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Experte und Buchautor Dr. Stefan Bosch erklärt die Besonderheiten des kleinen Nagetiers

Süßes Hörnchen

Bei ihnen scheint das Kindchenschema nie abgelöst zu werden: dunkle, große Kulleraugen in zuckersüßem Gesicht. Eichhörnchen fallen auch im Alter, was nur in Gefangenschaft mehr als vier bis sechs Jahre beträgt, unter die Kategorie „zum Knutschen“. Darüber hinaus weisen sie Besonderheiten auf, die eichhörnchenspezifisch sind. Dr. Stefan Bosch hat diverse Bücher über Eichhörnchen verfasst und teilt sein Wissen für unsere Mai-Serie in komprimierter Form mit uns. Das rote Eichhörnchen (Sciurus vulgaris) anhand von sechs Zitaten:

veröffentlicht am 14.05.2018 um 12:21 Uhr

Flug- und Kletterkünstler: Die scharfen Krallen des Eichhörnchens geben ihm unschlagbaren Halt an Bäumen, mithilfe des langen Schwanzes kann es mehrere Meter weit von Baum zu Baum springen. Foto: FN
Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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„Es ist ein Nadelwaldbewohner.“ Somit ist es auf die Umgebung spezialisiert – ganz anders als die berühmt berüchtigten Grauhörnchen, die den heimischen Roten in einigen Gegenden Europas den Lebensraum streitig machen. Mit seinem langen Schwanz, dem schlanken Körper und den starken Sohlenschwielen sei das rote Eichhörnchen ideal auf das Leben zwischen den Bäumen abgestimmt. Es ist ein fantastischer Kletterer, kann kopfüber einen Stamm herunterflitzen, und der Schwanz verleiht dem Eichhörnchen beste Flugeigenschaften, weil er den Körper erheblich verlängert und es so bis zu fünf Meter weit von Baum zu Baum halb springen, halb fliegen kann. Bosch vergleicht es mit einer Lanze – eine lange fliegt besser als eine kurze. Auch das Lieblingsessen wird vor allem im Nadelwald serviert: „Es braucht die Samen der Zapfen“ als Hauptnahrungsquelle, erklärt Stefan Bosch und bezeichnet den Wald fürs Eichhörnchen als „Fünf-Sterne-Habitat“. Es braucht eine gute Mischung aus verschiedenen Nadelbaumarten unterschiedlichen Alters.

Parkanlagen, in denen es auch hin und wieder zu sehen ist, seien zweite Wahl und zwar nur dann, wenn es im Wald zu eng wird, weil sich nach einem guten Zapfenjahr zu viele Verwandte auf zu engem Raum tummeln. In Hameln beispielsweise stehen die Chancen, ein Eichhörnchen zu beobachten, besonders gut auf dem Friedhof Wehl und auf dem Friedhof an der Deisterstraße, weil die Baumbestände dort dem Eichhörnchen gute Lebensbedingungen liefern.

„Völlig falsch.“ Dieses vernichtende Urteil fällt Stefan Bosch über ein Bild, das niemand geringerer als Albrecht Dürer im Jahr 1512 vom Eichhörnchen gemalt hat. Darauf nagt es – süß – an einer Haselnuss herum, die aber gar nicht zur typischen Nahrung des flinken Tieres gehöre. „Das ist zwar mal ein willkommenes Angebot, aber das Überleben hängt vom Samenzapfen ab“, stellt Bosch dar. Dennoch: Die Eichhörnchen sind Allesfresser, die auch mal Nester räubern, um Jungvögel und Eier zu fressen.

„Es hält keinen Winterschlaf.“ Eichhörnchen müssen, führt Bosch aus, jeden Tag aufstehen, um sich Nahrung zu beschaffen. Andere Quellen sprechen davon, dass sie nach mehreren Tagen Ruhe wieder auf Futtersuche gehen. Und das, wo es im Kobel, dem Bau des Eichhörnchens, so gemütlich und warm ist: Der Temperaturunterschied zwischen Kobel und Außen kann bis zu 20 Grad betragen, sagt Bosch. Zwar fahren auch die Eichhörnchen ihre Betriebsamkeit zurück, wenn sie dazu aufgrund eines sehr kalten, stürmischen Winters gezwungen sind. „Solche Winter sind ein Problem.“ Aber richtigen Winterschlaf halten sie eben nicht.

„Sein größter Feind ist der Hunger.“ Ja, Baummarder und Uhu oder Habicht können dem kleinen Tier auch nach dem Leben trachten, doch laut Bosch ist es der Hunger, der die meisten Eichhörnchen auf dem Gewissen hat. Das Frühjahr sei die kritischste Zeit, dann, wenn die Zapfenernte erschöpft ist und die Tiere auf Alternativen wie Rinde, Blüten und Sprossen zurückgreifen müssen. Zumal die Brunft bereits im Januar beginnt und die ersten Jungen im Mai geboren werden. Die Weibchen kümmern sich übrigens allein um den Nestbau und den Nachwuchs, während sich der Eichkater zuvor gut zu tun hatte, weil er sich eben um mehrere Weibchen kümmern musste…

Zufüttern, so Bosch, bringe überhaupt nichts – zumindest nicht, wenn das Ziel gleichbleibende Populationsstärke ist. Der Haken daran sei die Übertragung von Krankheiten, wenn es eine gemeinsame Futterstelle für mehrere Arten gibt. Solche Einrichtungen, die ausschließlich für Eichhörnchen zu erreichen sind, funktionieren da besser. Weil sie aber so niedlich sind, füttern Menschen sie einfach gern, was zu kuriosen Begegnungen führen kann: „Sie werden zu richtigen Wegelagerern“, sagt Bosch über futterzahme Eichhörnchen in einigen Gegenden, in denen sie auf Menschen warten, weil sie das wandernde Wesen auf zwei Beinen mit Futtergabe verknüpft haben.

„Sie legen Verstecke an.“ Das machten nicht viele Tierarten. Anders als Hamster, die mit einem einzigen Depot für schlechte Zeiten vorsorgen, setzt das Eichhörnchen auf viele kleine Verstecke. „Praktischer Nebeneffekt: Aufforstung“, denn sie finden übers Schnuppern nur einen Teil dessen wieder, was sie in bis zu 30 Zentimeter Tiefe vergraben haben. Geschlafen und geruht wird in den Kobeln – von denen sie zwei bis acht gleichzeitig nutzen. Davon dienen einige als Schlafkobel für die Nacht und als Ruhekobel für den Tag.

Eine Walnuss zu knacken, ist für das Eichhörnchen kein Problem. Foto: FN
  • Eine Walnuss zu knacken, ist für das Eichhörnchen kein Problem. Foto: FN
Eichhörnchen können im Herbst aus dem Vollen schöpfen, im Frühjahr kann das Samenangebot schon mal knapp werden. fn
  • Eichhörnchen können im Herbst aus dem Vollen schöpfen, im Frühjahr kann das Samenangebot schon mal knapp werden. fn


„Sie können ihre Schneidezähne auseinander bewegen.“ Mithilfe eines Muskels, ergänzt Bosch. Das Gebiss des Eichhörnchens zusammen mit ihren scharfen Krallen bilden das beste Besteck für die Mahlzeit Zapfensamen. Oben zwei Nagezähne, unten zwei, dahinter jeweils Lücken, bevor die Vorbacken- und die Backenzähne kommen. „Die Nagezähne schärfen sich selbst und wachsen immer wieder nach“, erklärt Bosch. Wie diese Werkzeuge eingesetzt werden – auch zum Nüssesprengen – müssten die Tiere erst lernen. Wenn sie den Trick raushaben, können sie in Windeseile einen Zapfen abnagen, der in den Pfoten gehalten und gedreht werde „wie ein Dönerspieß“, sagt Bosch. Mit den Zähnen nagen die Eichhörnchen die Zapfenschuppen ab, mit den Fingern werden die Samen ins kleine Maul geschnippt, nagen, schnippen, nagen, schnippen, … 25 bis 30 Fichtenzapfen verputzt ein Eichhörnchen auf diese Weise pro Tag.




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