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Bruder Rectus ist seit Jahren als moderierender Franziskanermönch Herz und Seele des Spectaculums

Stellvertreter auf Erden

BÜCKEBURG. Er hat sich beim Mittelalterlich Phantasie Spectaculum aus Sicht zahlreicher Fans seit etlichen Jahren nicht nur zum größten Publikumsliebling des Events gemausert, sondern irgendwie zu Herz und Seele der ganzen Veranstaltung: Bruder Rectus.

veröffentlicht am 17.07.2018 um 10:17 Uhr
aktualisiert am 17.07.2018 um 15:30 Uhr

Bruder Rectus alias Horis El Hammamy bei der Morgenmesse in Bückeburg. Foto: jp
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Johannes Pietsch Reporter zur Autorenseite
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BÜCKEBURG. Dass das Mittelalterlich Phantasie Spectaculum bis heute das Kind und die Herzensangelegenheit seines Gründers und Chefs Gisbert Hiller ist, ist allgemein bekannt. Und irgendwie kann man sich die Organisation eines so riesigen Freiluftunternehmens mit bis zu 3000 Akteuren pro Veranstaltungstermin und einer derart gewaltigen Logistik ohne den hünenhaften Drensteinfurter unmöglich vorstellen.

Während der Veranstaltung selbst ist es jedoch ein anderer, der als Moderator und Conférencier in brauner Mönchskutte auf den diversen Bühnen und Spielstätten den Ton angibt, und der hat sich – aus Sicht zahlreicher Fans – seit etlichen Jahren nicht nur zum größten Publikumsliebling des Events gemausert, sondern irgendwie zu Herz und Seele der ganzen Veranstaltung: Bruder Rectus.

Mit Nonnen herumalbern, immer einen respektlosen Spruch auf den Lippen, stets lieber mit Bierkrug und Eintracht-Fanschal als mit Messwein und Soutane unterwegs und auf Facebook mehr Freunde als alle Politiker der Großen Koalition zusammen: Für einen Franziskanermönch scheint das Mittelalter eine reichlich lockere Angelegenheit gewesen zu sein, wenn man den Auftritten von Gottes zweitberühmtesten Stellvertreter auf Erden Glauben schenken mag. Aber nein, natürlich ist der „Bruder Rectus Halleluja“ eine reine Kunstfigur, und das Mittelalter, welches er auf dem MPS verkörpert, ungefähr so authentisch wie eine Mondrakete zur Zeit der Kreuzzüge. Aber bekanntlich will ja beim MPS auch keiner historisch korrekt sein, vielmehr wirbt die Großveranstaltung seit 2006 mit dem Slogan „nicht authentisch, sondern fantastisch“. Und kaum einer verkörpert diesen Anspruch mit seinen Auftritten so trefflich wie der Mönch mit dem zerzauselten Vollbart und dem unverwechselbar breiten hessischen Dialekt.

Bruder Rectus als Schiedsrichter beim Bruchenballturnier. Foto: jp
  • Bruder Rectus als Schiedsrichter beim Bruchenballturnier. Foto: jp
Bruder Rectus im Kreise klerikaler Kollegen bei einer Morgenmesse. Foto: jp
  • Bruder Rectus im Kreise klerikaler Kollegen bei einer Morgenmesse. Foto: jp
Bruder Rectus mit der „himmlischen Versuchung“ aus Sandra Culemann (links) und Anny Helen. Foto: jp
  • Bruder Rectus mit der „himmlischen Versuchung“ aus Sandra Culemann (links) und Anny Helen. Foto: jp
Bruder Rectus bei der Gewandungsprämierung. Foto: jp
  • Bruder Rectus bei der Gewandungsprämierung. Foto: jp
Frisur? Wird bei Bruder Rectus flexibel gehandhabt. Foto: jp
  • Frisur? Wird bei Bruder Rectus flexibel gehandhabt. Foto: jp
Bei der Märchenstunde kann es männlichen Besuchern durchaus passieren, von Bruder Rectus zum Heiratsantrag an die Freundin auf die Knie befohlen zu werden. Foto: jp
  • Bei der Märchenstunde kann es männlichen Besuchern durchaus passieren, von Bruder Rectus zum Heiratsantrag an die Freundin auf die Knie befohlen zu werden. Foto: jp
Bruder Rectus mit Besucherin Rebecca Alexandra aus Hamm bei der Märchenstunde. Foto: jp
  • Bruder Rectus mit Besucherin Rebecca Alexandra aus Hamm bei der Märchenstunde. Foto: jp
Bruder Rectus als Schiedsrichter beim Bruchenballturnier. Foto: jp
Bruder Rectus im Kreise klerikaler Kollegen bei einer Morgenmesse. Foto: jp
Bruder Rectus mit der „himmlischen Versuchung“ aus Sandra Culemann (links) und Anny Helen. Foto: jp
Bruder Rectus bei der Gewandungsprämierung. Foto: jp
Frisur? Wird bei Bruder Rectus flexibel gehandhabt. Foto: jp
Bei der Märchenstunde kann es männlichen Besuchern durchaus passieren, von Bruder Rectus zum Heiratsantrag an die Freundin auf die Knie befohlen zu werden. Foto: jp
Bruder Rectus mit Besucherin Rebecca Alexandra aus Hamm bei der Märchenstunde. Foto: jp

