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Magazin "Tempo" führt 100 Promis aufs rechte Glatteis / Fürst erkennt die Falle - und wird gelobt

"Unser Held im Kampf für kritische Gesinnung"

Bückeburg. Wer lässt sich schon gerne ins Bockshorn jagen? Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe jedenfalls nicht. Schon gar nicht ins Rechte. So blieb er jetzt davor bewahrt, in eine Falle zu tappen, die das einstige Zeitgeistmagazin "Tempo" für bundesrepublikanische - mit der Betonung auf "republikanisch" - Promis aufgestellt hatte. In bester "Titanic"-Manier hatten die Macher der Tempo-Jubiläumsausgabe sich gegenüber 100 bekannten Menschen als "Deutsche Nationalakademie" ausgegeben und ihnen die Ehrendoktorwürde angetragen.

veröffentlicht am 16.12.2006 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:15 Uhr

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Bereits Mitte Oktober hatte besagte Akademie dem Schlossherrn ("Sehr geehrter Herr Fürst ...") einen Brief geschrieben: "Betr.: Verleihung der Ehrendoktorwürde". Auf zwei Seiten erläuterte ein gewisser Prof. Dr. Wendelin Däubler dem Adressaten zunächst einmal, welcher Einrichtung er da als Präsident vorstehe: 2001 gegründet, seither 500 Studenten aufgenommen, 2005 die ersten 80 graduiert, 2006 90 weitere. Höchste Zeit, bei der Graduierung 2007"eine Neuerung" vorzunehmen: Ehrendoktortitel für "ausgewählte Persönlichkeiten des geistigen Lebens in diesem Land". Etwas später folgt - der Angeschriebene soll ja eine Vorstellung bekommen, wie der Personenkreis des "geistigen Lebens" aussieht - eine kurze Namensliste: Siemens-Aufsichtsrat Heinrich von Pierer, Peter "schönen Abend noch" Hahne, Wagner-Urenkelin Katharina Wagner, der vor der letzten Bundestagswahl überraschend schnell von der Bildfläche verschwundene Merkel-Überraschungskandidat Paul Kirchhoff sowie Bambipreisträger und Autovermieter Erich Sixt. Eine Winzig-Akademie, die ihre Ehrentitel feilbietet wie Sauerbier? Allein das Namedropping weckt Verdacht. Erhärten wird dieser sich für denjenigen, der im Internet nach Spuren von Prof. Dr. Wendelin Däubler (Erster Präsident und Rektor), Dr. Brigitte von Walser (Stellvertretende Präsidentin), Prof. Sabine Weser (Wissenschaftlicher Beirat) sowie Dr. Gerald Westfalen (Sprecher des Kollegiums) sucht - er findet nichts als gähnende Leere. Einzelne Formulierungen des Akademie-Schreibens finden sich dagegen schon im weltweiten Netz wieder, wie Fürst Alexander auch mit wenigen Mausklicks herausfindet. Fast wörtlich aus Adolf Hitlers "Mein Kampf" abgeschrieben haben die vermeintlichen Akademie-Obristen für die Leitlinien ihrer angeblichen Bildungseinrichtung etwa diese Passage: "Eine Weltanschauung, die bestrebt ist, unter Ablehnung des demokratischen Massengedankens, dem besten Volk die Erde zu geben, muss auch innerhalb dieses Volkes wieder dem gleichen aristokratischen Prinzip gehorchen und den besten Köpfen die Führung und den höchsten Einfluss im betreffenden Volk sichern. Damit baut die Deutsche Nationalakademie nicht auf dem Gedanken der Majorität, sondern auf dem der Persönlichkeit auf." In einer E-Mail an die Absender des Schreibens und an die Betreiber der Akademie-Internetseite spottet Alexander zu Schaumburg-Lippe zunächst: "Kommt Ihnen das ... Zitat bekannt vor? Naaa? Wenn Sie mir die Fundstelle nennen können, bekommen Sie einen kleinen Preis von mir." Anschließend wendet er sich an Wendelin Däubler, der ihm von Anfang an ein windiger Wendelin zu sein schien: "Sie haben in Ihrem Schreiben die Grundsätze Ihrer Institution in erfreulich klarer Weise niedergelegt. Während ich Ihre Überzeugungen respektiere, sehe ich mich jedoch weitgehend außerstande, sie mit meiner eigenen politischen Grundhaltung in Einklang zu bringen. Die Ehrendoktorwürde der Nationalakademie zu akzeptieren, wäre von daher ausmeiner Sicht ein Akt mangelnder politischer Aufrichtigkeit. Deshalb bitte ich Sie dafür um Verständnis, dass ich die Auszeichnung ablehnen möchte." Einige Telefonate später ist auch die Urheberschaft der Aktion geklärt. Die Nationalakademie-Führer geben sich als Tempo-Macher zu erkennen und bitten eindringlich darum, ihre Aktion nicht platzen zu lassen - die Promi-Befragung dauere noch. Nicht nur Fürst Alexander erfüllt die Bitte, sondern auch die Landes-Zeitung, die seit Mitte Oktober von der Umfrage wusste. Als die Tempo-Ausgabe am 8. Dezember erscheint, lacht die halbe Republik: Dieter Bohlen wäre gerne Ehrendoktor geworden, Markus Wasmeier auch, und Gotthilf Fischer, Udo Jürgens, Reinhold Messner und Fritz Wepper sowieso - insgesamt 14 Promis tappten in die Falle. Die andere Hälfte des Landes lacht nicht: Unter den 86 Absagen "gab es viele, denen nur die Gelegenheit einer ,Ehrendoktorwürde' nicht ganz zupass kam - und weniger der rechte Ton", analysiert der "Spiegel" das peinliche Ergebnis der Tempo-Aktion. Nachklang: "Dann kam die erste Warnung: Die Aktion drohte aufzufliegen", wird Fürst Alexander von den Blattmachern gewissermaßen "geadelt": Eine politisch begründete Ablehnung war den Autoren bis dahin noch nicht in die Schreibstube gekommen. Tempos Fazit: "So wurde, ausgerechnet, ein adliger Schlossherr zu unserem ersten Held im Kampf für die kritische Gesinnung."

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