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... und bleibt Aerzen verbunden / Maike Brakhan schwört auf Paris

Von Aerzen ins Ausland: Rainer C. Schliep lebt seit 50 Jahren in Kanada

AERZEN. Über die aktuellen Fußballergebnisse des MTSV Aerzen zeigt sich Rainer C. Schliep immer noch bestens informiert – obwohl er seit einem halben Jahrhundert in Kanada lebt. „Die tollste Entscheidung meines Lebens“, meint der Auswanderer aus Aerzen, der zu seinem früheren Wohnort und seinen Menschen weiterhin regen Kontakt hält. „Nicht eine Sekunde bereut“, kommentiert der heute 73-Jährige seinen früheren Entschluss, einen Neuanfang zu wagen.

veröffentlicht am 21.05.2019 um 14:34 Uhr
aktualisiert am 28.05.2019 um 19:35 Uhr

„Die Liebe zur Natur, die dann hier in Kanada zu einem Traum wurde.“ Rainer C. Schliep wanderte vor 50 Jahren von Aerzen nach Kanada aus, wo er an einem See lebt.

Autor:

Christian Branahl und Lars Lindhorst
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Die Erinnerungen sprudeln nur so, wenn er an seinen alten Lebensmittelpunkt zwischen Lüningsberg und Schierholzberg denkt, aufgewachsen in der Flüchtlingsfamilie mit drei Brüdern im Altdorf. Nachkriegskind (bei den „Bauern geschuftet für ’ne Mark pro Stunde“), trotzdem schöne Zeiten erlebt, etwa im Sportverein und beim CVJM (Schliep denkt immer noch an das Lied „Die Gedanken sind frei“), in der Humme schwimmen gelernt, im Kino der Gaststätte Krähe „die ersten Filme angeschaut für 60 Pfennig“. Ohne Punkt und Komma schildert er die Erlebnisse aus der Kindheit und Jugend, bevor der damals 23-Jährige mit dem Mechaniker-Gesellenbrief in der Tasche 1969 nach Kanada auswanderte und damit seinem Bruder folgte. „Als Kind in den damaligen Atlanten gewühlt, Fernweh gehabt, was von der Welt erleben, Menschen kennenlernen“, blickt Schliep zurück. „Der Entschluss fiel federleicht.“

Aufbruch in eine neue Welt – „exzellenter Start mit Schiff und 200 Dollar von Bremerhaven nach Montreal“, berichtet er. „Die Liebe zur Natur, die dann hier in Kanada zu einem Traum wurde.“ Wer mag es ihm verdenken, wenn der Techniker von seinem neuen Lebensmittelpunkt erzählt? Dort am See Baskatong mit 3200 Kilometer Uferlänge und 161 Inseln. „Nach 50 Jahren dort zu sitzen, alleine, keine Menschenseele bei glutrotem Feuer am sandfarbenen Strand“, schildert der heutige Pensionär die Idylle, die er genießt. Schwimmen, dann die glutrote Sonne untergehen sehen am azurblauen Himmel hinter den grünen Tannen und weißen Birken – und „dann die Mundharmonika so schlecht spielen, dass die Bären, Elche, Füchse und Wölfe weglaufen“.

Fernweh – der Auswanderer erweist sich als Weltenbummler. Viele US-Bundesstaaten besucht, die einstige Inka-Stadt Machu Picchu in Peru, den Titicacasee nach Bolivien überquert, mit dem Bus durch Venezuela, aber auch Trinidad und Tobago – 46 Länder lernte Schliep privat und beruflich kennen. Das alles hätte er nie erleben können, wenn er „nur in Alt-Aerzen geblieben“ wäre, lautet seine persönliche Bilanz.

6 Bilder
Maike Brakhan vor dem französischen Senat im Jardin du Luxembourg. Ein Praktikum im Senat war Startpunkt ihres Abenteuers. Foto: pr

Die Verbundenheit zum Ort der jungen Jahre hielt der Globetrotter aufrecht. Einst dauerte es lange, bis Briefe die Empfänger erreichten, per Mail geht es längst in Sekundenschnelle – und natürlich gibt es gegenseitige Besuche. 2013 waren drei Schulfreunde sogar für fünf Wochen bei ihm zu Gast. „Es verging nicht ein Tag, an dem wir nicht über jede Ortschaft im Kreis Hameln-Pyrmont gesprochen haben“, erinnert er sich.

Und da existiert noch ein besonderes Foto von ihm und seinem Bruder, als er vor zehn Jahren Deutschland besuchte. Ganz oben auf dem Schierholzberg entstand es, wo die Aerzener an die Einwohner erinnern, die in aller Welt ein neues Zuhause gefunden haben. „Wandermanns Eiche“ nennt sich der Platz, an dem auf einer Bank die Namen der Auswanderer verewigt sind – auch der von Rainer C. Schliep.

