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Dr. Walter Krämer befasst sich in der Volksbank in Schaumburg mit „Denglisch“

Wenn der Bestattungsunternehmer zum „Funeralmaster“ mutiert…

Bückeburg (kk). Beifälliges Nicken der meisten Gäste, nur wenige skeptische Gesichter. Dabei hat Walter Krämer gerade eine ziemlich provokante These in den Rathaussaal gestellt: „Wer nichts zu sagen hat, sagt es auf Englisch!“ Der Wirtschaftswissenschaftler hat beim Neujahresempfang der Volksbank in Schaumburg, der Kreishandwerkerschaft und der Steuerberater ein dankbares Publikum gefunden. Krämer, der auch Vorsitzender des Vereins für Deutsche Sprache ist, hat die „Vermanschung“ unserer Sprache, die scheinbar nicht mehr zu stoppende Invasion englischer Begriffe, aufs Korn genommen. „Denglisch“ wird das gerne genannt – und das geht nach Ansicht des Dortmunder Professors nicht nur Deutschlehrer, sondern auch Wirtschaftsbosse und Mittelständler an. Denn, so Krämer: „Denglisch ist schlecht fürs Geschäft.“

veröffentlicht am 25.01.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 03:21 Uhr

Über viele Beispiele, die er brachte, hätte man am liebsten lauthals gelacht, so skurril und widersinnig sind sie. Doch das Lachen blieb den meisten Zuhörer im Hals stecken, als ihnen klar wurde, wie alltäglich „Denglisch“ bereits geworden ist.

Krämer entführte seine Zuhörer zunächst auf einen internationalen Kongress nach Santiago und ließ sie einen Blick auf die Teilnehmerliste werfen. Der Bankdirektor aus Holland vertritt „De Nederlandsche Bank“, der Wirtschaftswissenschaftler aus Spanien die „Universidat de Santiago des Compostela“, nur sein Münchener Kollege scheint sich für seinen Arbeitgeber zu schämen und schreibt lieber „University of Munich“. Doch nicht nur in Expertenzirkeln meinen Deutsche, sich mit englischen Begriffen profilieren zu müssen. Große Konzerne wie Siemens werben fast überall auf der Welt in der Landessprache, nur auf dem Heimatmarkt in Deutschland werden dieselben Slogans in Englisch getextet („Siemens. The force of innovation“).

Und auch in unseren Alltag haben englische Begriffe überall Einzug gehalten: Die Weinprobe nach Feierabend wird zum „After-Work Wine-Tasting“, der Schnellimbiss mutiert zum „Bratwurst Point“. Manchmal nimmt das schon skurrile Formen an, wenn zum Beispiel der Bestattungsunternehmer zum „Funeralmaster“ wird. Immerhin: Ein Spaziergang durch die Bückeburger Fußgängerzone bescherte Krämer keine neuen Beispiele für seine Sammlung.

Doch warum dieser „groteske Akt der Illoyalität der eigenen Sprache gegenüber“ (Krämer)? Das Argument von vermeintlicher Weltoffenheit kommt beim Kritiker nicht an, im Ausland werde schließlich über die vermeintlich „kriecherischen“ Deutschen mit ihrer Vorliebe für Anglizismen gelacht. Und das Argument von Prägnanz und Kürze widerlegte Krämer mit einer Reihe von Beispielen. Während im Deutschen mit zwei Silben das „Laufband“ beschrieben ist, braucht das Englische vier Silben und zwei Worte: „moving walkway“. Die Liste ließe sich fast endlos fortsetzen.

Besonders schlimm wird es, wenn dann die englische Vokabel auch noch falsch gebraucht wird. „Dogging“ (hier in der Werbung für ein Hundefachbuch benutzt) hat nämlich wenig mit Hunden zu tun, sondern steht für die schlimmste Form des „Spannens“. Krämers Tipp für Unternehmen: „Redet so, wie eure Kunden reden.“

Und wer da meint, moderne Computerfachbegriffe würden weltweit einheitlich (in Englisch) genutzt, der täuscht sich. In Finnland werden nur sieben Prozent englische Fachbegriffe in der Computersprache benutzt, 93 Prozent wurden in die Landessprache übersetzt. (Frankreich 14 Prozent Englisch, Schweden 21 Prozent – nur in Deutschland sind es 43 Prozent.) So wird in Schweden aus dem Computer ein „dator“, aus der „firewall“ eine „brandvägg“. Ein Blick aufs Jiddische gefällig? E-Mail hat dort den hübschen Namen „Blitzpost“ bekommen, in Schweden übrigens „e-post“.

Nicht nachvollziehen kann Krämer auch, wenn deutsche Unternehmen Englisch zur Firmensprache erklären, sobald sie sich im englischsprachigen Ausland engagieren. „Wir binden uns durch den Verzicht auf unsere Muttersprachen einen großen Klotz ans Bein“, meint der Vorkämpfer für die deutsche Sprache. Seine These: Kreativität und Innovation auch im Wirtschaftsleben erfordern die Muttersprache. Viele Firmen, die das Englische zu sehr in den Mittelpunkt ihrer Philosophie gestellt hätten, seinen inzwischen nicht mehr am Markt vertreten.

Ob das tatsächlich Grund dafür war, dass deutsche Firmen wie Daimler mit ihrem US-Engagement Schiffbruch erlitten, sei dahin gestellt, findet zumindest „Certified manager of banking“ – Entschuldigung: Volksbankvorstand – Joachim Schorling. Der bedankte sich nämlich bei Krämer nicht nur für einen unterhaltsamen Abend, sondern besonders für viele neue Denk- und Diskussionsanstöße.




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