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Was Arztpraxis vergessen hat zu sagen: Im "Check-up" für 35-Jährige noch keine Kassenleistung

Test für Krebsfrüherkennung zahlt Patient

Rinteln (ur). Zum Prinzip der gesetzlichen Krankenversicherung gehörte über lange Zeit, dass neben der Behandlung auch sämtliche Kosten im Vorsorgebereich und für die Diagnose mit dem einkommensabhängigen Mitgliedsbeitrag abgegolten waren. Mit dem Sparziel der Kostendämpfung jedoch wurden immer mehr Beteiligungen vom Patienten erhoben - beginnend von den Zuzahlungen bei Medikamenten bis hin zur Quartalsgebühr und wachsenden Eigenanteilen für bestimmte Leistungen.

veröffentlicht am 10.07.2008 um 00:00 Uhr

Andererseits werden bestimmte Programme im Vorsorgebereich seitens der Krankenkassen propagiert und dabei die vollständige Kostenübernahme zugesichert - so etwa beim "Check-up 35". Dabei geht es darum, das Risiko für bestimmte Erkrankungen durch umfassende Untersuchungen frühzeitig zu erkennen, um rechtzeitig die Therapiemöglichkeiten zu nutzen - insgesamt ein Beitrag zur Kostendämpfung, weshalb diese Untersuchungen für den Patienten nicht nur kostenfrei sind, sondern auch ohne Zahlung der Praxisgebühr vorgenommen werden. Gesundheits- und kostenbewusst zugleich tat der 46-jährige Industriemechaniker Thomas Illner aus Rinteln genau das, was so eifrig propagiert wird - und ließ bei seinem Hausarzt Dr. Willi Müller eine solche Untersuchung vornehmen, wobei ihm geraten wurde, dabei auch gleich die PSA-Werte untersuchen zu lassen, die frühzeitig Hinweise auf einige Krebsarten ermöglichen. Die Untersuchungen wurden abgeschlossen - zum Glück ohne dramatische Befunde. Was aber nach Aussage von Illner weder die Praxismitarbeiterin noch der Hausarzt mitgeteilt hatten, war die Tatsache, dass die PSA-Untersuchung nur für 50-Jährige kostenlos angeboten wird, ansonsten aber der erforderliche Labortest mit rund 25 Euro dem Untersuchten in Rechnung gestellt wird. "Ich hielt es daher für ein Versehen, als mir das Hamburger Labor im Juni dafür eine Rechnung schickte und habe mich mit der Bitte um Aufklärung an die Praxis gewandt und die Rechnung in Kopie dort gelassen, weil mein behandelnder Arzt nicht da war", schildert Illner. Zugleich habe er dort in Anwesenheit seiner Frauhinterlassen, dass er bis Anfang Juli in Urlaub sei und dann zur weiteren Klärung vorbeikommen wolle: "Ich sah schließlich nicht ein, dass ich für Kosten aufkomme, die durch einen Informationsfehler in der Praxis für mich entstehen." Noch während seines Urlaubs erhielt der Pflichtversicherte ein Schreiben seines Hausarztes, bei dem er seit zehn Jahren in Behandlung ist. Darin heißt es im Wortlaut: "Leider haben wir vergessen, Sie die entsprechende Einverständniserklärung unterschreiben zu lassen, sodass wir juristisch verpflichtet sind, für die Kosten aufzukommen. Da es aber nicht sein kann, dass wir für die Betreuung unserer Patienten auch noch bezahlen müssen, sind wir nicht bereit, Sie weiterhin hausärztlich zu betreuen und dürfen Sie bitten, sich einen neuen Hausarzt zu suchen." Ein "Rausschmiss", der den Kassenpatienten auf die Palme bringt: "Der Fehler ist doch in der Praxis entstanden!" Weshalb er inzwischen auch einen Beschwerdebrief an die Kassenärztliche Vereinigung in Hannover geschrieben hat und eine Maßregelung dieses Verhaltens verlangt: "Wenn das heute gängig ist, wird man als Kassenpatient wie der letzte Dreck behandelt." Er habe diese Kritik auch an seine Krankenkasse weitergeleitet. Dr. Müller sagte auf unsere Anfrage dazu: "Die PSA-Diagnose ist grundsätzlich geboten, wenn man bei männlichen Patienten verantwortlich auf Krebs untersuchen will - leider ist dieser Test bis heute nicht im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen enthalten. Seit Jahren machen wir unsere Patienten aber darauf aufmerksam, dass diese Untersuchung trotzdem sinnvoll, wenn auch kostenpflichtig ist." Er gehe davon aus, dass dies auch im vorliegenden Fall durch sein Personal geschehen sei. Leider habe die Mitarbeiterin versäumt, sich das bestätigen zu lassen. "Wenn der Patient daraus schlussfolgert, nicht zu zahlen, dann bin ich zunächst in der juristischen Pflicht. Aber so wie sich jeder Patient angesichts der eher überversorgten Situation in Rinteln seinen Hausarzt aussuchen kann, wird man auch mir nicht abverlangen können, trotz des gestörten Vertrauensverhältnisses an der dauerhaften Behandlung dieses Patienten festzuhalten." Keineswegs verweigere er eine akut gebotene Behandlung: "Es handelt sich um die Empfehlung an den Patienten, er möge sich einen neuen Hausarzt seines Vertrauens suchen."




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