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Das Ensemble "Aurora Msuicale" spielt die Musik so, wie sie der Komponist einst meinte

Subversiv fetzt der moderne Frühbarock

Kathrinhagen. Sehr fetzig, sehr modern sei die Musik, meint Katharina Krüger, die sie mit ihrem Ensemble am kommenden Sonntag ab 17 Uhr in der Katharinenkirche spielen werde. Fetzig? Modern? Immerhin werden Werke aus dem italienischen Frühbarock gespielt - und der endete um das Jahr 1650. "Nein, wirklich. Es sind virtuose Stücke, die richtig Spaß machen", erzählt die Violinisten aus Porta Westfalica, die seit ihrem 14. Lebensjahr professionell Unterricht nimmt und sich in den letzten Jahren einen richtig guten Namen gemacht hat. Und da sie in Amsterdam ihr Konzertexamem mit Schwerpunkt Barock ablegte, ist sie Expertin.

veröffentlicht am 16.09.2006 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 16:02 Uhr

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Und ein profundes Wissen, gepaart mit detektivischer Lust am Entdeckertum, sollte schon mitbringen, wer sich mit dem Frühbarock beschäftigt. Vieles ist nicht mehr überliefert, noch mehr wurde gar nicht erst weitergegeben, weil Komponisten und Musiker damals Berufe waren wie Schuhmacher und Schmied - man konnte voraussetzen, dass der Musikus wissen würde, was der Herr Kompositeur zu Blatte gebracht hatte und wieer es gespielt haben möchte; ausführliche Hinweise auf die Art, wie zu musizieren sei, konnten weggelassen werden. Und diese Hinweise, sie fehlen heute. "Unser Beruf ist also auch immer eine Suche, ein Forschen", erklärt Paulina Kilarska. Auf der Suche nach den verloren gegangenen Hinweisen verbringe man viele Stunden in Archiven und vor den Notenblättern, um die Stücke so zu interpretieren, wie sie damals geschrieben und gemeint waren. "Man muss sich auch vieles zusammenreimen", erklärt Claire Bracher, Dritte im seit gut fünf Jahren zusammen spielenden Bunde "Aurora Musicale". Soll auch heißen: Wer glaubt, die Musiker würden nur kurz auf die Noten schauen, ein, zwei Stunden ihr Konzert geben und dafür viel Geld erhalten, der irrt. "Nein," stellen Paulina Kilarska und Katharina Krüger fest, "erstens haben wir für das Konzert in Kathrinhagen schon wochenlang gearbeitet, zweitens sollte auch nicht vergessen werden, dass wir vieleJahre studiert und gearbeitet haben." Generell, so sind sich alle einig, sei es schon ein bisschen schade, dass der Musiker heute nicht mehr den hohen gesellschaftlichen Stellenwert habe, den er einst genossen habe. Wer heute von der Musik leben wolle, der müsse durchaus kämpfen: Hier ein Ensemble, dort ein Auftritt - viele Standbeine sichern das wirtschaftliche Überleben. Und man muss gut sein, fügt Kilarska hinzu, "dann fangen die beruflichen Dinge irgendwann an, zu laufen." Alle drei Musikerinnen bevorzugen die "historische Aufführungspraxis" - die Bemühung, Alte Musik, die bis etwa 1850 entstanden ist, in einem Klangbild wiederzugeben, das dem zum Zeitpunkt ihrer Entstehung nahe kommt. Denn das Klangbild der Musikstücke hat sich über die Jahrhundert kräftig geändert. Ein Klavierkonzert von Beethoven hört sich auf einem zu seiner Zeit gebräuchlichen Cembalo gänzlich anders an als auf einem heutigen Steinway-Flügel. Denn die Instrumente wurden ständig weiterentwickelt und den technologischen Möglichkeiten angepasst. Beispielsweise hatten Barockviolinen andere Abmessungen sowie Saiten aus Tierdarm statt aus Metall oder Kunststoff. Sie wurden mit Bögen gespielt, die anders als heutige geformt waren, was sich auf die erforderliche Spielweise auswirkt und somit auch auf den Klang. Historische Instrumente waren nach heutigem Stand wesentlich obertonreicher, hatten aber geringere dynamische Möglichkeiten als die modernen Instrumente. Die "historische Aufführungspraxis" sei eine subversive Bewegung in der Klassik, die vor 30 bis 40 Jahren eingesetzt habe, erklärt Katharina Krüger: "Erst dadurch können wir uns heute vorstellen, was der Komponist damals meinte." Spannend sei es gewesen, damals imitalienischen Frühbarock, sind sich alle drei sicher: Schließlich seien manche Instrumente damals gerade erst erfunden worden, wie etwa die Geige - die Komponisten hätten, weil vieles Neuland war, viel mehr experimentiert. Und oft klang das Ergebnis recht fetzig.




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