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Fast 500 Klienten: Die Arbeit der Bückeburger Opferhilfe ist mit dem Urteil häufig nicht beendet

Wenn der Täter plötzlich wieder auftaucht…

Bückeburg (ly). Der Prozess ist schon länger her, der Täter verurteilt. Und das Opfer, bei Sexualstraftaten meistens eine Frau, versucht das Geschehen zu verarbeiten. Eines Tages taucht der Vergewaltiger plötzlich wieder auf, die Haft ist verbüßt. Will er sich rächen?

veröffentlicht am 04.02.2010 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 07.11.2016 um 03:41 Uhr

Diese Ängste kennt Dagmar Behrens, Büroleiterin der Opferhilfe Bückeburg. Unvorhergesehene Begegnungen müssen jedoch nicht sein. Opfer haben das Recht, über Haftverschonung, Freigang und den Entlassungstermin ihrer früheren Peiniger informiert zu werden. „Viele meiner Klienten wollen sich darauf einstellen, wenn der Täter entlassen wird“, erklärt die Diplompädagogin und ausgebildete Prozessbegleiterin, eine der ersten in Deutschland übrigens. „Gegen einen Verurteilten, der seine Strafe verbüßt hat und wieder frei ist, kann man jedoch erst vorgehen, wenn dieser erneut etwas getan hat.“

Dann hilft Behrens bei einem Antrag auf einstweilige Verfügung, der Strafanzeige oder beidem. „Zum Glück“ hat sie es „noch nicht erlebt, dass Täter beim selben Opfer weitermachen“. Über vereinzelte Drohungen aus der Haft weiß die Büroleiterin dagegen zu berichten. In solchen Fällen, wenn Rache zu befürchten ist, unterstützt die Opferhilfe einen Umzug finanziell. „Und wir lassen Sperrvermerke einrichten“, wie Dagmar Behrens hinzufügt. Dann bleibt die neue Adresse geheim. „Sogar Namensänderungen haben wir schon erwirkt.“

In der Regel sind besonders die Opfer von Sexualstraftaten traumatisiert, mehr oder weniger. Dagmar Behrens klärt dann ab, ob eine Therapie oder zumindest Fachberatung nötig ist, und kümmert sich darum. „Opfer müssen gestärkt werden, damit sie nicht mehr den Opferstatus haben“, so die Diplompädagogin.

Seit ihrer Gründung im Jahr 2002 hat die Bückeburger Opferhilfe fast 500 Klienten betreut. Vier von fünf sind Frauen oder Mädchen. In der Statistik liegen Sexualdelikte mit rund 43 Prozent vorn, gefolgt von „Straftaten gegen die körperliche Unversehrtheit“ wie Körperverletzung. Wenn der Täter verurteilt ist, geht die Arbeit der Opferhilfe häufig weiter. Wie lange Klienten über den Prozess hinaus Beistand brauchen, hängt von deren seelischem Zustand ab. In vielen Fällen rät Dagmar Behrens zu einer Therapie und vermittelt diese.

Zunächst aber muss das Urteil erklärt werden, erst recht nach Bewährungsstrafen oder Freisprüchen, wenn diese als zu milde oder ungerecht empfunden werden. Viele Opferzeugen schaffen es psychisch nicht, nach ihrer Aussage im Saal zu bleiben, um den Ausgang des Verfahrens abzuwarten.

„Viele wollen auch gar keine Strafe“, so die Erfahrung von Dagmar Behrens. „Vor allem, wenn der Täter ein Verwandter ist, soll er das Unrecht einsehen und eine Therapie machen. Er soll selbst etwas dafür tun, dass es nie wieder geschieht.“

Wenn Kinder Opfer von Sexualdelikten geworden sind, befürwortet die Büroleiterin eine Teilnahme an Kursen zur Selbstbehauptung oder anderen Angeboten. „Dort“, so Behrens, „können sie lernen, Nein zu sagen.“




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