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Viele Schüler brauchen seelische Erste Hilfe

Die Aufgabe ist groß. Eigentlich zu groß für eine Frau alleine. Kirsten Brüchner soll sich um 83 Schulen kümmern. Das heißt um das seelische Wohl von 31 500 Schülern und 2000 Lehrern. Andere Menschen würden vielleicht gleich aufgeben. Aber die 33-Jährige lässt sich davon nicht schrecken. Ruhe ist ihr Kapital. Ohne Gelassenheit geht es nicht, wenn in einem Flächenland wie Niedersachsen derzeit nur 38 Schulpsychologen diese Aufgabe allein stemmen müssen. Früher waren es einmal 89.

veröffentlicht am 23.03.2010 um 10:13 Uhr

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Nach Amokläufen wie Winnenden, Emsdetten oder Erfurt richtet sich die öffentliche Aufmerksamkeit immer wieder besonders auf Schulpsychologen. Aber auch im normalen Alltag gibt es für sie genug Arbeit. Scheidungskinder, Patchworkfamilien, Komasaufen, Drogensucht, Mobbing, Essprobleme, Schulversagen, Suizidgefahr – Experten fallen viele Probleme ein, wenn sie an Jugendliche denken. Rund 20 Prozent der Schüler weisen psychische Auffälligkeiten auf, schätzen Experten. In Niedersachsen wären das rund 8000 Schüler.

Doch auch bei Lehrern häufen sich seelische Nöte. Oft fühlen sich schon junge Pädagogen überlastet, ausgebrannt, manche flüchten in Krankheit oder in die innere Migration. Und allen sollen Schulpsychologen helfen.

In Deutschland ist Niedersachsen Schlusslicht. Selbst in Albanien und auf Zypern sind mehr Schulpsychologen beschäftigt als in Niedersachsen. Ob Northeim oder das Emsland – es gibt Landkreise, die haben schon seit Jahren keinen Therapeuten mehr. „Beschämend ist das“, sagt der Bielefelder Professor Rainer Dollase, der jüngst eine Studie für die der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) nahestehende Max-Träger-Stiftung erstellt hat. „Der Berufsstand ist bis zur Unkenntlichkeit zusammengeschrumpft.“

Nötig wären 250 Schulpsychologen landesweit, meint Dollase. Seine Forderung: „Sofort 20 Kräfte neu einstellen.“ Den ohnehin schon oft überforderten Lehrern fehle ein vernetztes Unterstützungssystem von Sozialpädagogen und Psychologen. Nach internationalen Empfehlungen sollte sich ein Psychologe um nicht mehr als 5000 Schüler kümmern müssen.

Bei Kirsten Brüchner sind es sechsmal so viele. Aber wer hat schon Zeit, über theoretische Empfehlungen zu grübeln, wenn akute Hilfe gefragt ist? „Schulpsychologie ist letztendlich für Schüler da“, sagt die junge Frau an ihrem Schreibtisch in Syke im Kreis Diepholz. Allerdings nehme die Beratung des „Systems Schule“ immer größeren Raum ein angesichts der zahlreichen Reformen. Doch auch für Einzelfälle nimmt sich die 33-Jährige Zeit. Zeit, die sie eigentlich gar nicht hat.

„Es ist viel, man muss Prioritäten setzen und sich fragen, was muss ich unbedingt erledigen, und wo können andere helfen?“, sagt auch ihr Kollege Bernd Deseniß aus Stadthagen.

Helfen können beispielsweise zunächst Beratungslehrer, wenn Schüler Sorgen haben. Das sind Pädagogen, die von den Schulpsychologen über zwei Jahre eigens ausgebildet werden. „Die Lehrerhaltung ist eine grundsätzlich andere als die Beratungshaltung“, sagt Deseniß. Lehrer bewerten, haben ein konkretes Ziel vor Augen. Berater bieten durch ihre Fragen eine Projektionsfläche für den Ratsuchenden, der sich mitteilen kann. Das Ergebnis ist offen. „Man weiß nie, was kommt, und darauf muss man sich einlassen.“

An knapp 40 Prozent der Schulen gibt es derzeit Beratungslehrer. 80 Pädagogen durchlaufen jährlich die Ausbildung. Mehr schaffen die acht Psychologen, die dies neben ihrer Arbeit auch noch machen, nicht. „Leider“, sagt Deseniß bedauernd. „Wir würden gern mehr ausbilden.“

Allein um die Löcher zu stopfen, die durch Pensionierungen entstehen, wären doppelt so viele nötig, sagt Jörg Lagemann, Vorsitzender des Landesverbandes der Beratungslehrer.

