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Bergbaumuseum unterstützt Pilotprojekt / Bildhauer-Workshop für Demenzkranke im Frühstadium

Wenn der Körper den Geist überlebt …

Kleinenbremen (ly). Die Arbeit, das war gestern. Vor allem jüngere Demenzkranke unter 65 Jahren erzählen häufig von jenem Job, der Vergangenheit ist, bei manchen noch nicht lange. „Ich bin überzeugt, dass sie unter dem Verlust leiden“, sagt Hartmut Schilling. „Sie haben große Probleme, den Tag sinnvoll zu füllen.“

veröffentlicht am 22.05.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 08.11.2016 um 19:21 Uhr

Hartmut Schilling vom Mindener Verein „Leben mit Demenz – Alzheimergesellschaft Minden-Lübbecke“ hat einen Job. Er ist selbstständig und berät Führungskräfte. In der eigenen Familie musste Schilling erfahren, was Demenz bedeutet – für Kranke, aber auch für deren Angehörige, die manchmal noch mehr leiden. Eines Tages beschloss er, ehrenamtlich im Bereich Demenz zu arbeiten. Zurzeit engagiert der Mindener sich in einem Pilotprojekt des Vereins, das seit Anfang des Jahres läuft.

Es dient dazu, bei 14 Minden-Lübbecker Demenzkranken im Frühstadium (noch) vorhandene Fähigkeiten und soziale Kontakte zu fördern, außerdem Abstand vom Alltag zu gewinnen. Gleichzeitig soll dadurch die Situation von Kranken und Angehörigen verbessert werden. Zu den Schwerpunkten gehört handwerklich-künstlerisches Gestalten.

Neulich im Steinbruch des Kleinenbremer Besucherbergwerks. Der Mindener Bildhauer Peter Medzech leitet einen Workshop für 14 Demenzkranke. Zur Mittagspause müssen manche fast gezwungen werden, viele würden am liebsten durcharbeiten. „Einige blühen richtig auf“, freut sich Hartmut Schilling. „Handwerker zum Beispiel entdecken einen Teil ihrer verloren geglaubten Fähigkeiten wieder.“

Die „Freude der Teilnehmer am Tun“ ist Schilling und anderen ehrenamtlichen Helfern wie Edith Ochs oder Susanne Wullenkord wichtig. „Nur das Jetzt ist entscheidend“, betont der Mindener. „Was im Gedächtnis haften bleibt, wissen wir nicht.“

Feierabend in Kleinenbremen. Mit Unterstützung Medzechs haben mehrere Teilnehmer im früheren Wiegehaus des Steinbruchs, das heute eine Steinhauerei beherbergt, besonders reingehauen und gleich zwei Stücke geschaffen. Alle werden beim Weltalzheimertag gezeigt, der am 21. September auch in Minden begangen wird.

Das Gleiche gilt für die Ergebnisse eines Schmiedekurses, ebenfalls beim Kleinenbremer Museum für Bergbau und Erdgeschichte, sowie eines Malworkshops im Juni auf Hof Klanhorst in Petershagen. Noch für Mai plant der Verein im Rahmen des Pilotprojekts eine Radtour ins Bückeburger Land. Jeden Monat steht eine Ganztagsveranstaltung auf dem Programm.

Unter Demenz versteht man den Verfall der geistigen Leistungsfähigkeit. Beeinträchtigt werden Orientierung und Urteilsfähigkeit. Gedächtnisleistung und Denkvermögen nehmen ab. Später zerstört die Krankheit Teile der Persönlichkeit. Der Körper überlebt den Geist – eine Reise ins Ungewisse. Demenz ist der häufigste Grund für die Einweisung ins Pflegeheim.

Zu Beginn verschwindet die sogenannte Alltagskompetenz. „Die Planung nehmen wir in die Hand“, erklärt Schilling. An diesem Tag sollen sich alle Teilnehmer einfach nur auf die Bildhauerei konzentrieren können. Zwischendurch führt Susanne Riedmayer, Geographin im Museum, Teile der Gruppe durch den Steinbruch. Spontan wird von allen danach noch eine Führung durch das Bergbaumuseum unternommen.

Schöne Erinnerungen kann „Leben mit Demenz“ den Kranken nicht geben – aber schöne Momente.




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