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Im vergangenen Jahr haben 360 Erwachsene und 241 Kinder mehr als 2008 die Hilfseinrichtung genutzt

Tafel: Nachfrage wächst und wächst und wächst

Bückeburg (ni). Etwas stimmt nicht im Sozialstaat Deutschland. Anders lassen sich die mehr als 860 Tafeln zwischen Nordsee und Alpen – in einem der reichsten Länder der Erde – nicht erklären. Es sind durch die Bank gemeinnützige Organisationen, und sie versorgen bundesweit regelmäßig rund eine Million bedürftige Personen mit Lebensmitteln – ein Viertel davon sind Kinder und Jugendliche. Die Zahl der Tafeln wächst – nicht zuletzt seitdem die Agenda 2010 und Hartz IV vor fünf Jahren das Licht der Welt erblickten. Auch in Bückeburg gibt es seit zehn Jahren Ehrenamtliche, die sich Woche für Woche engagieren, um sozial Schwächsten unter die Arme zu greifen.

veröffentlicht am 06.04.2010 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 20:21 Uhr

Tafel-Vorsitzender Heinrich Heitmann nimmt kein Blatt vor den Mund: „Dass Tafeln in unserem Land nötig sind, spricht nicht für die Politik.“ Denn würde das Sozialsystem funktionieren, wären Tafeln und Suppenküchen überflüssig. Hier tut sich ein eklatanter Widerspruch auf: Während die Tafel-Aktivisten zu Recht an die Politiker appellieren, Armut stärker zu bekämpfen, liefern sie durch Nächstenliebe täglich den Beweis, dass das Überleben auch durch Gratis-Bürgerengagement möglich ist.

Der ehemalige Volksbankvorstand betont, dass er seine Motivation nicht daraus ziehe, einem in den vergangenen Jahren in Verruf geratenen Berufsstand angehört zu haben: „Ich mache das nicht, um als ehemaliger Banker mein Gewissen zu beruhigen“, sagt der 72-Jährige. „Ich will meine Erfahrung für die einbringen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.“

Und davon gibt es leider mehr als genug. Früher – in der Anfangszeit der Tafeln in Deutschland in den neunziger Jahren – waren vor allem Obdachlose die Kunden. Heute gibt es eine neue Armut, die vor allem Familien mit Kindern trifft. Das sind Menschen in Vollzeitbeschäftigung, deren Einkommen aber trotzdem nicht ausreicht. Das betrifft Leute mit Teilzeitjobs, allein erziehende Mütter und Angestellte im Niedriglohnsegment, die ihr Einkommen mit ALG II aufstocken müssen. Dazu Langzeitarbeitslose, Ein-Euro-Jobber, Menschen, die in Maßnahmen stecken – die komplette Hartz-IV-Palette eben. Und zu den Tafeln kommen immer mehr Senioren, die nun auf Grundsicherung angewiesen sind. Etwa 14 Prozent der Bückeburger Tafel-Kunden sind Rentner, rund 70 Prozent ALG-II-Bezieher. „Gas, Strom, Rezeptgebühren, Medikamentenzuzahlungen – vieles ist teurer geworden. Und die Kinder wachsen schnell aus allem raus“, berichtet Karin Gerstenberg, die mit Rosi Aldag, Barbara Springer und rund 40 Ehrenamtlichen die „Verwert-Bar“ am Laufen hält.

Sie erinnert sich an die Anfangszeit: „In der ersten Woche kamen acht Familien, in der zweiten waren’s schon 20.“ Heute sind es laut Heitmann’scher Statistik 912 Familien, davon 1445 Erwachsene und 991 Kinder. Vor einem Jahr waren es „nur“ 668 Familien (1085 Erwachsene, 750 Kinder). Allein in den ersten beiden Monaten dieses Jahres kamen 46 Familien (59 Erwachsene, 37 Kinder) hinzu. Tendenz steigend.

