weather-image
15°
×

Vor Gericht: 57-Jähriger paranoid?

Vater getötet: Messerstecher hält sich für Jesus

Bückeburg (ly). Religiöser Wahn könnte das Motiv eines Bückeburgers gewesen sein, der seinen Vater (81) mit 55 Messerstichen getötet haben soll. Wie der 57-Jährige gestern zum Prozessauftakt vor dem Schwurgericht erklärte, habe er das Opfer für „Satans Sohn“ gehalten, sich selbst für „von Gott auserwählt“.

veröffentlicht am 27.11.2010 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 12:41 Uhr

Als zwei Polizisten am Morgen des 11. Juni an der Tür klingeln, öffnet ein netter Herr, der vollkommen ruhig wirkt. Kurz zuvor hat eine Frau auf der Wache angerufen und berichtet, ihr Nachbar habe seinem Vater nach eigenem Bekunden die Kehle durchschnitten.

In der Küche des Hauses an der Jetenburger Straße sitzen die Mutter (77) und ein Besucher, nichts deutet auf eine Bluttat hin. Als die Beamten nach dem Vater fragen, beschreibt der Verdächtige ihnen den Weg zum Schlafzimmer. Dort liegt der Tote blutüberströmt im Bett, Stiche haben die Halsschlagader zerfetzt. Den mutmaßlichen Täter nennt ein Notarzt „völlig emotionslos“.

Das trifft es nicht ganz, denn nachdem die Polizisten aus dem Schlafzimmer zurückgekehrt sind, kippt das Gespräch. Plötzlich redet der 57-Jährige nur noch wirres Zeug. Er behauptet, das Ziel von Mordanschlägen zu sein, stellt sich als „Jesus Christus“ vor und nennt die Tat „Notwehr“, so ein Beamter als Zeuge im Prozess. „Er gab seinem Vater an allem die Schuld.“

Unter normalen Umständen würde das Verbrechen als Totschlag eingestuft. Bestraft werden kann der Bückeburger jedoch voraussichtlich nicht, denn er gilt als unzurechnungsfähig. In einem Sicherungsverfahren geht es daher von vornherein um die Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie. Staatsanwältin Annjet Steckhan sieht in dem 57-Jährigen, der offenbar an paranoider Schizophrenie leidet, eine Gefahr für die Allgemeinheit.

Eigenen Angaben zufolge bekommt der Bückeburger seit 20 Jahren Medikamente und war mehrfach in Krankenhäusern. Am Abend vor dem Blutbad soll er sich selbst entlassen haben. Seit seiner Festnahme lebt der psychisch Kranke auf Anordnung des Amtsgerichts in einer Klinik.

Vor Gericht macht der freundliche Mann, der damals wieder bei seinen Eltern wohnte, zunächst ebenfalls einen normalen Eindruck, jedenfalls für Laien. Dann jedoch fängt er an zu erzählen. Bei seinem früheren Arbeitgeber, einem großen Bückeburger Unternehmen, will er „einen Firmenskandal aufgedeckt“ haben. „Niemand hat mir geglaubt.“

Zeitweise hatte der heute 57-Jährige „das Gefühl, vergast zu werden“. Außerdem glaubte er, geklont zu sein. In seiner Mutter sah er die Jungfrau Maria. Zum Vater will das Einzelkind kein so gutes Verhältnis gehabt haben: „Aber er hat auch viel Gutes getan. Ich beziehe ihn in meine Gebete mit ein. Die Straftat tut mir wirklich leid.“

Der Prozess wird am Donnerstag um 9 Uhr fortgesetzt.




Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige