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98 Prozent der Rechnungen sind verschickt – mit der Datenbasis weiter Probleme

Stadtwerke: Abrechnungschaos wird wohl noch bis Ende des Jahres dauern

Bückeburg (rc). Das Abrechnungschaos bei den Stadtwerken Schaumburg-Lippe nimmt kein Ende. Immer wieder erreichen nicht nur die Kundencenter in Bückeburg und Stadthagen erregte Beschwerden der Verbraucher, auch unsere Zeitung ist immer wieder Anlaufstation für diverse Klagen.

veröffentlicht am 20.05.2010 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 15:41 Uhr

So klagte jetzt der Obernkirchener Wilfried Schramme, dass er trotz wiederholter Anfrage immer noch keine Abrechnung erhalten hat und „von der Dame am Telefon immer mit dem gleichen Satz vertröstet wurde: ‚Spätestens Ende der Woche oder Anfang der Woche ist die Abrechnung da‘“. Was sie aber immer noch nicht ist. Es werde mit einer Dreistigkeit gelogen, dass sich die Balken biegen. „In der freien Wirtschaft wäre das Unternehmen schon längst pleite“, schimpfte Schramme.

Andere Stadtwerke-Kunden beschwerten sich darüber, dass sie gemahnt worden seien und sogar Sperrandrohungen erhalten hätten, obwohl Unstimmigkeiten um ihre Abrechnungen nicht aus dem Weg geräumt worden seien. „Da kann wenigstens gewartet werden, bis alles geklärt ist“, so der Tenor dieser Beschwerden. Sie hätten Abschläge oder Rechnungen bezahlt, zum Teil damals noch bei E.on. Nun würden erneut Beträge in Rechnung gestellt, die nicht mit ihren Unterlagen übereinstimmten.

Beschwerden, die der Geschäftsführer der Stadtwerke-Schaumburg-Lippe, Eduard Hunker, im Gespräch mit unserer Zeitung, wieder einmal bestätigten musste, aber auch relativierte. Der Großteil der Kunden habe Verständnis für die Situation der Stadtwerke gezeigt und Geduld aufgebracht. „Dafür müssen wir danken.“ Allerdings seien auch Kunden darunter, die derart massiv und ausfallend geworden seien, dass kaum eine vernünftige Klärung möglich gewesen sei.

Hunker erläuterte noch einmal die Situation: 2007 bis 2008 seien – noch unter Ägide der alten Geschäftsführung – die Beschlüsse gefasst worden, die Abrechnungsgemeinschaft der Stadtwerke mit E.on Westfalen-Weser aufzugeben, auch um den Stadtwerken ein eigenes Profil zu geben und nah am Kunden zu sein. Um die Abrechnungen übernehmen zu können, sei auf ein System gesetzt worden, das sich nach der Übernahme der Kunden- und Abrechnungsdaten von E.on allerdings als untauglich erwiesen habe, da es die vom Gesetzgeber geforderte Trennung der Kundendaten in einen Netz- und einen Verbrauchsanteil nicht umsetzen konnte.

Darum sei seitens des Aufsichtsrates im Sommer 2008 die Notbremse gezogen – und ein neuer Systemanbieter mit der Aufgabe betraut worden. Das Problem dabei: „Durch die Mehrfachüberspielung sind Daten verloren gegangen“, so Hunker. Außerdem seien die gelieferten Datensätze von E.on auch nicht alle fehlerfrei gewesen, wie sich jetzt nach und nach beim Verschicken von Abrechnungen und Mahnungen herausstellt. Für Gas erfolgte Vorauszahlungen seien etwa der Stromrechnung zugeschlagen worden. „Wir hatten neulich einen Fall, dass wir einem Kunden 2800 Euro in Rechnung gestellt haben, wo dieser Betrag teilweise für die Stromrechnung verwendet und der Rest zurückgezahlt worden ist“, nannte Hunker ein Beispiel: „Da sind wir machtlos und auf die Unterlagen der Kunden angewiesen.“ In manchen Fällen müssten sogar offene Beträge aus dem Jahr 2005 rekonstruiert werden: „Was gar nicht mehr möglich ist, da können wir nur noch nach der Plausibilität gehen.“

„Wir sehen Licht am Ende des Tunnels“

Laut Hunker sowie dem seit Anfang April eigens als Krisen-Projektleiter für Abrechnungen ins Unternehmen geholten Stefan Gompper sei Geduld nötig: Sie rechnen damit, dass es bis Ende des Jahres dauern werde, bis tatsächlich alle Unklarheiten beseitigt sind und die Stadtwerke wieder „saubere Bestände und eine saubere Abrechnung haben“. Von 27 518 Stadtwerke-Kunden haben inzwischen 27 122 ihre Abrechnungen erhalten – 98 Prozent. Die letzten 396 sollen bis Ende Juni ihre Rechnung erhalten.

Von den Kunden, die ihre Abrechnung bereits erhalten haben, „hängen“ etwa sieben Prozent: Das heißt, bei ihnen gibt es Unstimmigkeiten um tatsächlichen Verbrauch und Salden. In „einigen hundert Fällen“ liegen Widersprüche seitens der Kunden vor, deren Daten beim Wechsel von E.on auf das neue Abrechnungssystem nicht oder falsch erfasst worden sind. Dazu kommen derzeit noch 300 bis 400 „vorläufige Fälle“, die zwar als Verbrauchsstelle bekannt sind, wo aber – etwa nach Wechsel des Energie-Anbieters – noch Kundendaten und Verbrauchszahlen von anderen Energie-Versorgern angeliefert werden müssen.

Sowohl Hunker als auch Grompper räumten mehr oder weniger ein, dass stadtwerkeintern die Rückübernahme der Verbrauchsabrechnungen unterschätzt worden ist. Zehn Jahre seien bei den Stadtwerken keine Abrechnungen mehr gemacht worden. „Es fehlte einfach die Sicherheit in der Bearbeitung“, so Hunker. Durch die anhaltende Beschwerdeflut, Wochenendarbeit und Überstunden seien zudem einige Mitarbeiter „ausgebrannt“, berichtet der Geschäftsführer: „Vieles ist auf der Sachbearbeiterebene hängen geblieben.“

Inzwischen sind jedenfalls bis zu fünf neue Mitarbeiter eingestellt worden, der Projektleiter Abrechnungen – er kennt das neue Abrechnungssystem durch seine Tätigkeit für den Systemanbieter aus dem Effeff – übernimmt Schulungen und Einweisungen. Gompper: „Wir sehen Licht am Ende des Tunnels.“

Außer dem Imageschaden – „Ist er wirklich so massiv?“, fragte der Geschäftsführer – dürften die Kosten für „mehr EDV, mehr Schulungen, mehr Personal“ ihren Spuren in der Bilanz hinterlassen. Obwohl Hunker versicherte: „Wir werden eine Dividende wie in den Vorjahren auszahlen.“ Diese fließt, außer an E.on als ein Anteilseigner, an die anderen Gesellschafter: die Städte Bückeburg, Stadthagen und Obernkirchen sowie die Samtgemeinde Eilsen – zum Stopfen von Haushaltslöchern.




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