Ein neues Zuhause in anderen Ländern? Ein neuer Lebensmittelpunkt? Heimat? Jeder Mensch dieser Erde deute den Begriff anders, fällt es ihm schwer, sich festzulegen. Und die Rolle, die Aerzen dabei spielt? Natürlich denke er gerne („Lebenserinnerungen, die mich reicher gemacht haben“) daran, auf seinem Schaukelstuhl am Holzofen sitzend an langen Winterabenden, wenn der Auswanderer von seinem Haus auf den See blickt. Das Positive von Deutschland und das Positive von Kanada – da „kannste nur Gewinner sein“.

Und der Gedanke, einmal nach Aerzen zurückzukehren? „Nie“, heißt es von ihm ultimativ. So unsicher seine eigene Situation vor einem halben Jahrhundert gewesen ist, den Neuanfang zu wagen, so empfiehlt der 73-Jährige jungen Menschen mit Fernweh den Mut, seinem Beispiel zu folgen. Um „die Welt mit anderen als nur Aerzener Augen zu sehen“, wie er meint. Wenn es ihnen nach einigen Jahren nicht gefalle, könnten sie immer noch zurückkehren. „Aber die Erfahrung wird ihnen keiner nehmen“, meint Schliep. „Die ist Gold wert bis ans Lebensende.“

Knapp 730 Kilometer lebt Maike Brakhan inzwischen entfernt von dem Ort, an dem sie aufgewachsen ist und an dem ihre Familie wohnt. Vom beschaulichen Aerzen ist sie in die Millionen-Metropole Paris gezogen. Aus der französischen Hauptstadt kann sich die 26-Jährige inzwischen nicht mehr wegdenken, wie sie selber sagt.

Nach Abschluss des Studiums arbeitet die gebürtige Bad Pyrmonterin aktuell für die französische Regierung im Pariser Außenministerium. 2015 sei sie zum ersten Mal für längere Zeit nach Paris gegangen, im Rahmen eines studentischen Austauschprogramms, das sich „Erasmus+“ nennt. Inzwischen hat Maike Brakhan zwei Studienabschlüsse – den französischen in „Europäischen Angelegenheiten“, den deutschen in der Politikwissenschaft und in Französisch.

Fernab der Heimat zu leben und zu arbeiten, macht ihr nichts aus, wie sie versichert. Und überhaupt: Wenn es denn so etwas wie ein Heimat-Gefühl bei ihr gibt, dann ist das die feste Überzeugung Teil eines großen Europa zu sein.

„Ich gehöre der Erasmus-Generation an“, erklärt sie. Als solche fühlt sie sich ganz eindeutig als Europäerin – als Vertreterin einer Generation, die „Zugehörigkeit nicht an einer Nationalität ausmacht“. zu Hause fühle sich Maike Brakhan schließlich in beiden Ländern – sowohl in Deutschland als auch in Frankreich. „Und ich schlage mich auch nicht auf die eine oder andere Seite.“

Und doch zieht es Maike Brakhan regelmäßig zurück ins Weserbergland. Vielleicht fünfmal im Jahr kommt sie nach Aerzen zurück – um ihre Eltern, den Bruder und die Großeltern zu besuchen. Vor allem aber auch ihren Kater Tigger. Das Gefühl, nach Hause zu kommen, beziehe sich „aber eher auf Familie und Freunde“, sagt sie, weniger auf Aerzen als geografische Heimat.

Ja, zu Schulzeiten sei sie „ein Heimweh-Kind“ gewesen, dann, wenn es zum Beispiel auf Klassenfahrten ging. Inzwischen macht ihr das Heimweh nicht mehr so viel aus – auch dank moderner Kommunikationsmittel, die es möglich machen, stets Kontakt zu halten. „Es ist einfacher geworden, weiter weg zu sein“, sagt sie.

Fernab vom Weserbergland ist für Maike Brakhan Französisch die Sprache der Wahl. In ihrem Job im Außenministerium werde fast ausschließlich französisch gesprochen. Sprache und Verständigung – das seien wichtige Aspekte, um sich zu Hause zu fühlen, meint sie. „Mit dem Erlernen der Sprache habe ich mir wohl auch ein Stück Heimat erarbeitet“, sagt die 26-Jährige.

Als vor wenigen Wochen der Dachstuhl und der Vierungsturm der Notre-Dame-Kathedrale lichterloh brannten, war Maike Brakhan auch in Paris. Sie beschreibt das Feuer, das in Frankreich nationalem Wahrzeichen ausgebrochen war, mit der Wirkung „eines kleinen Erdbebens“, das sich in den Köpfen der Franzosen abgespielt habe.

Die Kathedrale sei in der Vergangenheit oft Schauplatz der „großen historischen Ereignisse Frankreichs“ gewesen, erklärt sie, dazu eine Inspirationsquelle der französischen Literatur und ein religiöser Identifikationspunkt für die rund 40 Millionen Katholiken in Frankreich.

Weil die Kathedrale in der französischen Geschichte sowohl kulturell als auch politisch immer eine große Rolle gespielt hat, habe die teilweise Zerstörung Notre-Dames viele Franzosen „mitten ins Herz getroffen“. Ein Beispiel, das zeige, das sich ein bestimmtes Zugehörigkeitsgefühl auch an Kulturgütern wie Notre-Dame äußert. An diesem Punkt fühle sich dann auch Maike Brakhan als Französin.

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