ein jedtweder Bürger des Eydes, so er Bürgermeister undt Rath undt gantzer Bürgerschaft, desselbigen auch desto fleißiger undt gehorsamb nachleben undt nicht mit höchster Verlust seiner Seelen Seligkeit, wie leider oftmals geschieht, denselben hindansetze“.

Der Text der Eidesformel wurde vorgelesen und von der Versammlung „mit aufgerichtetem Finger abgelegt undt geschworen“. Wer die Prozedur zum ersten Mal mitmachte, musste noch eine Zusatzformel sprechen und „mit zweien an der rechten Hand aufgehobenen Fingern sagen wie folgt: Was mir jetzt under ist fürgehalten, dasselbe habe ich wol verstanden undt wol betrachtet. Will selben auch nachkommen, so wahr mir Gott helfe und sein Heiliges Evangelium.“

Erste Ansätze in Richtung von mehr Bürgerbeteiligung brachte eine im Jahre 1870 vom damaligen Fürsten Adolf Georg erlassene und später von seinem Sohn und Nachfolger überarbeitete „Landgemeinde- und Städteverordnung“. Die bisherige Doppelbesetzung des Bürgermeisterpostens verschwand. Stattdessen gab es – wie auch heute wieder – ein hauptamtliches Stadtoberhaupt. Die Vertretung der Bürgerschaft übernahm ein „Magistrat“. Er bestand aus dem Bürgermeister und vier ehrenamtlich tätigen Senatoren. Der Bürgermeister wurde von den Senatoren und neun „Bürgervorstehern“ gewählt. Das war ein von den Einwohnern gewähltes Gremium. Abstimmen durften allerdings nur Männer – und das auch nur dann, wenn sie über Grundbesitz verfügten und mindestens drei Taler Steuern im Jahr zahlten. Das letzte Wort bei der Besetzung des Bürgermeisterpostens war dem im benachbarten Schloss residierenden Landesherrn vorbehalten.

Demokratische Verhältnisse nach heutigen Maßstäben kehrten erst nach dem Ersten Weltkrieg ein. Das „Gesetz betreffend die Wahl der Bürgervorsteher und Stadträte“ aus dem Jahre 1919 sicherte allen erwachsenen Einwohnern – also erstmals auch den Frauen – ein Stimmrecht zu. Doch die neu gewonnene Freiheit blieb eine Episode. 15 Jahre später schaffte das NS-Regime mit der 1934 erlassenen „Deutschen Gemeindeordnung“ die kommunale Selbstverwaltung wieder ab.

Den Grundstein für die heute praktizierte Kommunaldemokratie legten nach dem Zweiten Weltkrieg die britischen Besatzer. Ihre „Verordnung Nr. 21 zur Abänderung der deutschen Gemeindeordnung“ vom 1. April 1946 diente als Vorlage für die 1955 verabschiedete „Niedersächsische Gemeindeordnung“. Eine Besonderheit des von den Engländern eingeführten Modells war die Aufteilung der Führungsaufgaben auf einen ehrenamtlichen Bürgermeister und einen hauptamtlichen Stadtdirektor. Diese „Doppelspitze“, die es nur in den Ländern Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen gab, wurde bekanntlich 1996 nach heftigen Diskussionen vom Landtag wieder abgeschafft. Seitdem werden (auch) die niedersächsischen Kommunen wieder von hauptamtlichen Bürgermeistern und Bürgermeisterinnen regiert.

Als Stadtoberhaupt mit der bisher längsten Dienstzeit ist Karl David Holzapfel in die Bückeburger Stadtgeschichte eingegangen. Der gebürtige Petzer war 35 Jahre lang (von 1788 bis 1823) die kommunalpolitische Nummer eins. Eine annähernd ähnlich lange Amtszeit kann mit 29 Jahren nur Holzapfels Vorgänger Hans Herman Lindemann (1716 bis 1745) vorweisen. Ebenfalls zum Klub derer, die länger als 20 Jahre an der Spitze standen, gehören Karl Wiehe (24 Dienstjahre, 1912 bis 1936 sowie einige Nachkriegstage im Jahre 1945), Helmut Preul (24 Jahre, 1972 bis 1981 und 1986 bis 2001), Johann Henrich Held (23 Jahre, 1704 bis 1727), sowie Max Burchard (1871 bis 1892) und Heinrich Wilhelm Lindemann (1761 bis 1728), beide 21 Jahre.

Mit zwei langjährigen Stadtoberhäuptern ist die Familiendynastie Reischauer in den Bückeburger Annalen vertreten. Nach Johann Wilhelm Reischauer (1808 bis 1835) folgte zwischen 1836 bis 1863 dessen Sohn Karl Heinrich. Die beiden haben das politische Leben der Stadt während des 19. Jahrhunderts sozusagen „beherrscht“. Beide brachten es auf je 27 Jahre.

Nach Einführung der fürstlich-schaumburg-lippischen „Landgemeinde- und Städteverordnung“, die die erste, bis zu Beginn der Weimarer Republik andauernde Ära der „Hauptamtlichen“ einläutete, konnten die in der fürstlichen Residenzstadt tätigen Stadtoberhäupter befördert werden. Die Ernennung bedurfte der Gunst des Landesherrn. Mit dessen Zustimmung wurden Max Burchard (1871 bis 1892), Wilhelm Beseler (1893 bis 1904) und Dr. Wilhelm Külz (1904 bis 1912) mit dem Titel „Oberbürgermeister“ bedacht.

Külz war nach Auffassung vieler Historiker der bisher profilierteste und tüchtigste Bückeburger Amtsinhaber. Nachdem es ihm in der Residenz zu eng geworden war, startete er eine beeindruckende Karriere und brachte es bis zum Innenminister der Weimarer Republik.

Eine der politisch unruhigsten Zeiten während seiner 24-jährigen Dienstzeit hatte Külz’ Nachfolger Karl Wiehe zu überstehen. Der Jurist führte die Stadt durch drei sehr unterschiedliche Herrschaftssysteme – Kaiserdynastie, Weimarer Republik und NS-Diktatur. Darüber hinaus half er 1945 ein paar Wochen beim demokratischen Wiederaufbau mit. Erste und bisher einzige weibliche Amtsinhaberin war Edeltraut Müller (2001-2006). Und die wohl kürzeste Periode brachte der von den Engländern eingesetzte Nachkriegsamtsinhaber Karl Pöhler (Mai 1945 bis Januar 1946) hinter sich.




Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige