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Schmerztherapeut Hans-Günter Nobis erklärt das Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele

Ursache der Schmerzen meist nicht sichtbar

Bückeburg (bus). „Glück ist die Abwesenheit von Schmerz“, hat der Dichter und Philosoph Lukrez bereits vor mehr als 2000 Jahren gewusst. Ein Glück, das nicht allen Menschen beschieden ist. Untersuchungen des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ zufolge leiden in Deutschland etwa zehn Millionen Personen unter behandlungsbedürftigen Schmerzen. Hintergründe dieser Thematik hat jetzt Hans-Günter Nobis von den Median-Kliniken Bad Salzuflen in der Begegnungsstätte erläutert.

veröffentlicht am 19.10.2010 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 18:41 Uhr

Der leitende Psychologe der Abteilung „Orthopädische Psychosomatik“ referierte während der gut besuchten Veranstaltung über „Schmerzen verstehen und gezielter behandeln“. Dabei wurde schnell deutlich, dass, wie bei zahlreichen gesundheitlichen Fragestellungen, die Problematik mit simplen Methoden kaum zu bewältigen ist. „Auch beim Schmerz müssen wir das Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele berücksichtigen“, führte der Experte aus. 80 Prozent aller Schmerzen hätten keine sichtbaren Ursachen. Falls man die Hintergründe nicht kenne, könne es zu einer Verkümmerung der Seele kommen.

Nobis führte als Beispiel chronische Rückenschmerzen an, die in der Bundesrepublik den häufigsten Grund für eine vorzeitige Berentung bilden und oft Anlass für Rehabilitationsmaßnahmen sind. Da der akute Schmerz in den meisten Fällen nach kurzer Zeit zurückgeht, muss sich die Aufmerksamkeit des Arztes auf die frühzeitige Erkennung von Patienten richten, die ein hohes Risiko für chronische Schmerzen aufweisen. Nebenbei: Nach vorsichtigen Schätzungen verursachen Rückenschmerzen in Deutschland Kosten von etwa 25 Milliarden Euro pro Jahr.

Langzeitstudien zeigen, dass an der Chronifizierung vielfältige Faktoren beteiligt sind. Bio-medizinische, psychologische und soziale Aspekte müssen gleichermaßen berücksichtigt werden. Mehr als 80 Prozent der Patienten, die chronische Schmerzen entwickelten und nicht mehr an den Arbeitsplatz zurückkehrten, waren Menschen mit einer depressiven Stimmungslage, permanenten Alltagsbelastungen in Beruf und Familie sowie ungünstigen Formen der Schmerzbewältigung.

Nobis: Chronisch Schmerzkranke sind zu fast allem bereit, um von ihrem Schmerz befreit zu werden. Sie laufen von Arzt zu Arzt, lassen sich von jedem aufs Neue „auf den Kopf stellen“, probieren auch nebenwirkungsreiche Medikamente bereitwillig aus, unterziehen sich sogar operativen Eingriffen – und werden meist enttäuscht. Doch Schmerztherapie ist mühsam und langwierig. Schon die Suche nach den Ursachen ist oft ein mühevoller Weg. Für Kopf- oder Rückenschmerzen können fast 80 unterschiedliche Gründe ursächlich verantwortlich sein.

Für die Schmerzbehandlung stellte der Spezialist eine zunehmende Abkehr von klassischen Schmerzmitteln in Aussicht. Im Zeitalter ganzheitlicher, interdisziplinärer und multimodaler Behandlungen kommt Entspannungsübungen, Schmerzbewältigungsstrategien, Stressbewältigungsverfahren, physikalischen und manuellen Therapiemethoden sowie der Psychotherapie eine wachsende Bedeutung zu. Mit dem Schmerz zu leben und nicht gegen ihn, ist eines der Ziele moderner Schmerztherapie. Was jedoch nicht bedeutet, dass der Patient dazu verdammt ist, resigniert zu ertragen, was sich nicht mehr zu ändern scheint. Vielmehr muss eine Antwort auf die Frage gefunden werden, weshalb gerade dieser Mensch in dieser Zeit und in dieser Umgebung an diesen Schmerzen leidet. Bei dieser Suche benötigt der Schmerzkranke den speziell ausgebildeten Arzt und Psychologen.




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