Auch an der Schule, die Kirsten Brüchner an diesem Vormittag besucht, sind die beiden Beratungslehrer schon älter als 50 Jahre. Und beide sorgen sich um ihre Nachfolge. Im Gespräch mit den Pädagogen wird aber auch deutlich, wie wichtig die Psychologin als Rückendeckung für ihre Tätigkeit ist.

Als Brüchner mit einem Jungen spricht, der vor einigen Monaten in seiner Klasse noch gemobbt wurde und sich als Außenseiter fühlte, ist ein Beratungslehrer dabei. Als stiller Zuhörer. Die Gesprächsführung überlässt er der Psychologin. Der Zwölfjährige wippt auf seinem Stuhl hin und her. Noch vor Kurzem wollte keiner neben ihm sitzen, die anderen Kinder ignorierten ihn. Jetzt beantwortet er die vorsichtigen Fragen Brüchners erst ein wenig schüchtern und stockend, dann immer selbstsicherer. „Mir geht es besser“, sagt der Sechstklässler, „ich habe Freunde gefunden.“ Auch ein Mitschüler, der ihn früher gepiesackt habe, gehöre mittlerweile dazu. „Das klingt doch gut“, sagt Brüchner. Der Junge nickt. Mehr Worte sind nicht nötig.

Die Probleme der Schüler sind vielfältig. Mal geht es um Mobbing, Liebeskummer, Computerspielsucht, Gewalt oder Zukunftsangst, mal um schlechte Schulleistungen, Stress mit dem Lehrer oder Ärger mit den Eltern. „Fünft- und Sechstklässler müssen oft noch ihre Rolle in der Klasse finden“, sagt Brüchner, „bei Oberstufenschülern geht es eher um Leistungsdruck und den Übergang ins Berufsleben.“ An kleinen Grundschulen ist ihr Rat genauso gefragt wie an Schulen mit mehr als 1000 Kindern. Und immer häufiger erzählen auch überlastete Lehrer oder Schulleiter von ihren Problemen.

Viele Sorgen für zwei Schultern. Wer ein Beratungsgespräch will, muss mitunter ein halbes Jahr Wartezeit einplanen. Der Landkreis ist groß, Tagesstrecken von 50, 60 Kilometern sind keine Seltenheit. Kirsten Brüchner vergisst ihre Schützlinge nicht. Sie kommt wieder, fragt nach und freut sich, wenn sie helfen konnte, wie in dem Fall mit dem Zwölfjährigen, der Freunde gefunden hat und sich in der Klasse wieder wohlfühlt. Im Schulgesetz heißt es: „Schulpsychologische Beratung befasst sich mit Problemen, die in der Schule beziehungsweise für den Einzelnen im Zusammenhang mit der Schule auftreten. Es geht um Hilfestellungen zur allgemeinen Verbesserung der Unterrichts- und Erziehungsbedingungen, zur Vermeidung von Lern- und Verhaltensproblemen oder um gezielte Hilfe bei Fehlentwicklungen.“

In Extremsituationen, nach Gewalttaten oder den zahlreichen Missbrauchsfällen an Schulen, die jetzt ans Licht kommen, wird der Ruf nach Psychologen besonders laut. Der professionelle Blick von außen, das Ohr, das zuhört ohne zu bewerten, ist nach Ansicht von Wissenschaftler Prof. Dollase aber eigentlich immer gefragt: „Man kann noch so viel Prävention, Projekte und Programme machen, Probleme wird es immer geben, so wie es Aufgaben für Feuerwehr, Polizei und Ärzte an Schulen gibt, werden auch immer Psychologen gebraucht.“

Ein Psychologe sollte sich nicht um mehr als vier Schulen kümmern müssen, rät der Wissenschaftler, auch wenn er weiß, dass die Realität ganz anders aussieht. Immerhin plant das Kultusministerium jetzt im Zuge der Reform der Landesschulbehörde, die Zahl der Schulpsychologen aufzustocken – zunächst auf 73. „Ein Anfang“, sagt Deseniß.

Kirsten Brüchner beim Gespräch auf dem Schulhof.

Mehr als 30 000 Kinder und Jugendliche gehen in ihrem Bereich zur Schule.

Nach Amokläufen oder Fällen von Missbrauch ruft die Politik nach ihnen: den Schulpsychologen. Dennoch ist deren Zahl in Niedersachsen in den vergangenen Jahren deutlich geschrumpft. Dabei gibt es für Schulpsychologen eigentlich reichlich Arbeit …




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