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Interhelp-Team hat auf Sri Lanka schon 2000 Patienten behandelt / Was die Ehrenamtlichen erleben

Wasser, Medizin und Menschlichkeit

Bückeburg/Sri Lanka. Großer Bahnhof im Tempel von Aluthgama auf Sri Lanka. Uns empfangen der Gesundheitsminister der Westprovinz, der Bürgermeister und eine Schar von Honoratioren; ein buddhistischer Priester vollzieht ein segnendes Ritual, ein halbes Dutzend Reden folgen, dann kann das Interhelp-Team um seinen Präsidenten Ulrich Behmann an die Arbeit gehen.

veröffentlicht am 26.02.2016 um 13:25 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 03:41 Uhr

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Das Ärzteteam – Dr. Sophia Schelcher und Dr. Sibylle Trapp-Dammaschke aus Hameln sowie Dr. Siegfried John aus Rahden (Kreis Minden-Lübbecke) – leistet in der Schwüle des aufziehenden Gewitters Bewundernswertes, behandelt Patienten wie am Fließband. Wie an allen anderen Tagen zuvor werden die Ehrenamtlichen aus Deutschland auch heute auf Anweisung des Gesundheitsministers von zwei Ärzten und Krankenschwestern aus Sri Lanka unterstützt. Der Schweiß rinnt in Strömen. „Das laute Stimmengewirr, die Menschenmassen, das Gedränge, die Hitze – das ist schon sehr anstrengend“, sagt die verantwortliche Interhelp-Ärztin Dr. Sibylle Trapp-Dammaschke. „Aber es macht viel Spaß, zu helfen“, fügt Assistenzärztin Dr. Sophia Schelcher hinzu. Sie ist jung, hat aber schon viel Auslandserfahrung: Als Medizinstudentin half die 32-Jährige ein halbes Jahr Lepra- und Tuberkulose-Kranken in Pakistan.

Je länger die Wartezeit wird, desto mehr schwindet die Bereitschaft der Hilfesuchenden zu geordnetem Verhalten. Die Warteschlange löst sich in einen drängelnden Pulk auf, bis der Leiter der Interhelp-Taskforce, Lehrrettungsassistent Reinhold Klostermann, das Gemurmel übertönt: „Entweder hört das auf, oder wir brechen ab!“ Der Übersetzer wiederholt auf singhalesisch – und die Schlange bildet sich wieder. Inzwischen ist eine ältere Frau in der Hitze dehydriert zusammengebrochen. Reinhold fordert sofort notärztliche Hilfe an und kümmert sich um die Kranke. Mit seinem Sohn Nils baut er rasch eine improvisierte Liege. Auf Anordnung von Dr. Sophia Schelcher hängen die beiden Sanitäter die kollabierte Patientin an den Tropf. In den vergangenen acht Tagen hat das Interhelp-Team, das im Auftrag von mfs International aus Frankfurt und in Kooperation mit dem Gesundheitsministerium in Colombo auf Sri Lanka den Ärmsten der Armen hilft, schon 2000 Frauen, Männer und Kinder versorgt.

Die Optikerin aus Kalutera, die uns unentgeltlich unterstützt, hat das Chaos vorausgesehen und handgeschriebene Zettel mit Nummern verteilt, damit die Reihenfolge feststeht. Es sind Hunderte Menschen, die hier auf eine Gratisbrille hoffen. Sie alle sollen eine genau angepasste Sehhilfe erhalten, die sie sich selbst kaum oder gar nicht leisten könnten.

Der Herr der Augengläser bin ich. Vor mir auf einem Tisch befinden sich Hunderte Spenderbrillen. Viele davon wurden bereits von Optikern in Hameln, Bückeburg und Minden kostenlos vermessen und beschriftet. Nun werden mir von allen Seiten Zettel mit den Messwerten der Optikerin entgegengehalten. Finde ich eine Brille mit einem geeigneten Wert, wird es spannend: Wenn mein Gegenüber sie ausprobiert, halte ich für ein paar Sekunden die Luft an. Entweder gibt es eine verneinende Geste – dann geht die Suche von vorne los –, oder man wiegt das Haupt bejahend, ein Lächeln – die Brille passt, die Freude ist groß, die Dankbarkeit auch.

Eine Empfängerin schüttelt missmutig den Kopf. „Sie sieht Nebel“ sagt der Übersetzer. Ich verstehe nicht. Das sind doch genau ihre Werte? Kurz entschlossen zücke ich ein Taschentuch und putze die Gläser. Nun wird alles wundersam klar; sie strahlt vor Freude und bedankt sich.

Die Werte sind haarsträubend

Ein junges Mädchen kommt an der Hand ihrer Mutter. Die Kleine wirkt, als sei sie blind. In der Tat sind ihre Werte haarsträubend. Eine Spenderbrille hilft hier nicht weiter, aber sie bekommt ein besonders schönes Gestell.

Immer wieder bekomme ich Zettel mit demselben Wert – plus 2,5; plus 2,5 – und die vorvermessenen Lesebrillen in dieser Stärke gehen zur Neige. Jetzt fällt auch noch der Refraktometer, mit dem ich Gläser vor Ort messen kann, aus, und ich verliere wertvolle Minuten mit der Suche nach einer Behelfslösung. Nach drei Stunden in der tropischen Hitze habe ich meine physischen Grenzen erreicht und sehe aus, als sei ich ins Wasser gefallen. Als Behmann zum Aufbruch bläst – wir wollen noch das Ergebnis einer Bewässerungs-Aktion besichtigen – bin ich nicht gänzlich dagegen. Die Krankenschwestern übernehmen.

Am Rande der Stadt werden wir von Kindern in Festtagskleidung empfangen, die uns Blumenkränze umhängen. Die Freude ist ehrlich. Zum ersten Mal haben sie fließendes Wasser auf dem Grundstück. Bisher mussten sie sich entweder mit einem brackigen, verseuchten Brunnen behelfen oder bei Nachbarn um Wasser betteln. Waren die nicht daheim, gab es eben kein sauberes Wasser. Das ist nun vorbei, und die zehn Familien strahlen vor Glück.

Morgen bringt uns die Sri Lanka Air Force in den Nordosten ins ehemalige Kriegsgebiet. In einem Dorf bei Trincomalee wollen wir Grundsteine für Interhelp-Häuser legen und an singhalesische und tamilische Familien übergeben. Wir müssen vorsichtig sein. Dort liegen immer noch viele Minen, es gibt Malaria, Dengue-Fieber und giftige Schlangen.




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