Aber wer ist Horis El Hammamy, der Mensch hinter der Kunstfigur Bruder Rectus mit dem so arabisch klingenden Namen, der an jedem Veranstaltungstag das MPS mit der „Morgenmesse“ eröffnet und mit den Schlussworten nach dem Feuerspektakel beschließt? Geboren in Schlüchtern im südhessischen Main-Kinzig-Kreis verschlug es den Sohn eines ägyptischen Vaters und einer deutschen Mutter („Ich habe einen doppelten Migrationshintergrund: Ägypter und Hesse!“) nach einem „erfolgreich abgebrochenen Germanistikstudium“ mit Mitte zwanzig in die Barbarossastadt Gelnhausen im Main-Kinzig-Kreis. Von Mittelaltermärkten und der Szene, die sich darum herum seit Anfang der 90er-Jahre in Deutschland entwickelt hatte, wusste Horis El Hammamy zu diesem Zeitpunkt allenfalls vom sprichwörtlichen Hörensagen.

Bis eines Tages genau ein solcher Mittelaltermarkt in seiner Wahlheimatstadt und dort genau vor seinem Schlafzimmerfenster stattfand. Und als er dieses an einem Sonntagmorgen (nach durchfeierter Nacht) öffnete, muss der Anblick von Rittern, Gauklern, Bettlern und Musikern für den zu dieser Zeit als Servicemitarbeiter eines Autohauses tätigen El Hammamy wie ein Erweckungserlebnis gewirkt haben: „Ich war in einer anderen Welt, und es war um mich geschehen.“

Nur kurze Zeit später legte er die rund 250 Autobahnkilometer von Gelnhausen nach Leverkusen in der 80 Stundenkilometer schnell fahrenden Ente einer Freundin zurück, um dort seinen ersten richtigen Mittelaltermarkt zu erleben. Was die Freundin und Besitzerin des französischen Gefährts, die bereits seit Jahren in der Mittelalterszene heimisch war, dazu verleitete, ihn quasi im Vorbeigehen an den Silberschmied des Marktes zu verkaufen, der suchte nämlich gerade eine Aushilfe. Dort hielt es El Hammamy jedoch nicht lange, stattdessen trieb ihn seine immer größer werdende Begeisterung für das Bühnengeschehen der Mittelalterszene in die Arme des „Doktors dreier Fakultäten“ Dr. Dr. Dr. Bombastus Theophrastus Lutzelot, der als Gaukler, Spielmann und mittelalterlicher Bühnenkomödiant die Märkte bereiste.

Er war es, der für seine Auftritte die Figur des liederlichen Mönchs „Bruder Rectus“ erfand und seinem neuen Assistenten auf den Leib schneiderte. Woher der Name? Ganz einfach: Horis El Hammamy trat seinerzeit in die Fußstapfen von Bombastus‘ bisherigem Assistenten „Bruder Proctus“ und sollte einfach einen ähnlich klingenden Bühnennamen erhalten. Und in dieser Konstellation kam Horis El Hammamy vor rund zwölf Jahren das erste Mal mit dem Mittelalterlich Phantasie Spectaculum in Berührung – der Rest ist MPS-Geschichte.

Als auf der Großveranstaltung nach dem Ausscheiden des „Trosses der Fogelvreien“ Edwin Ball als „Marktvogt Eduard von Sonnenberg“ die Verantwortung als Chefmoderator übernahm, rückte Bruder Rectus sehr bald als Partner und Stichwortgeber für Pointen aller Art an seine Seite. Sie beide waren es, die die Comedy auf dem MPS etablierten, und das auf eine Art und Weise, die Spaß machte, ohne zu überzogen, zu albern oder zu grotesk zu wirken. Nach dem Abschied Balls vom MPS ging der Stab des Moderators und Chef-Conférenciers 2014 an ihn über. Den er seitdem zumeist als Trio der „Heiligen drei Scheußlichkeiten“ führt: An seiner Seite zum einen der „hässliche Hans“ alias Markus Gabriel aus Hannover, früher ausschließlich als stummer Walking-Act auf dem Gelände unterwegs, heute ein ungemein wortgewandter, geradezu literarischer Sprücheklopfer, zum anderen Mirco Lehmann alias „Der Tod“, der sich gemeinhin darin gefällt, El Hammamy in zwerchfellerschütternde Wortgefechte zu verwickeln. Nicht zu vergessen die stets als Duo anzutreffenden Nonnen, die als „die himmlische Versuchung“ die Auftritte des Bruder Rectus flankieren.

Zu erleben ist dieses Dreigestirn bei mehreren Programmpunkten, die in keinem Spielplan eines MPS-Veranstaltungstages fehlen dürfen: Bei der als „Morgenmesse“ firmierenden Markteröffnung, dem Bruchenballturnier und der Gewandungsprämierung. Nach dem Dortmunder Mittelalter-Weihnachtsmarkt von 2015 kam zusätzlich noch die „Märchenstunde“ hinzu, in der das Trio eine Vorlage der Gebrüder Grimm unter (meist nicht ganz freiwilliger) Mitwirkung des Publikums durch die Mangel und den Kakao zieht.




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