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Hannelore Sengespeik ist in ihrem Leben noch nie verreist

Urlaub? Kein Interesse

FISCHBECK. „Warum soll ich in den Urlaub fahren, wenn ich so ein schönes Zuhause habe“: Hannelore Sengespeik lebt in Fischbeck. Und zwar gerne. Deshalb muss die 67-Jährige das Dorf auch nicht verlassen. Auch nicht zur Erholung. „Als die Kinder klein waren, reichte das Geld nicht“, doch auch später hatten Reisen keinen Reiz für sie. Wenn sie heute mal raus will, dann fährt sie ans Steinhuder Meer, besucht den Süntelturm oder das Stift Fischbeck mit seinen Gärten und dem Café. Hannelore Sengespeik ist in ihrem Leben noch nie verreist.

veröffentlicht am 14.05.2019 um 14:38 Uhr

Fischbeck mit seiner Stiftskirche: Für Hannelore Sengespeik und das Ehepaar Schrandt ist der Ort Heimat. Foto: Wal
Kerstin Hasewinkel

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Kerstin Hasewinkel Stv. Redaktionsleiterin zur Autorenseite
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Dass jemand gar nicht in den Urlaub fährt und dafür weder monetäre noch andere Gründe ausschlaggebend sind, ist ungewöhnlich. Was die Reiselust angeht, herrscht in unserer Gesellschaft durchaus sozialer Druck. In unserer mobilen Welt scheint kein Ziel zu fern oder exotisch zu sein. Schließlich bleiben die Deutschen an der Spitze der Reiseweltmeister, selbst wenn China uns mittlerweile auch hier überholt hat. Die Sehnsucht der Bundesbürger nach Erholung fern der Heimat ist ungebrochen.

Allein die Suche nach einem Weserbergländer, der die Region aus reiner Heimatliebe (und eben nicht aus finanziellen Gründen) selten oder gar nie verlässt, im Zuge der Recherche für diesen Artikel belegt: Die meisten Menschen verreisen heute einmal oder mehrfach im Jahr, egal, ob mit dem Flugzeug, dem eigenen Auto oder Campingmobil, mit dem Fahrrad oder auch mit Wanderschuhen im Gepäck. Was für die meisten heute eine Selbstverständlichkeit ist – Hannelore Sengespeik hat all das nie vermisst. Die Fischbeckerin, die im Catering tätig ist, sagt vielmehr: „Es würde mir ums Geld leidtun.“ Aus erster Ehe – ihr erster Mann ist verstorben – hat Hannelore Sengespeik fünf Kinder.

Einer, der vor allem den Tourismusboom eher kritisch betrachtet, ist der Psychotherapeut Dr. Ullrich Händchen. Als er in den Ruhestand gegangen sei, habe man ihm gesagt: „Dann werdet ihr ja jetzt viel reisen.“ Doch der Aerzener hält es wie die Fischbeckerin und entdeckt lieber die Heimat. „Wir sind noch nie viel verreist und werden es auch jetzt nicht tun.“

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Die wenigsten Deutschen, beobachtet auch Händchen, kennen ihr Heimatland. Früher sei man gereist, um seinen Horizont zu erweitern – heute sei immer öfter zu beobachten, dass die Menschen im Urlaubsland ausgerechnet das wiederfinden wollen, was sie eigentlich zuhause haben. Sich beschweren, dass dort kein Deutsch gesprochen wird oder es vor Ort bestimmte Essensangebote nicht gibt. „Oder meckern, dass es im Hotel so viele Engländer oder Russen gibt, statt sich darauf einzulassen, mal einen kennenzulernen“, so Händchen, der es auf den Punkt bringt: „Man will die gute Heimat im Ausland wiederfinden.“

Nicht so Hannelore Sengespeik. „Ich brauche nicht in den Süden zu fahren“, sagt die Fischbeckerin, die ursprünglich aus Düsseldorf kommt. Niedersachsen sei ihre zweite Heimat geworden, nachdem sie ihren zweiten Mann kennengelernt hatte und mit ihm 1994 umgezogen sei, zunächst in Deckbergen und in Bensen gewohnt hatte. „In Fischbeck habe ich alles, was ich brauche“; doch es ist nicht nur das Angebot mit Metzger, Bäcker und anderen Geschäften vor Ort, das ihre Heimatliebe begründet. Es sind auch die Landschaft und die Leute, die sie schätzen gelernt hat und sich wohlfühlen lässt: „Fischbeck ist meine Heimat.“

Dick unterstreichen kann das auch Werner Schrandt (77), Ehrenvorsitzender des Heimatvereins. „Fischbeck ist für mich Heimat geworden“, sagt der pensionierte Kriminalbeamte. Für ihn ist vor allem die Stiftskirche etwas Besonderes. Schrandt war bereits mit 32 Jahren Chef der Mordkommission in Hannover, wo Schrandt mit seiner Frau zunächst auch lebte; doch Hannelore (heute 69) hatte ständiges Heimweh. Sie war in Fischbeck seit ihren Kindertagen zuhause. Bei einem Besuch ihrer Eltern im Sommer 1981 „verliebte“ sich Schrandt quasi in den Ort: „Mir fielen die himmlische Ruhe, die wunderbare Natur, die herrliche Grundstückslage, der freie Blick und die außergewöhnlich gute dörfliche Infrastruktur auf. Während der Rückfahrt sagte ich Hannelore, dass wir gerne nach Fischbeck ziehen können.“ Seine Frau war überglücklich, die Bauplanungen für das eigene Heim konnten beginnen. Schrandt: „Das war sicherlich die beste Entscheidung meines Lebens. Ich bin angekommen, fühle mich sehr wohl, bin integriert.“ Integriert hat er sich vor allem durch sein großes Engagement für die Heimat, das Weserbergland: Schrandt ist Mitbegründer des Polizeichors Hameln, war sozial engagiert unter anderem im Schulelternrat der Handelslehranstalt und bei den Pfadfindern und hat ungezählte Aktionen für den Heimatverein und in der Dorfgemeinschaft initiiert. Bei der 65-Jahr-Feier des Heimatvereins in der kommenden Woche wird er zum ersten Ehrenvorsitzenden ernannt.




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