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Stress & Trauma haben gestern ihr neues Album veröffentlicht: „Big Minden III“

Stress & Trauma - Die Hoffnungsträger

Minden. „Ich kann Euch zwei noch deutlich seh’n, schüchtern im Zimmer vor mir steh’n / Kumpels meiner Schwester, die abchecken wollten, was vor sich geht“. Diese Verse rappte Rap-Prominenz Curse aus Minden bereits 2001 über „Stress & Trauma“, wie sich Björn Bultemeyer (Stress) und David Stoebel (Trauma) als Künstler nennen. Zwölf Jahre später rappen sie immer noch, auf eigenen Beinen stehend und sicher nicht mehr schüchtern. Seit gestern steht ihr neues Album in den Läden: „Big Minden III“. Im Café Extrablatt hat sich Redakteur Philipp Killmann mit den beiden Rappern getroffen.

veröffentlicht am 27.04.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 10:30 Uhr

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Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

„Diese Sätze von Curse damals waren schon eine sehr nette Geste und ein Ausdruck von Respekt in höchster Form“, erinnert sich ein von Halsschmerzen geplagter Trauma (34) bei einem Roibuschtee. Wenn sie damals bei Curse’ Schwester in Petershagen-Lahde zu Besuch waren, fährt er fort, drückten sie ihm quasi im Vorbeigehen ihre Kassettenaufnahmen in die Hand. Bei der nächsten Begegnung kam Curse dann mit konstruktiver Kritik. „Das ist etwas, was viele Rapper heute offenbar nicht bekommen“, sagt ein in sich ruhend wirkender Trauma mit Blick auf die Unmengen unausgegorener Raps, die sich heute im World Wide Web finden.

Dass Stress & Trauma bei Curse in die Schule gingen, ist unüberhörbar, bei Trauma aufgrund einer gewissen Ähnlichkeit mit Curse’ Stimme noch deutlicher als bei Stress. Geschadet hat es ihnen freilich nicht – im Gegenteil: Die beiden rappen in komplexen Reimstrukturen mit einer Routine, als hätten sie immer noch genauso viel Zeit wie in den 90ern.

Tatsächlich arbeitet Stress aber inzwischen als Einzelhandelskaufmann in Bielefeld, Trauma als Grundschullehrer in Solingen. Die Zeit für Rap ist weniger geworden, zudem hatten sie sich auch ein wenig aus den Augen verloren, nicht zuletzt wegen der unterschiedlichen Wohnorte. „Aber es gibt ja Telefon und Internet“, wiegelt Trauma ab. So tauschen sie sich aus, über ihren Alltag, über ihre Musik. Und obwohl ihr Album „Big Minden III“ heißt, in die Weserstadt zurück wollen sie beide nicht, dafür biete sie ihnen inzwischen zu wenig. Nichtsdestotrotz sind sie fast jedes Wochenende vor Ort, bei Freundin und Familie. „Unser Herz hängt eben doch an Minden“, sagt Trauma.

Hip-Hop als Zuflucht in Minden als Schmelztiegel

Mit dem Albumtitel wollen sie die „Big Minden“-Serie fortsetzen, die 2003 mit ihren Mindener „Kosengs“ Italo Reno & Germany begann und 2005 mit Stress & Traumas Albumdebüt „Big Minden II“ fortgeführt wurde. „Unser größtes Anliegen bei dem Album war es, den alten Sound von 2007 zu erreichen“, begeistert sich ein quirliger Stress (33) bei einem weiteren Cappuccino. Dieses Ansinnen wurde schon im vergangenen Jahr deutlich, als sie mit „Bald is’ wieder gestern“ eine kostenlose Download-EP veröffentlichten, auf der sie ihren Lieblingsbeats aus der Zeit um die Jahrtausendwende huldigten.

Auch textlich warfen Stress & Trauma auf der EP einen Blick zurück in die Vergangenheit, rekapitulierten etwa, wie sie sich kennenlernten. Speziell Stress verarbeitete dabei noch mal seine schwierige Sozialisation als Hip-Hopper „unter lauter Neonazis“ auf der Hauptschule ihres Heimatortes Petershagen-Windheim an der Weser.

Im Hip-Hop fanden sie Zuflucht, in Minden kamen sie zusammen und scharten sich um die Mindener Rap-Gruppe „Der Klan“, bei der Stress & Trauma im Jahr 2000 durch einen Gastauftritt zum ersten Mal auf Tonträger erschienen.

Tonträger? „Wir machen keine Tonträger, wir machen Hoffnungsträger“, stellt Stress lachend klar. Ein Anspruch, der sich in ihren bildhaften Texten mit Anleihen aus der Buttjersprache widerspiegelt und in Songtiteln wie „Bilder des Lebens“ oder „Schlimmer geht’s immer“ niederschlägt. Und auf einem bereits 2006 aufgenommenen Track, „Für immer und ewig“, produziert von dem 2012 verstorbenen Patrick Ahrend, geben sich auf Big Minden III sogar noch mal die vermeintlichen Rap-Ruheständler Curse, Italo Reno und Germany ein Stelldichein.

Weitere Albumgäste sind M-Riebold („1001“, „Meine Freundin“), Samir („Liebe auf den letzten Blick“) und die Sängerin Annie Reimann („Du und Ich“); für die überwiegend sanftmütige und mit viel Soul angereicherte Albumproduktion zeichnen die Schweizer „Natural Diggers“, Daniel aus Porta Westfalica/Hamburg und die Mindener Nico sowie Ricco Beatz verantwortlich.

„Unser Budget war gleich null, aber wir machen Musik ,for the love of it‘“, betont Stress. „Und es ist ein gutes Gefühl, alles in Eigenregie zu machen.“ So ist auch ein Splitvideo zu „Bilder des Lebens/Schlimmer geht’s immer“ entstanden, gefilmt von M-Riebold. Ein weiteres Video drehen Stress & Trauma im Anschluss an das Interview in dem Mindener Modegeschäft „2 bis 4“. Dort und im Mindener Media Markt liegen seit gestern jeweils 50 Exemplare von Big Minden III zum Verkauf aus, das überdies auch bei den einschlägigen Online-Anbietern erhältlich ist.

Im Mai wollen sie ein paar Auftritte machen, ihre Albumveröffentlichung feiern und sich im Anschluss daran ihren Soloplänen widmen: Trauma seinem Projekt „OneTime4YaMind“ mit M-Riebold, Stress seinem Soloalbum.

Wann diese Alben das Licht der Welt erblicken, ist noch ungewiss. Aber um mit Curse an das eingangs aufgeführte Zitat noch mal anzuschließen: „Alles hat seine Zeit, und der reife Wein ist der beste / Stress und Trauma, ich glaub an Euch, meine Jungs, bis aufs Letzte“.




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