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In der umgebauten Zehntscheune werden künftig die kulturellen Schätze des Landkreises gelagert

Vom Notauffanglager zum Basismagazin

Obernkirchen. Was soll bewahrt werden? Wo ist Platz für Neues? Und ist wirklich überflüssig, was auf den ersten Blick so aussieht? Etwa der unscheinbare Handwagen, der aber auf der Flucht von Ostpreußen bis nach Obernkirchen gezogen wurde und ein Stück Zeit- und Lebensgeschichte erzählt - soll er wegen seines Äußeren aus der Sammlung wieder entfernt werden? Zählt hier nicht nur der Gegenstand, sondern auch der Wissenskontext?

veröffentlicht am 12.07.2008 um 00:00 Uhr

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Es waren eine Menge Fragen, die Sigmund Graf Adelmann als Geschäftsführer der Schaumburger Landschaft vorgestern Abend aufwarf, als das zentrale Museumsdepot eröffnet wurde: Die umgebaute Zehntscheune steht nun - je nach Bedarf - den Museen von Steinhude bis Rinteln zur Verfügung. Damit werde gleichsam die Lagerung von Gütern aus ganz Schaumburg fortgesetzt, erklärte Adelmann, schließlich habe die Zehntscheune einst als Lagerraum für den Kornzins, den Zinspflichtige an das Stift zu entrichten hatten, gedient: "Hier kamen Produkte aus Nenndorf, Lauenau, Helpsen, Stadthagen, Deckbergen und hess. Oldendorf zusammen." Genutzt wurde die Zehnscheune von mehreren Museen schon seit 1996, nachdem der Fürst dem Schaumburg-Lippischen Landesmuseum die Lagerräume in der Domäne Peetzen gekündigt hatte. Ein System bei der Lagerung gab es nicht, dennoch wurden die Museen entlastet. Zunächst. 2006 kam dann ein Hilferuf des Rintelner Museumsleiters Dr. Stefan Meyer, der dringend ein Depot suchte. Die Anmietung von Hallen oder Scheunen wurde in Erwägung gezogen, erinnerte Adelmann, Pläne, die sich zerschlugen: "So war es ein großes Glück, dass die Klosterklammer und das Land Niedersachsen sich bereit erklärten, den Umbauder Zehntscheune zu unterstützen, auf meine vorsichtige Anfrage bei der Kulturabteilung des Ministeriums rannte ich offene Türen ein." Der Ausbau habe nun die Frage aufgeworfen, wo die Grenze des Sammelns und Bewahren sei, reflektierte Adelmann den Stand der Dinge. Natürlich können nicht alles gesammelt werden, "wir würden finanziell und infrastrukturell wohl über kurz oder lang ersticken." In der Beschränkung zeigte sich die Meisterschaft, das erfordere Nachdenken und Kreativität. Dazu jedoch würden die Schaumburger Museen eine Konzeption benötigen, diedie Schwerpunkte der Sammlungsarbeit festlegen würde. Bei gemeinsamer Nutzung gehöre die Abstimmung der Museen untereinander zur Strategie: "Es geht darum, die Sammlung sowohl zu bewahren, als auch zu erneuern und immer wieder in Beziehung zu den gesellschaftlichen Veränderungen zu setzen", führte Adelmann aus. Die Museen hätten bei der Entscheidung, was ge- und was entsammelt werden soll, ihre verantwortungsvollste Aufgabe: "Weil es nicht nur um Vergangenes und Gegenwärtiges, sondern auch um Zukünftiges einer Gesellschaft geht, die auf Erinnerung, Gedächtnis und deren Auswertung basiert." Die Zehntscheune als Schaumburger Museumsdepot sichere auch den Standort des Stiftes, betonte Heinz-Gerhard Schöttelndreier: Wo früher die Schätze der Kirche gesammelt wurden, seien es heute die kulturellen Schätze des Landkreises, bilanzierte der Landrat, der nebenbei noch einem einfachen Steuersystem, wie es der Zehnt war, ein bisschen nachtrauerte. Vom Notauffanglager zum Basismagazin: Historiker Rolf-Bernd de Groot, der einst die Anmietung der Scheune anregte, erinnerte daran, was sie beim Einzug war: "Lagerraum war ein schmeichelhafter Ausdruck für eine bauliche Hülle ohne Licht, ohne räumliche Aufteilung, ohne Regale." Doch es füllte sich, und zwar sehr schnell. Die Jetenburger Hauswirtschaftsschule lagerte acht Webstühle aus, 40 versteinerte Saurierfährten eines um 1920 entdeckten Fährtenhorizontes aus dem ehemaligen Steinbruch der Firma Heye kamen dazu, der dunkle Magazinbauch schluckte auch einen Stadthäger Sattlerbetrieb, eine Rintelner Tischlerwerkstatt, eine Wiedensahler Kartoffelsortiermaschine, Reste einer Obernkirchener Buchdruckerei und andere Kostbarkeiten, bis er randvoll war, führte de Groot aus. Über die Zusammenarbeit bei der Dokumentation der textilen Überlieferungen wie Uniformen oder Trachtenteile hätten die Museen eine Entdeckung gemacht: "Wir haben die Scheu verloren, unsere Bestände ängstlich vor den anderen Museen zu verstecken", meinte de Groot, dadurch sei eine neue Qualität der vertrauensvollen Zusammenarbeit erreicht, die nicht überall als Normalzustand anzutreffen sei. Gemeinsam habe man in der Arbeitsgruppe "Museen" Schwerpunktsetzungen für die einzelnen Häuser festgelegt, um die Vielfalt Schaumburger Geschichte erlebbar werden zu lassen. Das habe zu neuen Sammlungs- und Ausstellungskonzepten geführt. Und: "Wir haben gelernt, dass wir nicht mehr alles zeigen müssen, was wir haben. Wir haben uns von der drückenden Last befreit, die Existenz unseres Dorfes, unserer Stadt lückenlos von der ersten Besiedlung bis zum letztjährigen Partnerschaftsjubiläum mit Objekten belegen zu müssen. Wir können uns auf die wesentlichen Aufgaben konzentrieren." Aber Ausschuss wolle man auch nicht mehr, so de Groot: Für den elften Wäschewringer oder den 20. Brenntrog sei hier auch künftig kein Platz vorhanden.




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