weather-image
20°

„Das Gegenteil von ,feindlich‘ “

Was bedeutet Heimat psychologisch?

Heimat ist ein großes Wort, der Begriff nicht unbelastet. Mit Heimat sind viele Assoziationen verknüpft: schnulzige Heimatschmonzetten sind das eine Extrem, Heimat als Kampfbegriff der Nazis zur Abgrenzung gegen alles vermeintlich Fremde das andere. Aber wie entsteht Heimat im Kopf? Wie kommt die Heimat zustande, die viele vor allem als Gefühl beschreiben?

veröffentlicht am 01.05.2019 um 14:43 Uhr
aktualisiert am 02.05.2019 um 19:52 Uhr

Ein ruhiger Ort, an dem man sich geborgen fühlen kann. Das ist für viele Menschen Heimat. Symbolbild: Pixabay
Philipp Killmann

Autor

Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Der Psychotherapeut Dr. Ullrich Händchen aus Aerzen verweist auf die altgermanische Bedeutung des Wortes Heimat: sich hinlegen, liegen. „Der wesentliche Aspekt von Heimat ist, dass ich mich dort sicher fühle“, sagt er. „Dort, wo ich mich sicher und geborgen fühle, da lege ich mich hin und gebe damit ja auch meine Macht auf.“ An so einem Ort, da könne ein Heimatgefühl aufkommen.

Heimat, führt der Psychotherapeut aus, „sei weiter gefasst als Familie, aber enger als Staat oder Land“. Heimat sei „das menschliche Grundbedürfnis nach einem Ort, wo ich mich hinlege und sicher bin“, ein Bedürfnis, das selbst Jetsetter empfänden, die heute hier und morgen da „zu Hause“ sind. „Heimat ist ein Raum des Schutzes, der nötig ist, um die Impulse der als Kampf empfundenen Welt zu integrieren“, sagt Dr. Händchen. Dieser Kampf, der Leistungsdruck, „das fällt in der Heimat alles weg“. Aus diesem Grund sei das Bedürfnis nach Heimat so weit verbreitet.

Katastrophen triggern die Sehnsucht nach Geborgenheit, die Ur-Bedrohung das Verlangen nach Heimat.

Dr. Ullrich Händchen, Psychotherapeut

Aus psychologischer Sicht sei Heimat eine „Geborgenheitskomponente“, die an Beziehungen gebunden sei und nicht an einen Ort. Heimat ähnele der Familie, habe nur statt eines gemeinsamen Genpools einen gemeinsamen Sozialraum. „Das Gegenteil von ,feindlich‘ ist Heimat“, so Dr. Händchen. „Ängstlichkeit, Hoffnungslosigkeit, Perspektivlosigkeit – das ist alles weg, wenn man ein Gefühl von Heimat hat.“

In kultureller Hinsicht sei Heimat auch Sprache, Verhalten, Musik, Spiele und Witze – kulturelle Aspekte, die man kennt, die einem vertraut sind. Und gesellschaftlich betrachtet habe der Mensch als vergleichsweise schwaches Säugetier schon immer besonders auf der Hut sein und die möglichen Bedrohungen im Blick behalten müssen. Dieses erkläre den anhaltenden Hype um Krimis und das größere Interesse an negativen Nachrichten als an positiven. „Es gibt eine Infofülle von Katastrophen, die wir uns über die Medien ins Wohnzimmer holen“, führt Dr. Händchen aus. „Und das triggert die Sehnsucht nach Geborgenheit, die Ur-Bedrohung das Verlangen nach Heimat.“ Darin, vermutet der Psychotherapeut, bestehe auch der Erfolg der Rechtspopulisten. Sie eigneten sich den Heimatbegriff an. Darin zeige sich einmal mehr, dass der Umgang mit dem Wort Heimat schwierig sei, „ohne sofort in die rechte Ecke gestellt zu werden“. Aber, findet Dr. Händchen, der Begriff dürfe den Rechten nicht überlassen werden.

Andererseits sei Heimat auch Fiktion. An ein und demselben Ort geboren zu werden, aufzuwachsen, zu arbeiten, eine Familie zu gründen und schließlich zu sterben – das erführen heute nur noch die wenigsten. „Die allermeisten müssen immer wieder eine neue Heimat entwickeln“, befindet Händchen.

Information

Heimatgeschichten gesucht!

Was ist für Sie Heimat? Wo ist sie oder was bedeutet sie? Erzählen Sie es uns auf lesergeschichten.dewezet.de



Links zum Thema

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare