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Regen kann das Schlangestehen vor dem Einkauf im Laden der Hamelner Tafel nicht mehr vermiesen

Warten und reden unterm neuen Dach

Hameln (ni). Der Laden ist klein, seine Angebote sind gefragt und die Kunden daran gewöhnt, sich geduldig in die Warteschlange vor der Tür einzureihen. Einige halten sich an ihrem Hackenporsche fest, anderen hängt der leere Rucksack schlaff von den Schultern. Wenn Bewegung in die lange Reihe kommt, rutschen auch die zwischen den Füßen eingeklemmten Einkaufstaschen ein Stück mit nach vorne und kommen dem Ziel näher: einkaufen fast ohne Portemonnaie, einen kleinen Teil des Überflusses forttragen, um die Folgen der eigenen Armut zu mildern – bei der Hamelner Tafel an der Ruthenstraße treffen viermal in der Woche zwei Welten aufeinander.

veröffentlicht am 06.07.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 07.07.2010 um 10:36 Uhr

Der Laden der Tafel steht den Menschen offen, die jeden Cent dreimal umdrehen und sich trotzdem fast alles versagen müssen, was sich der Durchschnittsverdiener leisten kann: den Bedürftigen, denen von Amtswegen bescheinigt ist, dass sie mit dem Existenzminimum über die Runden kommen müssen. 1000 „Berechtigungsscheine“ hat die Hamelner Tafel ausgegeben und trägt damit zur Versorgung von rund 3000 Menschen im Landkreis bei. Denn „im Durchschnitt“, sagt der Tafel-Vorsitzende Hartmut Kahle, „stehen hinter jedem Berechtigungsschein drei Personen“, die von den gespendeten Lebensmitteln profitieren.

80 bis 90 Kunden bedienen die ehrenamtlichen Helfer der Tafel an jedem Vormittag, an dem der Laden geöffnet ist. Dass die Menschen vor dem Einkaufen „erst einmal Schlangestehen müssen“, haben Kahle und seine Mitstreiter beobachtet, „tun die meisten gar nicht ungern“. Die Zeit des Wartens sei für viele eben auch eine Zeit, miteinander ins Gespräch zu kommen und offenbar willkommene Gelegenheit zu Kontakten, die im Alltag vielleicht fehlten. Seit Kurzem können nicht einmal mehr Regentage dieses kleine Vergnügen am Rande trüben. Dank der Wunsch-Punsch-Aktion von Radio Aktiv und Dewezet konnte sich die Tafel eine Überdachung für den Eingangsbereich vor dem Laden leisten. 3000 Euro aus dem von Hörern und Lesern gespendeten Geld kamen dem Projekt zugute; weitere 1000 Euro steuerte der Lions Club bei, damit die Materialkosten gedeckt waren; Jugendliche der Jugendwerkstatt Hameln bauten die Konstruktion aus Stahlträgern und Plexiglas, ohne für diese Arbeit eine Rechnung auszustellen. Und zwei Bänke stiftete die Jugendwerkstatt auch noch dazu. „Sie werden dankbar angenommen“, freut sich Kahle.

Genau so dankbar wie das Angebot der Tafel-Mitarbeiter, sich auf Gespräche mit ihren Kunden einzulassen, sich ihre Sorgen anzuhören. Kahle: „Wir wollen die Menschen nicht nur versorgen, sondern wir gehen auf sie zu und versuchen auch, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten.“ Wenn die eigene Lebenserfahrung nicht ausreiche, um einem Ratsuchenden weiterzuhelfen, „verweisen wir auch auf Beratungsstellen, von denen es ja viele gibt“.

Als einen Beitrag zur Selbsthilfe versteht Kahle auch den für Anfang Oktober geplanten Kochkurs für Tafel-Kunden in der Küche der Jugendwerkstatt und mit Unterstützung einer Mitarbeiterin dieser Einrichtung. Erst kürzlich wurde Kahle von einer Frau gefragt, was sie denn aus Kartoffeln und Zwiebeln eigentlich machen könne. „Kartoffelpuffer“, hat er ihr geraten und das Rezept gleich mitgeliefert. Und sich erst hinterher gefragt, wie es sein könne, „dass ich alter Mann einer jungen Frau sagen muss, was sie kochen kann“. Der Fast-Food- und Fertiggerichte-Generation zeigen, wie sie aus den verschiedenen Gemüsesorten abwechslungsreiche Mahlzeiten zaubern können – dazu soll der Kochkurs dienen. Denn „viel und gutes Gemüse haben wir oft im Laden“, sagt Kahle. Und es sei doch schade, wenn vor allem die jungen Kunden allein deshalb nicht zugriffen, „weil sie nicht wissen, was sie damit anfangen sollen“. Ein einfaches Kochbuch, „das vom Gemüse ausgeht“, ist laut Kahle ebenfalls in Vorbereitung.

Bislang gelingt es der Hamelner Tafel immer noch, ihre Regale und Kühltresen mit Lebensmitteln zu füllen. Die Spenden aus der unmittelbaren Umgebung reichen allerdings schon lange nicht mehr aus, um die Nachfrage zu befriedigen. Die Beschaffung, so Kahle, „wird immer aufwendiger und geht ins Geld“. Fahren mit den beiden Kühlfahrzeugen bis zu den Großlagern der bundesweit organisierten Tafeln in Gütersloh oder Hannover seien an der Tagsordnung. Das koste nicht nur Dieselkraftstoff, sondern auch Ein-Euro-Helfer. Die würden gebraucht, „weil wir den zumeist älteren ehrenamtlich engagierten Mitarbeitern der Tafel das Schleppen der schweren Kisten nicht zumuten wollen“, erklärt Kahle. Und fragt sich, ob jetzt im Sommer nicht auch der eine oder andere Gartenbesitzer vielleicht etwas zu verschenken hätte, weil die Ernte üppiger ausfällt, als er selbst verbrauchen kann oder verarbeiten will. „Leider sind wir nicht in der Lage, beim Abernten der Beete zu helfen, aber den Überschuss abholen würden wir gerne.“

Kontakt zu Laden und Büro der Hamelner Tafel. Ruthenstraße 10: Tel.: 05151 926464, Fax 05151 926464, E-Mail: hamelner-tafel@t-online.de; Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 9:15 bis 11:30 Uhr.




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