weather-image
×

Rudern, Turnen, Geige, Zeichnen oder Lektüre: Reichardt-Zwillinge zieht es nach Leipzig zu neuen Ufern

Wenn 24 Stunden nicht genug sind für alle Hobbys

Bückeburg. Prominente Namen haben dieses Jahr ihr Abitur am Gymnasium Adolfinum gebaut. Namen, die Bückeburg bundesweit in die Schlagzeilen gebracht haben. Dazu gehören die Reichardt-Zwillinge.

veröffentlicht am 22.07.2015 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 02:41 Uhr

Autor:

„Hendiadyoin“ ist ihnen vertraut – nicht als Bootsname, der an einen griechischen Jüngling erinnert, nicht als Markenzeichen der Telekommunikation. Es ist nur ein Stilmittel aus Poesie und Rhetorik. Johanna und Marion Reichardt kennen sich aus in Stilfragen, man war am Gymnasium Adolfinum in der Scheiner-Loewnich-Schule. Die beiden Zwillinge auf den Rudersport zu reduzieren, wäre eben völlig falsch. Sie turnen mit Eleganz, geigen mit sauberer Bogenführung, zeichnen mit klarem Strich und schreiben mit kühlem Kopf. Der größte Erfolg allerdings, daran lassen beide ehemaligen Adolfinerinnen keinen Zweifel, war der diesjährige Titel eines Deutschen Meisters im Vierer der Ruderer bei den Wettkämpfen in Köln.

Der Perspektive der Ruderer, die stets zurückblicken und ohne Steuergehilfen nie wissen, was kommt und dräut, können sie durchaus etwas Gutes abgewinnen: „Man behält die Gegner im Auge, die man schon hinter sich gelassen hat.“ Was ihre Zukunft anbelangt, haben die Zwillinge das Ziel noch nicht so klar im Blick wie (rein mental) bei einem Rennen. Sie wollen in Leipzig Sport studieren und sind gespannt, welche Optionen sich noch ergeben. Das Rudern wird den Alltag weiter bestimmen, das steht unverrückbar fest.

Nach ihrer Lebensphilosophie in den Zeiten von Chillen, Shopping und Netzwerkaktivität gefragt, bekennen sich die beiden Abiturientinnen zu einem Leben ohne Internet und ohne Handy. „Mit dem Strom zu schwimmen, kostet keine Kraft und ist damit keine Herausforderung“, meint Marion im Gespräch mit unserer Zeitung. Grenzerfahrungen und Entgrenzungen biete ihnen der Rudersport, ob im Einer, im Zweier oder im Vierer. Ein Rennen fahren, das heißt, dass man alles gibt, das Letzte sozusagen. Gleichzeitig biete der Wassersport Naturerfahrungen, auf Wanderfahrt mit der Ruderriege „Schaumburgia“ natürlich mehr als auf den Rennstrecken der Kanäle und Kiesteiche.

Dass die Zwillinge so leicht zu verwechseln sind, hat schon zu manch heiterer Situation geführt. („Und wer war das jetzt?“) Ganz gleich sind sie nicht, darauf legen sie Wert. So bescheinigt Johanna ihrer Schwester die Fähigkeit zu extremer Kraftanstrengung, während sie mehr die Ausdauernde sei. Auf die Frage nach Unterschieden meint Marion lakonisch: „Johanna hat nicht den Schlagzahlmesser.“ Dass ein Ruderlied an ihrer Wiege gesungen wurde oder Ruderschläge gezählt wie andernorts Schäfchen, ist eine nicht völlig abwegig wirkende Vermutung, sind die Eltern Manuela und Günter Reichardt doch seit Jahrzehnten bekennende Ruderer der Ruderriege „Schaumburgia“.

An jüngere Leute richten die überaus erfolgreichen Reichardt-Zwillinge den Appell: „Findet euer Hobby, für das ihr alles tun würdet!“ Im Fall der beiden jungen Frauen kann man sich fragen, wie 24 Stunden ausreichten die letzten Jahre für Geigenspiel, Rudertraining, Turnübung, Lektüre und Zeichenkunststücke. Wie nebenbei wurde das Abitur auch noch mit einer „1“ vor dem Komma abgelegt. Im Zweifelsfall aber dürften sich die beiden Leichtgewichte für die Skulls entscheiden und gegen Stufenbarren und Geigenbogen, zumal auch internationale Rennen in Zukunft auf der Agenda stehen könnten. Marion sagt es auf ihre Art: „Schneller geht immer!“




Anzeige
Anzeige