Erschreckende, wenngleich nicht verwundernde Zahlen, legt man zugrunde, was nicht erst seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts über die Mängel des Hartz-IV-Systems an die Öffentlichkeit gedrungen ist. Doch Heitmann – ganz kühler Rechner mit heißem Herz – sieht brachliegendes „Potenzial“: „Wenn ich von offiziellen vier Prozent Armut in Deutschland ausgehe, wären das auf Bückeburg heruntergerechnet rund 800 Familien.“ Da aber aus Bückeburg nur rund 40 Prozent der Tafel-Nutzer stammen, „muss es hier noch mindestens 400 Familien geben, die in Armut leben, für die aber die Hemmschwelle noch zu groß ist, zu uns zu kommen“. Auch denen möchte die Tafel-Crew helfen, „weil es leider heutzutage nötig ist“, wie Gerstenberg unmissverständlich sagt. Die Differenz zwischen denen, die genug, und denen, die zu wenig haben, werde immer größer.

Richtig läuft allerdings alles in der Bückeburger „Verwert-Bar“. Heitmann hat seine zahlreichen Kontakte genutzt, die er nicht zuletzt seiner Karriere verdankt. Die Ausstattung dieser Tafel ist überdurchschnittlich gut: großzügige Räumlichkeiten, hochwertig Ausstattung, zwei Kühlfahrzeuge, Kühlräume – dazu erstklassige Verbindungen zum Einzelhandel und produzierenden Gewerbe in Bückeburg und im Umfeld. Zudem stehen regelmäßige Fahrten nach Verden, Melle, Salzgitter, Gütersloh und Rehburg an, wo immer wieder große Waren-Spenden abgeholt werden. „Wir haben alles, was wir brauchen, können sogar andere Tafeln zum Teil mitversorgen“, sagt Gerstenberg. Mit rund zehn Tafeln stehe man im Kontakt, mit denen man auch tausche – Fleisch gegen Milchprodukte, Gemüse gegen Konserven.

Gegen eine kleine Anerkennungsgebühr, die nicht zuletzt zur Deckung der Betriebskosten dient, dürfen sich die Kunden mit dem Nötigsten und ein bisschen mehr eindecken. „Die Menschen sollen nicht das Gefühl haben, als Bettler zu kommen“, erklärt Heitmann die Notwendigkeit, einen kleinen finanziellen Obolus zu erbitten.

Gerstenberg, die auch den DRK-Ortsverband leitet, ist die Mutter der Kompanie und täglich von morgens bis abends da. „Es gibt einfach viel zu tun, schließlich kriegen wir jeden Tag Ware. Die muss kontrolliert, sortiert, portioniert und hygienisch verpackt werden.“ Und die vielen Helfer machen einen super Job. „Keiner beschwert sich, obwohl es wirklich reichlich zu tun gibt – das ist eine Harmonie“, gerät Heitmann förmlich ins Schwärmen. Das überträgt sich auch auf die Kundschaft. Rund 200 Menschen kommen im Schnitt täglich an die Dammstraße. Am Mittwoch vor Ostern waren es sogar 371, am Ostermontag 248. „Der Standort ist ein Vorteil, weil er abgelegen ist. Da werden sie nicht so gesehen.“ Der Schamfaktor. Dennoch ist die Einrichtung für viele zum sozialen Treff geworden – einige kommen Stunden vor der Warenausgabe, um zu schnacken.

Überhaupt gibt’s für jeden ein gutes Wort. „Höflichkeit ist Pflicht, genauso wie die persönliche Anrede“, sagt Heitmann, der bei der Tafel auch seine strategischen, kaufmännischen und logistischen Qualitäten einbringt. „Ohne die geht’s nicht.“ Er erinnert sich noch an die Startphase. „Außer keine Ahnung hatten wir gar nichts.“ Passend war dann auch das „Startkapital“: „Unsere erste Ware war Diebesgut.“ Er selbst ist zu dem Vorstandsposten wie die berühmte Jungfrau zum Kinde gekommen. „Ich bin, ohne dass man mich gefragt hatte, in Abwesenheit gewählt worden“, erinnert er sich.

Schmunzeln kann er jedoch nicht über die Tatsache, dass die Politik offenbar stillschweigend einen Teil der Verantwortung und der Pflichten des Sozialstaates auf ehrenamtliches Bürgerengagement und Einrichtungen wie die Tafel abschiebt: „Die Arbeit macht riesigen Spaß“, sagt er – und es ist zu spüren, dass er stolz ist auf das, was das Tafel-Team leistet. „Aber eigentlich kann das nicht die Lösung sein.“




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